Young Euro Classic

Young Euro Classic

Bei Young Euro Classic, so Programmchef Dieter Rexroth, zählt neben der Musik auch der politische Effekt

Foto: Mutesouvenir/Kai Bienert

Herr Rexroth, seit 18 Jahren betreuen Sie „Young Euro Classic“, wo in diesem Jahr Jugendorchester aus Südafrika, Slowenien, Georgien, Kanada, Russland und Neuseeland gastieren. Die können Sie doch unmöglich alle kennen!
Dieter Rexroth Stimmt. In den Anfangsjahren, als die EU noch kleiner war, liefen die Einladungen über die jeweiligen Länder. Später über die Botschaften und das Goethe-Institut. Ich selber bin auch gut vernetzt. Kenner der Szene sagten uns übrigens zu Beginn: „Finger davon! Wer geht im Hochsommer schon ins Konzert?“ Die Eintrittspreise waren am Kinoticket orientiert. Plötzlich passierte ein Wunder. Allerdings waren die Zeiten andere. Dort, wo heute „Lutter & Wegner“ ist, roch es damals noch recht seltsam.

Woher wissen Sie, dass Ihre Orchester was taugen?
Wir sind aus Schaden klug geworden. Zum Beispiel verfügt Rumänien über eine großartige Musikkultur. Doch dem Jugendorchester merkte man anfangs die wirtschaftliche Schwäche, auch soziale Zerrissenheit des Landes an. In anderen Fällen wussten wir von vornherein, dass man den Qualitätsstandard kaum erreichen wird, den wir gewohnt sind – und haben trotzdem den politischen Wert für hoch erachtet.

Vielleicht sind Qualitätsunterschiede sogar ein Vorteil.
Absolut. Eine Beethoven-Symphonie aus China klingt anders als aus Kasachstan. Man lernt etwas über die Stücke.

Unter den Mitwirkenden sind große Namen wie Kristjan Järvi, Wayne Marshall und ­Dianne Reeves. Die wiederum können Sie nicht bezahlen.
Die Künstler kommen trotzdem. Das ist der Bonus von Berlin. Die Finanzierung bringen meist die Orchester selber mit. Viele Dirigenten machen einen Sonderpreis.

Die Paten des Abends – diesmal unter anderem Heiko Maas, Michael Müller, Denis Scheck und Boris Aljinovic – waren gelegentlich die Schwachstelle des Abends …
Grundsätzlich beschränken wir uns darauf, zu sagen: „Fünf Minuten, bitte!“ Es geht nur, wenn eine Affinität zum Land da ist. Und zur Musik. Der SPD-Politiker Egon Bahr etwa, wie wir bei seiner Laudatio überrascht feststellten, wollte ursprünglich Kirchenmusiker werden.

Irgendwann scheint es einen internationalen Jugendorchester-Boom gegeben zu haben. Wann eigentlich?
Die Schlüsselfiguren zu Anfang der 80er Jahre waren Claudio Abbado und Leonard Bernstein. Sie fingen an, und plötzlich rückten auch Sergiu Celibidache, Bernard Haitink und ­Georg Solti nach. Sie haben einander angesteckt.

Sie haben fast 20 Orchester unterzubringen. Im Hostel?
Die Musiker wohnen in Hotels. Das geht nur im Sommer, nicht zur Messezeit. Zu Beginn hat auch schon mal ein Hotelier die Kündigung angedroht, falls sich das Benehmen nicht ändert. Heute ist es nicht mehr nötig, extra Alkoholverbot auszusprechen. Das regeln die Ensembles selber.

Eine internationale Pionierstellung kam lange dem Simón Bolívar Orchestra zu – dessen Chefdirigent Gustavo Dudamel heute in Venezuela als politische Persona non grata gilt. Rutschen die Jugendorchester in eine Krise?
Das glaube ich nicht. Aber die Szene verschiebt sich. In China, wo man früher in Mehrzweckhallen mit Teppichboden spielte, werden wie wild Konzertsäle gebaut. Da können wir nur staunen. Es bedeutet: Die Szene verlagert sich weg von Europa und von den USA.

 

KONZERTHAUS, Gendarmenmarkt, Mitte, Fr 3.8.–20.8., 20 Uhr, Karten 17–29 €

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