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13. dOCUMENTA in Kassel

documenta13_Penone_1_c_ConstanzeSuhrBeim Eintritt ins Fridericianum erwartet die Besucher ein windumhauchtes Nichts. Die leichte Brise lässt der britische Künstler Ryan Gander von einem versteckten Gebläse hinter dem Museum produzieren. Natürlich weiß inzwischen jeder aus den Medien, dass das „Herzstück der dOCUMENTA“ im Erdgeschoss die Besucher nicht mit Pomp, sondern mit vier leeren Räumen empfängt – bis auf eine einzelne Vitrine mit abstrakten Skulpturen vom ehemaligen dOCUMENTA-Künstler Julio Gonzбlez aus den 1950er-Jahren. Der Effekt, ein Gefühl des Außen im Innenraum, ist trotzdem da. Wenn sich dazu als tägliches Nebenschauspiel in derselben Ecke eines Ausstellungsraums eine neue Wollmaus präsentiert, könnte das Interesse an physikalischer Forschung erwachen. Das kommt übrigens im ersten Stockwerk des Museums zum Zug, wo Anton Zeilinger seine Experimente vorstellt. Der Quantenphysiker gehört – neben dOCUMENTA-Chefin Carolyn Christov-Bakargievs Hund Darcy, Genforschern, Buchverkäufern, Biobauern und den um die 150 Künstlerinnen und Künstlern – zu den Geladenen, die ihre Arbeitsergebnisse vorstellen.

Eine sinnliche Erfahrung ist die diesjährige dOCUMENTA, auch wenn von den zahlreichen interaktiven Werken manche eher einem Erlebnispark gleichen. Enttäuscht stehen die Besucher vor der Installation Massimo ­Bartolinis auf der Karlswiese vor der Orangerie und starren ins unbewegte Wasser des viereckigen Beckens mit rundum gepflanzter Gerste. Die Welle „funktioniert“ nicht. Eine genervte dOCUMENTA-Helferin hat den Schalter „nicht richtig gedrückt“. Sie versucht es noch einmal, dann klappt es. In gleichmäßigem Rhythmus schwappt das Wasser hin und her. Wie ein Symbol für den ewigen Kreislauf des Lebens wiederholt sich die Bewegung. Es ist schön und doch ziemlich pervers, dieses nachgebaute Naturereignis. Einen Unterschied zwischen Kultur und Natur gebe es nicht, sagt Carolyn Christov-Bakargiev, kurz CCB genannt. Wenn sie auch, wie sie behauptete, kein Konzept hat, so hat die diesjährige Leiterin der alle fünf Jahre stattfindenden und als weltweit wichtigste internationale Kunstschau bezeichnete Ausstellung eine spürbare Vision. Ganzheitlich, nicht logozentrisch, „diese Vision teilt und ­respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen.“ Der Baum sei eine perfekte Skulptur, findet der Arte-Povera-Künstler Giuseppe Penone, dessen „Idee di Pietra“ (Foto oben), ein riesiger Stein im künstlichen Geäst einer Eiche aus Bronze, bereits vor zwei Jahren im Auepark aufgestellt wurde. Ebenfalls in den Auepark pflanzte Jimmie Durham zusammen mit CCB zwei Apfelbäumchen der Sorte Korbinian, benannt nach seinem Schöpfer Korbinian Aigner. Als Nazi­gegner landete der bayerische Gärtner und Pfarrer 1941 im Konzentrationslager Dachau, das er überlebte. Dort hatte er während seiner Zwangsarbeit in der Landwirtschaft vier neue Apfelsorten gezüchtet, die er KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4 nannte.

/documenta13_Pierre_Huyghe_Detail_6_c_ConstanzeSuhrNatur als Mahnmal, das ist auch die Schmetterlingswiese auf dem Friedrichsplatz vor dem Staatstheater. Kristina Buch hat ein weitläufiges Hochbeet mit üppiger Vegetation zwischen die ökologische Wüste mit Restaurants und Buchladen gepflanzt. Ein winziger Garten Eden mit idealen Nahrungsbedingungen für die Tagfalter, deren Puppen dort abgesetzt wurden. Eine symbolische Geste der Wiederherstellung von Natur, die auch das Scheitern in sich trägt. Und während sich die im Grün deponierten Tagfalterpuppen auf ihren Auftritt vorbereiten, genießen die heimischen Hummeln schon mal das unerwartete Glück. Einen urwüchsigen Garten hat Pierre Huyghe (Foto rechts) in der Kasseler Karlsaue anlegen lassen, der wie ein wildes, vergessenes Stück Erde wirkt. Inmitten des Sumpfs und der Vegetation steht eine weibliche Plastik, auf deren Kopf Bienen ihre Waben gebaut haben. Ein junger Mann streift mit einer Podenco-Hündin und deren Welpen durch das Areal. Er soll eigentlich nicht reden, sagt er auf neugierige Fragen, denn er gehöre ja zur Installation, aber er habe eine Wohnung in Kassel, müsse hier also nicht übernachten. „Der Mann bewegt sich als Automat durch den Tag“, heißt es im Katalog zum Beitrag des französischen Künstlers, „ein fluoreszierender Hund im Schatten von Betonplatten entwöhnt einen Welpen. Eine Beuys-Eiche wurde entwurzelt … es ist endlos, unaufhörlich.“

Hier sollen Besucher dem Wirken und Treiben der künstlerisch überwachten Flora und Fauna beiwohnen. Tatsächlich ist es köstlich mitanzusehen, wie sich manche über einen Wasserbehälter beugen und aufgeregt mit den Fingern auf die in der trüben Lake entdeckten Kaulquappen zeigen, als hätten sie noch nie in einen Tümpel geblickt. „Dogumenta“, lästerte die regionale Zeitung „HNA“ angesichts der starken Präsenz von Darcys Artgenossen, ein Hundeübungsplatz gehört ebenfalls zu den Werken. Eine Tierärztin bietet Führungen über Hunde und Kunst an. Sie gehört zu dem Programm der „Vielleicht Vermittlung“, Kasseler Bürger, die Besuchern eine unkonventionelle Sicht von Nichtkunsthistorikern auf die Ausstellung anbieten. Das Areal von Pierre Huyghe dürfte den Hunden jedenfalls gefallen. Die Kunst der dOCUMENTA korrespondiert mit der Wissenschaft und steht im prallen Leben, immer auf der Suche nach Heilung. Um die dreißig Holzhäuschen und Pavillons stehen in dem weitläufigen, wunderschönen barocken Park und machen einen großen Teil der Ausstellung zur Expedition im Freien. Die 13. dOCUMENTA ist keine Pumps-Ausstellung, hier sind Wanderschuhe angesagt – und ­mindestens drei Tage Aufenthalt.

Text/Fotos: Constanze Suhr

dOCUMENTA (13) bis 16.9., d13.documenta.de

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