Ausstellungen

2. Berliner Herbstsalon

2. Berliner Herbstsalon

„Das Gelände um das Gorki herum ist ein kontaminiertes Areal„, sagt Intendantin Shermin Langhoff. Man denke nur an die Bücherverbrennung der Nazis auf dem Bebelplatz. Doch das Maxim Gorki Theater bespielt bei seinem 2. Berliner Herbstsalon nicht nur seine Bühnen, sondern eben jenes Areal, um Fragen nach Flucht zu verhandeln. Zusammen mit dem Ensemble, aber vor allem mit 30 internationalen Kunstschaffenden sowie 20 Studierenden. „Am Ende geht es um Verteilungskämpfe“, sagt Langhoff,  „unbequeme Fragen, vor allem für die, die Angst haben, etwas abzugeben von ihrem Überfluss.“
Am Gorki-Theater sind Figuren auf der Flucht im weiteren Sinne immer wieder auf der Bühne: Bei „The Situation“ oder bei „Common Ground“ als historische Reflexion, sogar bei „Das Kohlhaas-Prinzip“ als Nebengeschichte. Aber beim Herbstsalon geht man über die Bühnenbretter hinaus. „Theater trifft Stadt dann offensiver und muss nicht erst per Ticket erlangt werden“, sagt Langhoff. Die meisten Veranstaltungen haben freien Eintritt.
Die Idee eines Herbstsalons geht zurück auf den Avantgarde-Künstler und -förderer Herwarth Walden, der 1913 in Berlin den „Ersten Deutschen Herbstsalon“ organisierte, der auch der letzte blieb. Avantgarde-Kunst aus immerhin 99 Ländern, die damals höchst umstritten war: die expressionistischen Blauen Reiter und die Brücke-Maler waren dabei und anderes, was damals schon als „entartete Kunst“ beschimpft wurde. Wir reden von 1913. Große Namen aus der Kunst, die man sonst von Documentas oder Biennalen kennt (etwa Emeka Ogboh oder Tobias Zielony) bringt Langhoff mit ihrem Kurationsteam 2015 zusammen mit Doku-Theatermachern wie Hans-Werner Kroesinger und dem Zentrum für Politische Schönheit.
Kann Deutschland den Geflüchteten helfen? „Es wird immer noch aus der Portokasse bezahlt“, sagt Langhoff, „wir haben keinerlei finanzielle Schwierigkeiten. Aber wir haben Politiker, die in einem vorauseilenden Gehorsam ängstlich agieren. Sie behaupten, das würde die Gesellschaft nicht lange durchhalten, die Solidarität. Spätestens wenn es an die eigene Turnhalle geht. Das können selbst erfüllende Prophezeiungen werden.“ Deshalb müsse man weitermachen mit der „Kritik politischer Praxis – vielleicht eine der Hauptaufgaben von Theater.“
Und vielleicht auch der Kunst. Wenn man die Künstlerin Marina Naprushkina fragt, ob für sie auch unpolitische Kunst denkbar wäre, muss sie lachen. Sie hat vor zweieinhalb Jahren die Initiative „Neue Nachbarschaft“ in Moabit gegründet. Über 100 Freiwillige für 300 Geflüchtete. „Wenn man vom Sommermärchen 2015 redet, dass so viele Leute Flüchtlingen geholfen haben, müsste man sich eigentlich erinnern, dass das schon vor zwei oder drei Jahren angefangen hat, dass Menschen sich engagiert haben.“
Aus der Erfahrung heraus, dass Leute oft drei oder vier Jahre hier sind, bis definitiv am Gericht entschieden wird, ob sie bleiben dürfen und dabei so gut wie keine Kontakte nach draußen entstünden, arbeitet Naprushkina an der „Refugee Library”: gezeichnete Gerichts­prozesse. Naprushkina geht zu öffentlichen Prozessen. „Aber es ist eben meist keine Öffentlichkeit da“, sagt sie. Zeichnen kann Naprushkina deshalb so vorzüglich, weil sie Kunst in Weißrussland studiert hat, bevor sie Anfang 2000 zum Studium nach Deutschland kam. Ihr Grund: „Mein Land kannte das Studium, das ich mir vorstellte, nicht.“ Klingt erst mal harmlos, aber auch das war politisch bedingt: Dass man im Studium progressive Kunst angeht, ist in Weißrussland politisch undenkbar.
Beim Herbstsalon sehen wir von Naprushkina eine große Rauminstallation, samt einer elf Meter langen Wandmalerei, die sich kritisch damit auseinandersetzt, wie Grenzen für den Warenexport immer durchlässiger werden, für Menschen aber nicht. Im Raum stehen dann auch Naprushkinas Gerichtszeichnungen. Zwei Lesungen werden organisiert, mit Geflüchteten, die Parts der Protokolle lesen. „Ich will aber auch“, sagt Naprushkina, „dass wir die Position des Richters nachvollziehen: Dass das keine zumutbare Aufgabe ist, über Gehen oder Bleiben zu entscheiden. Denn in diesen Prozessen geht es nur um Eines: ob der Richter die Geschichte glaubt. Beweise gibt es nicht.“
In einem anderen Raum gerät man physisch ins Schwanken, bei Nevin Alada?s Video „Borderline“ (s. Abb.) Man wähnt sich auf einem Boot. Entstanden ist das Video 2014 auf und an der griechischen Insel Samos, 1.450 Meter vor dem türkischen Festland. Eine schwimmbare Distanz für Flüchtlinge, die über die Türkei geschleust werden. Die Grenze ist in den Navigationssystemem der Fischerboote als rote Linie eingezeichnet. Alada? fuhr die Grenze ab. Eine flüssige Grenze, die kurz visualisiert wird, duch die wogenden Wasser hinter den Motoren. Mit der Gewissheit, dass man exakt die Seegrenze abfährt, die so viele Tode erwirkte.  „Eine Grenze, die leider keine imaginäre ist“, sagt Alada?, die in der Türkei geboren ist.
Imaginär ist etwas Anderes: das „Imaginary Bauhaus Museum“, eine Projektreihe der bosnischen Kunstprofessorin Danica Daki?, des Kulturwissenschaftlers Boris Buden und ihren 20 internationalen Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar, etwa dem 24-jährigen Isaac Chong Wai aus Hongkong, den in Berlin mancher schon wegen seiner eindringlichen Performances  kennen. Warum Bauhaus, ist das nicht altbacken, wenn es um Tagespolitik geht? Nun, Flucht und Migration prägen auch das historische Erbe des Bauhauses. Im Palais am Festungsgraben und in den öffentlichen Raum werden die Studierenden intervenieren und performativ installieren. Treibende Fragen: Wie können wir ein Museum der Zukunft denken und uns dabei nicht zuletzt an Flucht erinnern? Und: Wie werden wir uns einst an den Sommer 2015 erinnern, in dem so viele Tote über die von uns gezogenen Grenzen spülten? Ein Sommermärchen wird das nicht.

Text:
Stefan Hochgesand

Foto:
Nevin Aladag

Palais am Festungsgraben ?Maxim Gorki Theater + Umgebung Am Festungsgraben 1+2, Mitte, 13.–29.11.,?

Details zum Programm
auf www.gorki.de

Mehr über Cookies erfahren