Ausstellungen

„1914 – Das Ende der Belle Йpoque“ im Bröhan-Museum

Im ersten Obergeschoss werden dann einzelne Gestaltungsfragen und ihre progressiven Protagonisten vorgestellt. Die Hauptrollen spielen Henry van de Velde, Peter Behrens, Bruno Paul und Richard Riemerschmid. Letzterer begründete 1907 den Deutschen Werkbund mit und ebnete den Weg vom Handwerk zum Maschinenmöbel. Die Anfänge der industriellen Produktion schlugen sich auch im funktionalen Aussehen der Produkte nieder. Technik und Industrie beherrschten das Leben und veränderten die Gesellschaft.

Das edle Einzelstück mit Elfenbeinherzchen von Grenander oder Riemerschmids fortschrittlicher Propellertisch – der stilistische Unterschied zwischen beiden Stücken ist riesig! Sowie die Spannbreite der nervösen Epoche, die weit mehr zu bieten hat als Blümchenkunst. Ihre Kehrseite machte Heinrich Zille im neuen Medium Fotografie dingfest. Außer ihm zählte Hans Baluschek zu den wenigen Künstlern, die sich mit dem Alltag der Arbeiter und der Lebenswirklichkeit der weniger Betuchten befassten.

Er malte „Das Eisenwalzwerk“ und den „Berliner Rummelplatz“ im Lichterglanz. Der arme Junge mit der Zigarette im Mund ist auf dem Gemälde von 1914 ebenso zu erkennen wie der feine Herr im besten Sonntagszwirn und die elegante Dame mit Hut. Zwischen der Femme fatale, verhängnisvoll für jeden Mann wie Mata Hari, der zerbrechlichen Frau und der emanzipierten, die sich in Pumphose aufs Fahrrad wagte, bewegen sich die Klischees der Frau, die prägend waren für die Welt der Belle Йpoque.    

Frauen tanzen jetzt nackt wie Olga Desmond oder befreien sich zumindest vom Korsett. Sie sitzen im Romanischen Cafй nahe dem Ku’damm und im Cafй Bauer Unter den Linden. Franz Skarbina hat den legendären Ort auf Leinwand festgehalten: Im Abendlicht kreuzen Droschken den Weg an der Ecke Friedrichstraße, wo es als eines der ersten Häuser im Wiener Kaffeehausstil 1877 eröffnete – luxuriös ausstaffiert und, brandneu, mit einem Damenzimmer. Damals noch keine Selbstverständlichkeit, waren doch Cafйs bis dahin eine Männerdomäne!

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Drinnen fanden sich an die 800 europäische Tageszeitungen für die Gäste und auch die erste elektrische Beleuchtung. Mit der industriellen Revolution setzte um die Wende zum 20. Jahrhundert ein kolossaler Aufschwung von Wirtschaft und Kultur ein. Der beflügelte die „schöne“ Epoche, die in England, Frankreich, Deutschland und Österreich-Ungarn als gesamteuropäisches Phänomen erblühte. Der Krieg, so Bröhan-Direktor Hoffmann, sei letztlich nicht Ursache für ihr Ende gewesen. Sie veränderte sich schon vorher. „Die Belle Йpoque musste untergehen.“

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Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Martin Adam

1914 – Das Ende der Belle Йpoque
Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, Charlottenburg,
Di–So 10–18 Uhr, 15.5.–31.8., www.broehan-museum.de 

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