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Auch Michael Müller will der neue Wowereit werden

Auch Michael Müller will der neue Wowereit werden

Jetzt steht er tatsächlich mit im Ring. Michael Müller, Stadtentwicklungssenator, SPD. Am Tag zuvor, bei einer Pressekonferenz über einen neuen Leitfaden für städtebaulicher Verträge, hatte er noch vielsagend über die „Freiheit, zwei bis drei Tage nachzudenken“, räsoniert. Sichtlich heiter gestimmt und auch nicht sonderlich überrascht darüber, dass man ihn bei dieser Pressekonferenz, es ging ja eigentlich um sein Lieblingsthema Wohnungsbau, nach seinen eigenen Ambitionen für die Wowereit-Nachfolge gefragt hatte. Wie man so schön sagt: Ein Dementi sieht anders auf. Vierundzwanzigeinhalb Stunden später, am heutigen Freitag also, da sind tatsächlich diese drei Tage seit der Rücktrittsankündigung des Regierenden Bürgermeisters zum 11. Dezember vergangen, saß Müller nun wieder im Raum 101 im ersten Stock seiner Senatsverwaltung. Und  er machte aus dem Zweikampf um den Berliner Spitzenjob zwischen SPD-Landeschef Jan Stöß und Fraktionschef Raed Saleh kurzerhand einen Dreikampf: „Ich will es öffentlich sagen, dass ich Regierender Bürgermeister werden will und für das Amt kandidiere.“  Das werden jetzt unterhaltsame Tage in der SPD. Mindestens bis zum 8. November, dem Landesparteitag, auf dem Wowereits Nachfolger verkündet werden soll. Bis dahin müssen nämlich die 17000 Berliner SPD-Mitglieder ihr Votum für einen der Kandidaten abgeben haben, was mit dem Dreikampf ein durchaus anspruchsvolles Unterfangen werden könnte. Man möchte sich übrigens gar nicht ausmalen, was in der Partei los wäre, wenn sich bis zum Montag, der Deadline für Bewerber, noch einer aus der Deckung traut. Vielleicht doch die ehrgeizige Arbeitssenatorin Dilek Kolat? Oder gar der Kollege Nußbaum aus dem Finanzressort, immerhin beliebtester Berliner Politiker, allerdings ohne SPD-Mitgliedsbuch? Wenn sogar der agile Herr Lauer von den Piraten seinen sicher ernst gemeinte Bürgermeisterschaftswillen rübertwittert (Dr. Motte will auch regieren, behauptet er). Aus der Deckung also. Auch von Müller hatte man bislang immer gedacht: Der traut sich nicht. Seit vor zwei Jahren Stöß ihn, ehedem Wowereits Kronprinz, unsanft vom Parteivorsitz befreite, übrigens gemeinsam mit Saleh. Jener Raed Saleh, der wiederum Müllers Nachfolger als Fraktionschef wurde, als dieser in den Senat ging. Nun also zieht Michael Müller gleich gegen zwei Nachfolger ins Feld. Schon am Donnerstag hatte er erkennen lassen, dass ihm bei den beiden politisch links von ihm selbst zu verortenden Stöß und Saleh eine wirtschaftsnähere Alternative fehle. Einen wie ihn, Müller, von Anfang an unter Wowereit in diversen Funktionen ganz nahe an der Regierung. Das sagte er natürlich nicht genau so, zwischen den Zeilen ist ja mitunter auch viel Platz. Seine Regierungserfahrung könnte nun ebenso sein Vorteil wie sein Nachteil sein. Zum einen bringt Müller, das betont er selbst natürlich auch, deutlich mehr Politik- und Verwaltungsexpertise mit als seine beiden Kontrahenten. Zum anderen aber könnten ihn weniger wohlmeinende Zeitgenossen  – und die werden sich in den nächsten Tagen sicher reichlich zu Wort melden – durchaus aus Wowereits Fortsetzung mit anderen, vor allem weniger charismatischen, Mitteln klassifizieren. Müller mag ja bekannt sein in der Stadt. Richtig beliebt ist er deswegen nicht. Noch nicht. Aber Müller hat in den letzten Jahren nicht nur in Sachen Gute-Laune-Schlagfertigkeit ein bisschen nachjustiert. Ganz brauchbar zum Beispiel seine Replik auf eine Journalistenfrage, was denn Stöß und Saleh auf seine zuvor telefonisch überbrachte Kandidatur gesagt hätten: „Müller, mach es!“ Dazu lachte er schallend. Auch taktisch spricht seine nachgereichte Bewerbung für beachtliche Raffinesse. Es gilt die alte Politik-Regel: Wer zuerst zuckt, wird abgeräumt. Saleh und Stöß sind überaus rasch vorgeprescht mit ihren Kandidaturen, vor Ambitionen geradezu berstend. Müller dagegen hat sich in aller Ruhe beraten, sich sicher auch die ersten Umfragen angesehen (die sehen weder für Stöß noch für Saleh berauschend aus), sich gestern noch rasch von Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky loben lassen. Und dann hat er kurzfristig für heute Vormittag zur Pressekonferenz geladen. Müller weiß, wie es ist, richtig auf die Fresse zur kriegen und trotzdem unverdrossen weiter zu machen. Die Nehmerqualitäten hat er nach dem verlorenen Tempelhof-Volksentscheid bewiesen: einfach eine Wohnungsbau-Initiative nach der nächsten raushauen und gucken, was geht. Jetzt aber muss Michael Müller zeigen, dass er nicht nur gut verlieren, sondern auch gut gewinnen kann. Wann, wenn nicht jetzt.

Text:
Erik Heier

Foto: Harry Schnitger

 

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