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Armin Petras über „we are blood“

Armin_Petrastip Das neue Stück von Fritz Kater, das Sie jetzt am Maxim Gorki Thrater inszenieren, heißt „we are blood“. Wie buchstäblich ist der Titel zu verstehen?
Armin Petras Es geht um die Sehnsucht nach einer neuen Art von Gemeinschaft. Ob man das positiv oder negativ findet, romantisch oder faschistoid, ist erst mal eine ganz andere Frage. Direkt übersetzt, meint „we are blood“ ja: Wir sind Blutsverwandte. Für Jugendgangs in London, Downtown, ist das zum Beispiel ein ganz wichtiger Spruch. Bei Kater sind es Menschen aus völlig verschiedenen Lebenszusammenhängen und Altersklassen, die wie über ein unsichtbares Rhizomgewebe miteinander verbunden sind.

tip Das Stück spielt in Brandenburg. Zuerst 1985 beim Bau eines Atomkraftwerks, dann in der Gegenwart, wo sich Ost- und Westdeutsche, Naturschützer und Investoren, um die Zukunft der schrumpfenden Region streiten, während ihre Kinder nach rechts driften oder mit Krebs im Krankenhaus liegen. Wie haben Sie recherchiert?
Petras Das Stück ist im Kontext unseres Projekts „Überleben im Umbruch“ am Maxim Gorki Theater entstanden: Soziologen wie Heinz Bude haben drei Jahre lang in Wittenberge geforscht, ihre Studenten mit den facettenreichsten Untersuchungsaufträgen durch die Stadt gejagt und uns das Material zur Verfügung gestellt. Das ging von Berichten über Bauvorhaben bis zu Biografien einzelner Frauen oder Männer. Vieles war neu für mich, obwohl ich mich in diesen ländlichen Regionen relativ gut auskenne. Zum Beispiel das Atomkraftwerk: Das haben damals tatsächlich 10.000 Menschen in acht Jahren gebaut. Es ging aber nie ans Netz. Dann hat es eine Frau für einen Euro gekauft, und jetzt arbeiten seit vier Jahren vier Leute daran, es wieder zu zerlegen und den ganzen Schrott zu verkaufen.  

tip Im Stück bilanziert eine 56-jährige Krankenpflegerin, das einzige, was im Osten früher besser war als heute, seien die Männer gewesen. Wie sieht es da mit der empirischen Beweislage aus?
Petras (lacht) Ich weiß noch nicht, ob dieser Satz nicht noch gestrichen wird, weil ich totale Angst habe, wieder auf den Ostler festgelegt zu werden. Aber der Witz ist: Das ist tatsächlich das einzige Zitat im ganzen Text, das Herr Kater eins zu eins aus einer soziologischen Quelle übernommen hat!

Interview: Christine Wahl

Foto: Jonas Ludwig Walter

We are blood, Maxim Gorki ?Theater, Mitte, Am Festungsgraben 2, 5.5., 19.30 Uhr & 9.5., 18 Uhr

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