Ausstellungen

„100 Jahre Gegenwart“ im Haus der Kulturen der Welt

Interview mit Bernd Scherer

tip Herr Scherer, Ihr Cross-Over-Projekt rückt auf unkonventionelle, nicht lineare Weise die „Vielheit der Gegenwarten“ ins Blickfeld. Welche Aspekte sind gemeint?
Bernd Scherer Die seit einiger Zeit verbreitete Vorstellung, dass es eine globalisierte ?Welt gibt, lässt sich bei näherem Hinsehen nicht halten. Vielmehr existieren in den USA, Europa, im Nahen Osten und in China gleichzeitig vollkommen asymmetrische Gegenwarten. Aber auch in einer einzigen Person können verschiedenste Zeiten aufeinanderprallen –wenn zum Beispiel ein IS-Kämpfer aus Wuppertal sich sowohl auf archaische Vor­stellungen des Kalifats bezieht als auch hypermoderne Social-Media-Strategien anwendet, um die Zerstörung Palmiras öffentlichkeitswirksam zu inszenieren.

tip „100 Jahre Gegenwart“ erscheinen verdammt lange. Was verbindet unsere Zeit beispielsweise mit dem Ende des Ersten Weltkrieges?
Bernd Scherer Das hundertjährige Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs letztes Jahr hat gezeigt, dass Krieg in Europa wieder eine Option ist. Lange haben wir uns als pazifistische Gesellschaft verstanden und müssen sehen, dass 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges militärische Konflikte zur ständigen Realität geworden sind. Wir müssen uns heute mit dem Zusammenbruch von Ordnungssystemen auseinandersetzen, die im Zuge des Ersten Weltkrieges geschaffen wurden.

tip Im Gegensatz zu früher ticken die Uhren heute erheblich schneller, jedenfalls gefühlt. Historiker, die unsere Zeit künftig beleuchten, dürften es schwer haben…   
Bernd Scherer Ja, sie müssen mehr sein als Historiker und sich auf ganz andere Weise mit Technologie- und Erdgeschichte befassen. Heute stellt sich die Frage, wie die Geschichte des Menschen zur Geschichte des Planeten wird, und inwiefern die Technosphäre ein verantwortliches menschliches Handeln noch zulässt.

tip Künstler, Wissenschaftler und andere Zeitbeobachter kommen zum Auftakt ins HKW. Wie wird der Diskurs dann fortgesetzt?
Bernd Scherer  Nach dem breit angelegten Auftakt werden wir in unserem Vierjahresprogramm in etwa 15 größeren Projekten spezifische Zugänge zu einzelnen Themen eröffnen, die in ihrem Zusammenspiel ein komplexes Gesamtbild von 100 Jahren Gegenwart ergeben. Im Oktober folgt als Erstes die Schau „Wohnungsfrage“. Sie verbindet experimentelle Wohnformate, künstlerische Auftragsarbeiten und historische Modelle.

tip Was brachte Sie überhaupt auf die Idee zu dieser umfangreichen Zeitdiagnose?
Bernd Scherer  Ausgangspunkt war unser „Anthropozän-Projekt“, das die materielle Seite der grundlegenden Transformationsprozesse deutlich machte, die momentan stattfinden: Die vom Menschen überformte Natur bringt Ressourcenknappheit, Klimawandel und in der Folge Überschwemmungen und Dürren mit sich. Heute stehen die gesellschaftspolitischen Folgen dieser Prozesse auf der Agenda. Wir werden uns mit den Kriegen um Öl und Wasser beschäftigen, mit Migration und Flucht, failing states, der Knappheit von Wohnraum, mit Big Data und mit der Technosphäre, die ein neues Konzept menschlicher Verantwortung fordert. Hinzukam eine Förderung des Deutschen Bundestages dafür.

tip Werden Weltpolitik, Datenströme oder Traumzustände im HKW auch sichtbar gemacht oder primär diskutiert?
Bernd Scherer Sichtbar gemacht werden die Datenströme nicht direkt. Wir fahren ja auch nicht in unseren Autos auf den Datenautobahnen. Vor Traumzuständen dagegen wollen wir Sie nicht bewahren. Die Themen von „100 Jahre Gegenwart“ werden beim Auftakt nicht nur diskutiert, sondern auch sinnlich erfahrbar. Das Künstlerkollektiv „Slavs und Tatars“, gerade für den Preis der Nationalgalerie nominiert, etwa erforscht Weltpolitik mit diskursiv-ästhetischen Mitteln; der Medienwissenschaftler Erich Hörl nimmt Bilder zum Ausgangspunkt, um über Datenströme zu diskutieren.

tip Zur Eröffnung soll der Erste Weltkrieg im Konzert erklingen. Wie darf man sich das vorstellen?   
Bernd Scherer Das internationale Solistenensemble zeitkratzer wird ein Symphoniekonzert spielen, wie es in den ersten Kriegsjahren hätte stattfinden können. Die Programme wurden mit Kriegsbeginn drastisch verändert, dienten der Propaganda und hatten eine eindeutige patriotische Gesinnung zu demonstrieren. Interessant ist, dass diese Konzerte, bei denen Jubelkompositionen oder Trauermusik von Richard Strauss bis Max Reger, Arnold Schönberg oder Franz Lehбr gespielt wurden, von Rezitatoren unterbrochen wurden: Stand-Up Comedians der unterschiedlichsten politischen Couleur, die mit Gedichten und Aufrufen das Konzertprogramm kommentierten, unterstützen oder entlarvten. Als zweite Auftragsproduktion hat die junge Hamburger Band Trümmer ein Konzeptalbum über „Vincent“ komponiert, der in den Krieg zog und nicht mehr wiederkam. Leider ein aktuelles Thema gerade für junge Menschen. Die dritten im Bunde sind die Künstler-Musiker der (immer noch) Avantgarde Pop-Band F.S.K. aus München. Sie nehmen den Futurismus, einen Zeitgenossen des Ersten Weltkrieges unter die Lupe und ließen sich von Luigi Russolo und seiner „Kunst der Geräusche“ inspirieren..   

tip Geht es bei „Dehydrierte Landschaft des Zustands“, die der Bildende Künstler Reto Pulfer im Foyer installiert, um die global knapper werdenden Wasser-Ressourcen?
Bernd Scherer Interessante Lesart. In einem sehr weit gefassten Sinne könnte man sogar sagen, dass Sie Recht haben. Es geht aber im Kern um ein räumliches Archiv innerer Zustände, die immer auch Weltzustände reflektieren. Die verschiedenen Erinnerungsräume werden in einer Zeltlandschaft dargestellt.

tip Welche sind für Sie die größten Herausforderungen unserer Tage?
Bernd Scherer Wir müssen die Ursachen und Anlässe für Flucht und Vertreibung verstehen, Lösungsansätze für die Probleme der Menschen entwickeln, die sich auf der Flucht befinden. Dann stellt sich die Frage, wie die Kriegsgebiete im Nahen Osten wieder zum Frieden finden können. Drittens ist die Politik mit dem Problem des Anhäufens von Big Data und der fortlaufenden Technologisierung konfrontiert.

tip Welche Denkanstöße wollen Sie durch Ihr Projekt vermitteln?
Bernd Scherer Wenn man die Umbruchprozesse, mit denen wir uns beschäftigen, ernst nimmt, hat das Konsequenzen dafür, was wir unter Politik, unter Wissenschaft und Gesellschaft verstehen: Die Politik muss sich von Sachzwängen lösen, um Visionen zu entwickeln. Gleichzeitig benötigen wir neue Verfahren der Wissens-produktion. Die klassischen Disziplinen sind vor einem ganz anderen Problemhorizont entwickelt worden. Insgesamt brauchen wir neue  Zeithorizonte, um uns von dem Diktat des Moments zu lösen.

interview:
Andrea Hilgenstock

Foto: Dorothea Tuch / HKW

Haus der Kulturen der Welt John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, ?Mi–Mo 11–19 Uhr; „Der Auftakt“: Mi 30.9.–So 4.10.

Programm unter www.hkw.de

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