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25 Jahre „Texte zur Kunst“

25 Jahre

Befragt man Isabelle Graw zur Gründung von „Texte zur Kunst“, beschreibt sie den damaligen Wunsch so: ein Magazin zu schaffen, das „kunsthistorisch informierte Kunstkritik“ bietet und einen klaren Fokus auf Gegenwartskunst setzt. Von Beginn an war es den beiden Gründern Graw und Stefan Germer (†)  auch wichtig, Diskurse von Künstlern und Künsterinnen ernst zu nehmen und zu publizieren. Vorbildhafte Eckpfeiler waren die amerikanische Zeitschrift „October“, 1976 von Rosalind Krauss und Annette Michelson ins Leben gerufen, sowie das deutsche Magazin „Interfunktionen“, das 1968 bis 1975 vom Künstler Friedrich W. Heubau herausgegeben wurde und einen nachhaltigen Einfluss u. a. auf namhafte Künstler wie Beuys oder Marcel Broodthaers hatte.
Seit dem Jahr 2000 sitzt die Redaktion in Berlin, begonnen hat das Magazin jedoch 1990 in Köln. Spricht man mit Leserinnen und Lesern der ersten Stunde, wird „Texte zur Kunst“ beschrieben als die Zitaten-Bibel studentischer Arbeiten der Kunstgeschichte, als Quelle internationaler Texte, die erstmals in deutscher Übersetzung verfügbar waren, oder schlicht als dem Ort schlechthin für Diskussion.
Mit einem Symposium und der Ausgabe „Methodenstreit“ entfachte „Texte zur Kunst“ beispielsweise 1997 eine hitzige Diskussion zu Methoden des kunstkritischen Arbeitens und der Bedeutung von Cultural und Visual Studies, die bis heute nachwirkt.  
Der Name der Zeitschrift für „politische und theoretisch fundierte Kunstkritik“ ist Programm: viel Text, bedacht gewähltes Bildmaterial und eine Formatgröße, die eher der eines Buchs als eines Magazins entspricht. Im Vierteljahrestakt widmen sich die Ausgaben jeweils einem festgesetzten Thema. Es werden unterschiedliche Blickwinkel auf politische Diskurse festgehalten, Techniken und Methoden des eignen Tuns reflektiert, spezifische Kunstgenres unter die Lupe genommen oder einzelne Berufssparten der Kunstwelt untersucht. Auch nach 100 Ausgaben wurde an diesem Konzept nicht gerüttelt.
In Zeiten, in denen Coverbilder ausschlaggebend für die Umsatzzahlen eines Magazins sind, Blogger inhaltliche Diskussionen in Sekunden anstoßen und man international Artikel durch einen Klick erreichen kann, mag „Texte zur Kunst“ – trotz Web-Archiv und einer digitalen Magazinversion – für einige Leserschaften veraltet wirken. In Bezug auf den Inhalt der Ausgaben bietet das Beharren auf ein Format, das Wiederholen von Themen, die Konzentration auf Text und das stetige Befragen der eigenen Position eine große Stärke. Es führt im Laufe der Zeit zu einer Vergleichbarkeit und eröffnet die Möglichkeit der inhaltlichen Vertiefung und des Sichtbarmachens von Perspektiv- und Paradigmenwechsel.  
Auch das Jubiläum stellt die Diskussion über das eigenen Handeln und aktuelle Sichtweisen auf Kunst in den Mittelpunkt. Unter dem Titel „Canon Today“ widmen sich eine Galakonferenz im Haus der Berliner Festspiele und die 100. Ausgabe von Texte zur Kunst keinem geringeren Thema als dem Ordnungssystem von Kunst selbst, dem Kanon. Man kann gespannt sein, was die 25 geladenen Theoretiker und Theoretikerinnen, Künstler und Künstlerinnen –mehr Frauen als Männer übrigens – als den eigenen Kanon heute oder als Kanonisierungsprozesse von „Texte zu Kunst“ in den letzten 25 Jahren – und hoffentlich den nächsten 25 Jahren – offenlegen.

Text: Nora Mayr

Foto: www.textezurkunst.de/years/

Die Autorin Nora Mayr ist Kuratorin und Mitbegründerin des Project Space Festivals Berlin.

Haus der Berliner Festspiele Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Fr 27.11. ab 14 Uhr, Party ab 22 Uhr, Eintritt 12 erm. 8 Euro, Tickets unter www.berlinerfestspiele.de

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