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Audiowalk „Remote Mitte“ – Mit der Horde durch Berlin

Unvorhergesehene Gruppendynamik: Beim Audiowalk „Remote Mitte“ schickt das Gorki Theater in Zusammenarbeit mit Rimini Apparat eine Gruppe von rund 20 Leuten mit einer KI-Stimme auf den Kopfhörern durch die Innenstadt. Wir sind mit der „Horde“ durch Berlin gezogen und haben uns auf die Suche danach begeben, was uns noch von einer Künstlichen Intelligenz unterscheidet. Und die Stadt wird zur Bühne.

"Remote Mitte" verwandelt den Hauptbahnhof in eine Bühne.
Der Hauptbahnhof wird bei „Remote Mitte“ zur Theaterbühne. Foto: Benedikt Kendler

Die Zombies tragen Kopfhörer und treffen sich am Invalidenfriedhof. Wir sind die Zombies. Ich bin ein Zombie. Es geht los.

Langsam strömen wir alle von den einzelnen Gräbern in die Mitte des Friedhofes. Die Stimme kommentiert das Geschehen von außen, sie ist nicht Teil von uns und lässt uns das auch spüren: „Wie Zombies kommen sie aus allen Richtungen“, hält sie fest und fordert uns auf, einen Kreis zu bilden, uns gegenseitig ins Gesicht zu schauen. Wer sieht uns ähnlich? Wer ist uns fremd? Unser Genmaterial sei zumindest zu 99 Prozent identisch, so die Stimme.

Die Zombies, die sich am Nachmittag in Mitte eingefunden haben, sind eigentlich die Teilnehmer des vom Gorki Theater in der Zusammenarbeit mit dem Rimini Protokoll entwickelten Audiowalks „Remote Mitte“.  Das Konzept ist nicht ganz neu, wurde erstmals 2013 unter dem Namen „Remote Berlin“ erprobt und in den darauffolgenden Jahren in Städten auf der ganzen Welt in ortsspezifischen Varianten angeboten.

Nun kehrt das Projekt mit einem neuen Audiowalk nach Berlin zurück und ist dabei wie geschaffen für die aktuelle Pandemie, die ja ansonsten das Berliner Kulturleben weitestgehend zum Erliegen gebracht hat. Eine kleine Teilnehmergruppe, die sich Abstand haltend und größtenteils an der frischen Luft durch Berlin bewegt – das Konzept ist absolut corona-approved. Und das in einer Zeit, in der sich die Berliner Theater mit aufwändigen Hygienekonzepten auf die neue Spielzeit vorbereiten.

Audiowalk „Remote Mitte“: Die KI versteht das Konzept Demokratie nicht

Die Frage nach der Menschlichkeit künstlicher Intelligenz, und damit auch nach dem Konzept Menschlichkeit generell, ist die leitende Frage in „Remote Mitte“. Die KI-Stimme beobachtet uns aus der Ferne, macht klar, dass sie anders ist und kommentiert unser Verhalten. Wir sollen die anderen Individuen der Horde mustern: Können wir an ihnen Abzeichen von Verfall oder Abnutzung ausmachen?

Dann überqueren wir auf das Kommando der Stimme eine Ampel und laufen am Alexanderufer Richtung Charité. „Hier“, so die Stimme, „wird geforscht, um das menschliche Betriebssystem zu verlängern.“ Fast spöttisch betont die KI die menschliche Endlichkeit.

Wie verhalten wir uns in Gruppen? Ordnen wir uns unter oder versuchen wir zu leiten? Die Horde steht neben dem Futurium und blickt Richtung Bundestag. Demokratie – ein Konzept, dass die KI nicht versteht. Und an uns testen will. Wohin gehen wir jetzt? Nach links oder rechts? Die KI stellt uns vor die Wahl, hält sich zurück. Die Horde ist auf sich selbst gestellt, wir müssen uns entscheiden. Wenig später haben wir uns weitestgehend wortlos für eine Richtung entschieden, passieren die Hugo-Preuß-Brücke und mimen eine Demonstration. Die entsprechende Soundkulisse haben wir auf dem Kopfhörer.

Das Futurium in Berlin
„In der Hauptstadt bauen sich die Menschen ihrer Häuser aus Glas und Beton.“ Foto: Benedikt Kendler

Eine großartige Gruppendynamik entsteht

Der Audiowalk umfasst auch eine kurze S-Bahnfahrt ab Hauptbahnhof. Bevor wir jedoch in den Zug einsteigen, verwandeln wir uns in ein Theaterpublikum und beobachten die vorbeilaufenden Passanten aka Schauspieler. Jeder von ihnen spielt eine Rolle, erzählt uns die Stimme, manche würden so tun, als ob sie das Publikum nicht bemerkten, andere mustern uns oder bauen sogar Blickkontakt auf. Die meisten ignorieren uns aber einfach – wir applaudieren trotzdem, aus Dank für die gelungene Performance.

In solchen Momenten entsteht die großartige Gruppendynamik, von der „Remote Mitte“ lebt. Wir fühlen uns wirklich als ein Kollektiv, das ein gemeinsames Geheimnis teilt – die Stimme in unseren Kopfhörern. Wir lassen uns fallen und machen, was sie sagt. Im Schutz der Horde interessieren uns die verwirrten Blicke der Passanten, die uns nicht einschätzten können und uns schließlich wahrscheinlich doch als durchgedrehte Reisegruppe aus jottwede einordnen, nicht.

Gedanken für den Nachhauseweg: Viele Fragen, wenig Antworten

Die Stimme auf unseren Kopfhörern entlockt uns mal einen Schmunzler, um dann wieder existenzielle Themen aufzuwerfen. So ist „Remote Berlin“ unglaublich anregend. Nach dem Besuch hat man nicht nur das Gefühl, die Stadt auf einem neuen Weg kennengelernt zu haben, sondern auch viele tiefgreifende Gedanken, über die man auf dem Nachhauseweg und auch noch später nachgrübeln kann. Das ist schön. Schade ist es aber, dass viele Fragen gestellt, viele Themen gestreift werden, aber wenige beantwortet, selten etwas wirklich vertieft wird. Ein wenig fehlt der rote Faden, der die einzelnen aufgegriffenen Aspekte zusammenführt. Hier macht es sich „Remote Berlin“ dann doch sehr leicht, lässt Tiefgang vermissen. 

Zumindest bei unserem Besuch gab es einige technische Probleme, die das Erlebnis zwar nur marginal beeinträchtigt haben, aber trotzdem ärgerlich sind. Beeindruckend dagegen war aber der sonstige Ablauf, die Stimme wusste zum Beispiel genau, wann die Ampel auf Grün umschlägt oder die S-Bahn einfährt. Sogar, zu welchem Zeitpunkt der Fahrt eine Ansage ihres Kollegen „Ingo“ zu hören ist. Das steigert die Atmosphäre ungemein!

Teilnehmerin des Audiowalks "Remote Mitte"
„Remote Mitte“ führt uns hoch hinaus. Foto: Benedikt Kendler

Ein immersives Erlebnis

„Remote Berlin“ erfrischt durch sein unverbrauchtes Konzept. Besonders die Einbindung der Örtlichkeiten in den Audiowalk erfolgt ausgezeichnet. In Erinnerung bleibt vor allem die zwischen den Teilnehmern entstehende Gruppendynamik, die von der KI-Stimme gelungen aufgegriffen und hinterfragt wird. So lohnt sich die Teilnahme gerade auch ohne mitgebrachte Begleitung, da das Individuum dann stärker auf die es begleitende Herde angewiesen ist und der Audiowalk somit noch intensiver wird. Aber Augen auf! Das Erlebnis ist so immersiv, dass die inzwischen überall herum-stehenden und -liegenden Elektroroller schnell zur gefährlichen Stolperfalle werden.

  • Remote Mitte, Mo-Mi 15 Uhr, Invalidenfriedhof, Tickets gibts es hier.

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