Medienkunstfestival

Ars Electronica 2017

Von Mensch zu Bot, von Mensch zu Pinguin: Die Ars Electronica macht eines der wichtigsten Medienkunstfestivals in Europa. Jetzt kommt sie nach Berlin

Foto: Shinseungback Kimyonghun

Blumen, Bienen, Biomasse – das ist es, was der Mensch seit Jahrhunderten für Natur hält. Natürlich gewachsen oder durch die Evolution hervorgebracht wie die menschliche Spezies und die sie umgebende Umgebung. Neben dieser vertrauten gibt es aber eine immer stärkere zweite, eine künstliche Natur, die sich weltweit etabliert, und die sich in digitalen, selbstlernenden Programmen ebenso findet wie in künstlichen Gliedmaßen – und die uns zunehmend umgibt.

Die Verschränkungen und Schnittstellen zwischen diesen Welten, die Möglichkeiten und Gefahren von Kommunikationstechnologien zeigt seit fast zwanzig Jahren die Ars Electronica aus Linz. Als Museum und mit einem Festival. Aktuell haben deren Kuratoren Manuela Naveau und Martin Honzik im Volkswagen Forum 14 neue künstlerische Positionen für die Ausstellung „Begegnung“ zusammengestellt, die vom Mensch ausgehend die aktuellen Fragen dieser Entwicklung beleuchten. Und die sind grundlegend: „Was bedeutet es für uns, wenn wir nicht mehr genau wissen ob wir mit einem Bot oder einem Menschen sprechen?“, so Kuratorin Naveau, „wenn wir also nicht mehr wissen, wer unser Gegenüber ist?“ Das gleiche gelte für die immer mehr mitdenkenden Implantate oder Prothesen, die den menschlichen Körper ergänzen: „Was passiert dann in uns?“ Wenn, wie der Künstler Isaac Monté vordenkt, Schweineherzen zu ernsthaften Optionen für verbessertes menschliches Leben werden? Monté hat einige dieser Herzen dezellularisiert, also zelltechnisch neutralisiert (wie es heute bereits in der, menschlichen, Organtechnik gemacht wird), und so, ästhetisch umgewidmet, als optimierte Herzen ausgestellt.

Nicht ganz so explizit sind Künstlerinnen wie die Designerin Iris van Herpen, die sich dafür schon lange mit smarten, also mitdenkenden Stoffoberflächen beschäftigt, und die zuletzt Sasha Waltz’ „Kreatur“-Stück ausgestattet hat. Auch sie beschäftigt sich mit neuen konzeptuellen Technologien und Optimierungen. So ist sie in der Ausstellung mit Entwürfen vertreten, in denen sie Kymatik nutzt, eine Technik, mit deren Hilfe sie Schallwellen und Schwingungen als geometrische Muster auf Stoffen abbilden kann. Weitere Arbeiten beschäftigen sich direkter mit unserer eigenen Wahrnehmung von Wirklichkeit, so wie bei dem „Penguin Mirror“ von Daniel Rozin, der 450 motorbetriebene Plüschpinguine mit dem Besucher wie mit einem Spiegel interagieren lässt – und ihm das Gefühl gibt, die Tiere dirigieren zu können. Ein Wunschdenken, das sich bestens mit den Ausstellungsthemen Reflexion und Simulation verbinden lässt.

Einem weiteren Wunschdenken, noch dazu einem sehr romantischen, geht die Berliner Gruppe Quadrature mit dem Projekt „Verortung des Unbekannten“ nach. Verfolgt werden die von Hobby-Astronomen aufgezeichneten Beobachtungen von Flugobjekten, vor allem die 52 bisher nicht näher zuortbaren Objekte, die man tatsächlich entweder als Spionagesatelliten oder doch als etwas viel interessanteres (UFOs?) ansehen könnte. Wie Kuratorin Naveau sagt: „Wir simulieren ja immer nur, was wir kennen, vielleicht müssen wir auch einfach mal andere Gedanken zulassen.“ Oha!

Drive Friedrichstr. 84, Mitte, Mo–So 10–20 Uhr, 22.7–26.10.

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