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Artisten der Wintergarten-Show „All Night Long“

Artisten der Wintergarten-Show

Es gibt da diesen Moment inmitten der Show „All Night Long“: Nach der Pause schreitet Whitney Houston in vollem Glamour die Treppe hinunter. Nach dem Applaus ein basstiefes „Thank you“. Und dann Berliner Schnauze. Er sei „Sängerin mit dem gewissen Etwas“. Den Männern aus den ersten Reihe klappt die Kinnlade runter. Die sexy Frau mit der verblüffend echten Whitney-Stimme ist ein Mann: Ikenna, ursprünglich aus Nigeria, aber seit seiner Kindheit Berliner. Keine Sorge, schon ganz andere sind drauf reingefallen. Auch CNN. Der Nachrichtensender blendete 2012 nach Whitney Houstons Tod, Fauxpas, Fotos von Ikenna ein. Das konnte nur passieren, weil Ikenna nichts dem Zufall überlässt. Von Kopf bis Fuß stimmt jedes Detail: Schuhe, Strumpfhose, Make-up, jede Strähne. „All Night Long“ ist ein Mix aus Soul-Musik und Live-Akrobatik. Nach viereinhalb Monaten im Wintergarten-Varietй gibt es im September einmalig die Open-Air-Version in der Wuhlheide, natürlich mit Ikenna.
Seit 20 Jahren singt Ikenna in New York, Las Vegas oder Paris. Kaum in Berlin, obwohl er hier wohnt. Manchmal ist er selbst überrascht, wenn die Comedy-Einlagen in Tokio genauso ziehen wie in Sydney. „Ich hab ein kleines Köfferchen, Kleidchen und Stimme im Hals“, sagt er. Für etliche seiner Artisten-Kollegen aus „All Night Long“ gestaltet sich das Reisen schon schwieriger. Weil viele Requisiten brauchen, perfektes Licht und den richtigen Boden.
Zum ersten Mal hat Ikenna sich mit 15 Jahren an Silvester geschminkt. Er kannte sich aus, denn vorher hatte er regelmäßig bei seiner Mutter das Make-up aufgetragen, wenn sie ausging. Gesungen hat Ikenna immer. „Meine Mutter sagte, dass ich toll singe, aber was hätte sie auch sonst sagen sollen?“ Gesangsunterricht hatte er, kaum zu glauben, nie. Dennoch ist er ein gefragter Star, meist ein Jahr im Voraus ausgebucht. Während des Gesprächs klingelt sich das Telefon heiß. Klingelton: Whitneys „I Wanna Dance with Somebody“. Trotzdem ist ihm Trubel zuwider: „Auf der Bühne möchte ich die Leute flashen. Das ganze Drumherum ist eher anstrengend.“ Deshalb dürfen wir Ikenna auch nicht ungeschminkt fotografieren. Seine Nachbarn haben keine Ahnung, was er abends treibt: „Es ist mir unangenehm, wenn Leute mit einem Kuchen kommen, weil sie denken, man sei wichtig.“ Party macht er nur noch, wenn er am nächsten Tag nicht arbeiten muss.
Diesen speziellen Moment in der Show, wenn die Männer aus den ersten Reihen rot anlaufen, will einer nie verpassen: Jongleur Abbdi, ebenfalls Artist bei „All Night Long“. Er lugt dann unauffällig hinter dem Seitenvorhang hervor. Schon als Kind in Äthiopien war Abbdi Artist, tourt heute durch Australien, Amerika, Asien.

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Die zwei Meter lange Granitplatte, auf die er seine Bälle knallen lässt, wiegt zarte 80 Kilo. Sie reist öfter mal im Cargo-Flieger.
„Abbdi ist beeindruckend diszipliniert“, schwärmen die Kollegen. Er trainiert jeden Tag – auch wenn andere mal sagen: Heute hab ich keine Lust, oder nur fünf Minuten lang. Nur deshalb sieht seine Nummer auf der Bühne so easy aus. Wie er gemerkt habe, dass er dieses Jonglage-­Talent hat? „Ich sag doch nie, dass ich gut jonglieren kann“, kokettiert er mit breitem Grinsen. Dabei gibt es in Äthiopien mittlerweile Abbdi-Imitatoren, die „Abbdi Style“ jonglieren. Hier in Berlin fühlt sich die Akro­batik für ihn hingegen „fast wie ein normaler Job“ an, sagt er, „tagsüber aus dem Haus und abends zurück ins eigene Bett“. Das tut bei all dem Reisen sonst auch mal gut.
Das geht auch Abbdis Show-Kollegen Monsieur Chapeau so, der bei aller Soul-Musik sagt: „Meine Familie tut meiner Seele gut.“ Am Ende des Jahres wird er acht Monate auf Tour gewesen sein. Er balanciert auf atemberaubend wackligen Türmen aus Koffern, Rollen und Brettern. Dazu läuft Bobby McFerrins „Don’t Worry, Be Happy“ – im Grunde sein Lebensmotto.
Angefangen hat er beim Waldorfschul-Zirkus in Weimar, dann war er bei einer Clown- und Gauklertruppe und zwei Jahre in Berlin auf der Artistenschule. Auch das Abrollen muss trainiert sein, für den Fall des Fallens. Wenn die Koffer etwas schräg stehen. „Open Air ist eine besondere Herausforderung“, sagt er, „durch den Wind. Wenn er gleichmäßig kommt, geht es noch, aber Böen sind echt schwierig.“
Ob auch Abbdi aufgeregt ist vor dem Open Air im September? „Die Bälle sind schwer, die bringt kein Wind durcheinander, aber mit Keulen und Ringen zu jonglieren, ist open air enorm schwierig.“ Auch seine Nummer huldigt, wie Ikennas, einem vor nicht allzu langer Zeit verstorbenen Musik-Idol: Michael Jackson. Normale Jonglage, sozusagen „Russian Style“, wie er sagt, mag er nicht: „Es sollte immer ein Flavour mit dabei sein, eine zusätzliche Bewegung.“ Bei ihm ist das die Michael-Jackson-Choreo­grafie. Moonwalk inklusive. Das gibt satten Applaus. Der bringt ihn keinesfalls aus der Bahn. Er braucht ihn geradezu: „Das gibt dir Kraft und Motivation, alles noch besser zu machen – weil es beim Publikum ankommt.“ Auch Ikenna liebt es, wenn das Publikum reagiert: „Ich freue mich, wenn die Leute bei ‚One Moment in Time‘ mitsingen“, sagt er. In der Wuhlheide mit 15?000 Zuschauern wird das sicher klappen. „Mir würde ‚All Night Long‘ auch im Aquarium oder am Meeresboden unter einer Glasglocke gefallen. Und open air – das wird ne große Party„, sagt er mit Whitney-Lachen. Hoffentlich muss er am nächsten Tag nicht arbeiten.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Abdurazak Reshid Adem/ Ralph Hilcz

All Night Long
Sa 13.9., 20 Uhr,
Kindl-Bühne Wuhlheide

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