Ausstellungen

„1914 – Das Ende der Belle Йpoque“ im Bröhan-Museum

Noch heute erhält eine Ahnung von der Belle Йpoque, wer den U-Bahnhof Wittenbergplatz betritt. Ein Hauch vom einstigen Glanz ist hier noch zu spüren: Der schwedische Architekt und Designer Alfred Grenander wurde 1902 angeworben, um die Berliner Hoch- und Untergrundbahn zu gestalten. Er löste die Aufgabe elegant, ja förderte durch seine 70 Bahnhöfe Berlins Aufstieg zur Weltstadt. Sie prägen das Stadtbild teils bis in die Gegenwart – 100 Jahre nach dem Ende der „schönen“ Epoche.  

Der Mann entwarf aber nicht nur das Viadukt der ersten Bahnlinie von Kreuzberg zum Nollendorfplatz, sondern auch Villen samt Inneneinrichtung. Auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis/USA zogen Grenanders geschwungene Möbel das Publikum magisch an. Er paarte den Jugendstil und dessen organische Formen mit neuen, konstruktiven Ideen der Moderne. Jetzt sind die bedeutendsten Möbel, die Berlin zum Jugendstil beigesteuert hat, wieder an den Ort ihrer Entstehung heimgekehrt.

Im Bröhan-Museum – nahe der Metrostation Sophie-Charlotte-Platz, wo Grenander noch den Alltag prägt – lässt sich jedoch weit mehr als edle Handwerkskunst betrachten. Dort fächert Museumsdirektor Tobias Hoffmann mit der Sonderschau „1914 – Das Ende der Belle Йpoque“ ein reiches Panorama auf. Die Epoche hatte viele Protagonisten. Entsprechend vielfältig sind ihre Gesichter. Es war eine Zeit der Widersprüche und des rasanten Wandels. Zwischen floraler Prachtentfaltung und sozialer Frage schimmern auch Parallelen zu heute auf.

„Es gab immer beides“, erklärt Hoffmann, „einerseits die totale Begeisterung für das Leben in der Großstadt und den Fortschritt, rauschende Ballnächte und das erste elektrische Licht und daneben auch gegenläufige Tendenzen zum Metropolentrubel wie Reformbewegung und Flucht in die Natur.“ Vegetarismus, Antialkoholismus, Freikörperkultur, Gartenstadtsiedlungen, Waldorfschulen, das ganze Gesundheits- und Reformbewusstsein, das immer noch anhält, nahm damals seinen Anfang.

Anhand von 300 Objekten – Gemälden, Möbeln, Glas, Porzellan, Plakaten und Textilien – lassen sich Licht- und Schattenseiten der Epoche entdecken. Der Bogen spannt sich von der Pariser Weltausstellung 1900, die 48 (!) Millionen Menschen besuchten, bis zur Kölner Werkbundausstellung 1914, die abrupt durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendet wurde. Mit der Münchner Kunstzeitschrift „Jugend“, die dem Jugendstil seinen Namen gab, beginnt der anregende Rundgang, der über den Japonismus, den Einfluss japanischer Kunst auf die des Westens, bis nach Worpswede bei Bremen führt.


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