Ausstellungen

6. Berlin Biennale: Endspurt

Biennale_Mark_BoulosDie Kunst, so fordert Biennale-Kuratorin Kathrin Rhomberg, müsse in der Krise Position beziehen. Doch in ihrer programmatischen Formulierung: „aus dem Kunstraum hinaus in die Wirklichkeit“ steckt schon das Grundproblem dieser Schau. Ein leerstehendes Kaufhaus am Oranienplatz ist zentraler Ausstellungsort und soll den Sprung ins pralle Leben eines migrantischen „Problemkiezes“ verbildlichen. Damit verkennt man zum einen, dass sich Kreuzberg längst in der Schraube jener Gentrifizierung befindet, der man hier zu entkommen glaubt. Und zum anderen gerät dabei das Verhältnis von Kunst und Kiez in eine sozial-voyeuristische Schieflage.

In dem ehemaligen Kaufhaus überwiegen dokumentarische Positionen aus den Bereichen Fotografie und Video. Nicht wenige Arbeiten bewegen sich dabei an der Grenze zum Ethno-Kitsch, wie etwa die Fotoserie von Nilbar Güres oder die Videoarbeit von Minerva Cuevas über Formen des Widerstands in Mexiko-Stadt. Der Drang auf die Barrikaden ist unübersehbar. Politische Anliegen mit medienkritischer Reflexion zu verbinden, wagen dabei die wenigsten. Während Renzo Martens am Oranienplatz mit dem Versuch, die Misere der westlichen Produktion von Elendsbildern aus der Dritten Welt präzise zu benennen, grandios scheitert, findet man in den Kunstwerken in Mitte die überzeugendste Arbeit zum Thema. Mark Boulos schließt in seiner Zwei-Kanal-Projektion das hektische Treiben an der Börse in Chicago mit Aufnahmen aus den Ölfördergebieten im Nigerdelta kurz, wo die Menschen durch die Verschmutzung der Fischgründe zunehmend ihrer Lebensgrundlage beraubt werden. Der Hass eines verzweifelten Fischers wendet sich dabei auch direkt gegen den filmenden Künstler selbst. Bildermachen ist ein ausbeuterischer Akt, so wie die Ölbohrungen – das wird hier unmittelbar fühlbar.

Historischer Ankerpunkt dieser Biennale ist die vorzüglich kuratierte Schau zu Adolph Menzel in der Alten Nationalgalerie mit Zeichnungen des großen Realisten. Doch während Menzel im 19. Jahrhundert die Widersprüche seiner Zeit nicht nur abbildete, sondern auf mehreren Ebenen auch formal bewältigte, entziehen sich viele der zeit-genössischen Biennale-Beiträge genau dieser Herausforderung.

Text: Jutta v. Zitzewitz
Foto: Mark Boulos

(tip-Bewertung: Zwiespältig)

6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst diverse Orte,
bis 8.8.2010, www.berlinbiennale.de

Folgende Orte sind am Sa 7.8. und So 8.8. bis 21 Uhr geöffnet:
KW Institute for Contemporary Art Auguststraße 69, 10117 Berlin-Mitte, Oranienplatz 17, Dresdener Straße 19, Kohlfurter Straße 1 und Mehringdamm 28  in Kreuzberg

 

INTERVIEW MIT BERLINALE-KURATORIN KATHRIN RHOMBERG

KUNST UND MUSEEN IN BERLIN VON A BIS Z

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