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Recherche-Ausstellung

Auf Ressource reduziert: „Humanity at Work“ im Haus der Kulturen der Welt

Im Haus der Kulturen der Welt zeigen Romana Schmalisch und Robert Schlicht, wie in der heutigen Gesellschaft Arbeitskraft produziert wird

Romana Schmalisch, Robert Schlicht: Top/Down, 2017 (Filmstill)

tip In der Ausstellung „Humanity at Work“ werden Sie ein Arbeitskraftwerk präsentieren. Was ist darunter zu verstehen?
Romana Schmalisch Wir haben diese fiktionale Institution geschaffen, um modellhaft das Erlernen von Arbeit vorzuführen. Im Zentrum der Ausstellung steht unser Film Top/Down, der in einem semi-transparenten Kubus zu sehen sein wird. Drei Manager diskutieren in einem Rollenspiel über aktuelle Führungsstrategien. Außerhalb dieses Kubus hat man an drei Wänden in verschiedenen Darstellungsformen das Arbeitskraftwerk – da geht es um Szenarien, wie in heutigen Gesellschaften die Arbeitskraft produziert wird.
Robert Schlicht Diese Szenarien bestehen komplett aus real existierenden Elementen, die wir recherchiert haben: auf Arbeitsämtern, in berufsvorbereitenden Kursen oder auch bei privaten Einrichtungen, die Menschen bei Bewerbungen unterstützen. Diese Elemente haben wir unter einem Dach vereinigt. Der Gedanke dabei ist, dass Arbeitskräfte ja auch Waren sind, und insofern auch produziert werden müssen. Es geht also nicht um Arbeit selbst, sondern um Vorbereitung auf Arbeit, um den Begriff von Arbeitskraft. Kommunikative, soziale, psychologische und emotionale Kernkompetenzen, die sogenannten „soft skills“, werden geübt und dabei auch erst hergestellt.

tip Kann man den Ausstellungstitel so lesen, dass er auf eine anthropologische Recherche zielt?
Schlicht Bei dem Wort Humanität schwingt eher die Rede von Humankapital und Human Resources mit. Da steckt also auch etwas Gemeines drin, so wie das Menschliche auf eine Ressource reduziert wird. Anthropologie oder Ethnologie ginge in eine andere Richtung, weil wir uns eben auf die Gesellschaft konzentrieren, die uns umgibt. Die Fähigkeit zu arbeiten ist ein menschliches Vermögen, das kapitalistisch formatiert wird.

tip In dem Film Top/Down, der mit Science-Fiction-Elementen spielt, bekommt man einen Ausblick auf das künftige Management eines Arbeitskraftwerks. Spielen da Menschen sich selbst, oder sind das Schauspieler?
Schmalisch Die Hauptrollen haben wir mit Schauspielern besetzt, wir haben aber auch in verschiedenen Zusammenhängen mit Reenactments und mit tatsächlichen „formateurs“, wie sie in Frankreich genannt werden, gearbeitet. Es kam uns auf eine Verbindung an: So haben wir Schauspieler eingeschleust in reale Situationen, in denen Auszubildende oder die Lehrkräfte sich selber spielen.

tip Einmal spricht jemand von „postheroischem Management“, das ist auch ein aktueller Schlüsselbegriff. Was ist darunter zu verstehen?
Schlicht Das wäre die Management-Strategie, die sich darauf verlässt, dass die Arbeitskräfte, die ja eigentlich bezahlt werden, um zu arbeiten, auch noch das Management übernehmen und auch sich selbst managen. Im Gegensatz zum Top-Down-Modell, bei dem die Anweisungen von oben kommen. Wo das nicht der Fall ist, muss jeder sein eigener Held werden. Die ganzen Probleme der Eigenverantwortung schlagen sich auf den Arbeitnehmer und seine Psyche nieder.

tip Humanity at Work gehört in eine längere Beschäftigung. Geht es dabei auch um unterschiedliche Medien?
Schmalisch Inzwischen haben wir unter dem Titel „Labour Power Plant“ auch einen Spielfilm gemacht, der gerade in Fertigstellung ist. In Theaterform haben wir uns dem Thema ebenfalls genähert, dabei auch Strategien des „Unternehmenstheaters“ aufgegriffen. In der Ausstellung gibt es jetzt zusätzlich auch Texte, wo es um die Sprache geht, die in den Arbeitskraftwerken verwendet wird. Es gibt da also auch einiges zu lesen.

tip Fällt man als Künstler auch unter diese Formatierung von Arbeit durch ein System?
Schlicht In gewissem Sinn sicher, wobei wir allerdings nicht angestellt sind. Und unsere Arbeit ist eher Selbstzweck, den Lebensunterhalt verdienen wir damit kaum, das wäre schön.

Haus der Kulturen der Welt John-Foster-Dulles Allee, Tiergarten, Mi–Mo 11–19 Uhr, 16.11.–14.12.

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