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Malerei

Atelierbesuch bei dem Maler Wolfgang Petrick

Wolfgang Petrick gastiert mit seinen Gemälden und Assemblagen in der Reihe „Im Atelier Liebermann“ am Brandenburger Tor und entlarvt jegliche Stabilität als Illusion

Foto: Nancy Goering

In seinem Atelier herrscht kreatives Chaos. Echsenwesen, Gasmasken, übermalte Fundstücke, Puppen im Glashaus. Wolfgang Petrick montiert und deformiert, was ihm ins Auge fällt. Groteske Mutationen von Figur und Architektur mäandern über die Bildflächen. Malerei erweitert er zu Assemblagen, die Grenze zwischen Leinwand und Skulptur überwindend. Ja, in seinen quasi barocken Umformungen des Bildraumes verschwimmt sogar der Standpunkt des Betrachters. Alles dreht sich, scheint in Bewegung.
„Ich breche Räume und Funktionen, experimentiere mit Formen, Farben, Materialien, Fundstücken“, sagt der Künstler. Es sind die Schatten der Zerstörung, die sich einprägen, die ramponierten Körper auf seinen digitalen Montagen und die Entlarvung jeglicher Stabilität als Illusion. Von wegen Ordnung, Irrationalität ist Trumpf. Sie bringt unseren Orientierungssinn in Wanken. „Mich interessieren biomorphe, zelluläre und psychologische Prozesse.“ Auch darin geht es um permanente Verwandlung.

Diese Dynamik findet sich in seinen Bildstrudeln und Zerrbildern wieder, in farb­gewaltigen Großformaten und grotesk ­anmutenden Skulpturen. Die Stiftung ­Brandenburger Tor versammelt sie nun im Max Liebermann Haus am Pariser Platz. „Go(o)d Speed“ heißt der Einblick in das spannende Schaffen des Experimentier­freudigen. ­Aktuelle Arbeiten treffen auf ältere. Geboren in Ludwigsfelde, war Petrick 1964 ­Mitbegründer der legendären Selbsthilfegalerie „Großgörschen 35“, später über 30 Jahre lang UdK-Professor.
Aus der Schublade des „Kritischen ­Realismus“ ist er ausgebrochen, hat sein Werk konsequent weiterentwickelt. Kurator Wulf Herzogenrath nennt es „die Methode der Anamorphose“, die Petrick eine „neue Dynamisierung der gesamten Bildfläche“ ermöglicht. Seine geschundene Figurenwelt kämpfe seit einigen Jahren „nicht allein mit sich, den Farbgesten und eigentümlichen Objekten, mit Gerätschaften und Waffen –nein, die ganze Malfläche versinkt in einem Strudel, in anamorphotischen Bildräumen.“

Der Figur war der Künstler immer auf der Spur. In der Tradition von James Ensor, George Grosz und Otto Dix zerlegt und verzerrt er sie, ohne jedoch zu karikieren oder sich eindeutig festzulegen. Bilder und Objekte wachsen und gedeihen, indem er sie übermalt, ergänzt, weiterzeichnet. Oft sind es eigene Fotos, inszenierte Situationen mit Modellen, die dem Suchenden als Grundlage dienen, sich treiben zu lassen.

„In der driftenden Bewegung manipuliert der Maler seine Fotos, lässt sie zu Objekten werden, aus denen Skizzen und Zeichnungen entstehen, die er am Computer weiter moduliert“, so der Philosoph Stefan Winter im Künstlerbuch zur Ausstellung. Petrick malt in den Ausdruck hinein, scannt die neue Form wieder ein und projiziert am Ende eine Skizze auf die Leinwand, überträgt ihre Konturen mit der Hand. Naturalismus sieht anders aus. Begierig saugt hier einer alles Neue auf, um es zu transformieren.

„Go(o)d Speed“ vermittelt Tempo und Wandlung, Kunst zwischen Illusion und Wirklichkeit. Dabei zollt der in Berlin lebende Künstler auch dem Ort Tribut. Das Brandenburger Tor erscheint auf einem Pigmentdruck und in seinem „Berliner Fries“ (2017). Solch architektonische Reminiszenzen verschmilzt der 78-Jährige mit Erleben und einem gefährdeten, manchmal auch gefährlich anmutenden Figurenarsenal. Lange hatte er ein zweites Studio in New York, wurde 2001 Zeuge des Anschlags auf das World Trade Center.

In seinen Werken lauern Katastrophen von jeher, zumindest aber Veränderung. Nichts bleibt wie es ist. All die realen Eindrücke verarbeitet der Visionär, mischt Versatzstücke aus Natur und Umwelt mit schwungvollen Hinweisen auf latente Bedrohung. Dabei wirken seine magischen Bild-Verwirbelungen wie Energiespender. Es ist vielleicht noch nicht aller Tage Abend. Einen Funken Schönheit bewahrt die Kunst. So furios wie seine ist selten eine.

Stiftung Brandenburger Tor im Liebermann-Haus Pariser Platz 7, Mo 10 – 20, Mi – Fr 10 –18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 5.10.– 2.11

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