Ausstellungen

650 Jahre Rixdorf – Neukölln

Fruehlingserwachen-Reuterkiez„Ein ungeheures, faszinierendes Riesentier, dem ich fürchte, nicht auf die Spur zu kommen“, fabulierte die Künstlerin Dörte Meyer während ihres Gastaufenthalts vergangenes Jahr in der Gropiusstadt. Ein „Salatfeld, so groß wie ein Hochhaus“ pflanzte der Kollege Helmut Dick 2001 innerhalb der „Areale Neukölln“. Kunstschaffende fasziniert diese Hochhaussiedlung im Süden des Bezirks, denn Neukölln jenseits der S-Bahntrasse scheint für die meisten so unbekannt wie das von Blinden ertastete Wesen Elefant aus dem buddhistischen Gleichnis: Ohr, Rüssel, Bein, Schwanz, Rumpf – aber nie das große Ganze.

Das Bezirksjubiläum jedenfalls wird „multiperspektivisch“ gefeiert. Rixdorf, 1360 von Tempelrittern des Johanniterordens gegründet, 1912 in Neukölln umbenannt und acht Jahre später zu Groß-Berlin eingemeindet, müht sich seit Jahrhunderten mit der Integration von Migranten, dem Umgang mit Armut und Ausgegrenztheit – und seinem daraus entstandenen schlechten Ruf. Im Zuge der 650-Jahrfeier, die sich mit diversen kulturellen Veranstaltungen über Monate hinzieht, sollen den Neuköllnern, die nichts mit der Rixdorfer Historie zu tun haben – und das ist die Mehrheit –, Identifikationspunkte angeboten werden. So bringen zu Stadtführerinnen geschulte Migrantinnen unter dem Titel „Zweite Heimat Neukölln“ Interessierte zu den Orten, die ihnen wichtig sind – von der Rütlischule übers Böhmische Dorf bis zur Gropiusstadt, nach Britz, Rudow und Buckow.  Das Kulturamt versucht mit partizipativen Projekten das „Auseinanderdriften der Szenen“ zu verhindern und die internationale Künstlerschaft in die „Normalbevölkerung“
einzubinden. Doch viele der Kreativen interessieren sich ohnehin für ihren Kiez. So wie die
Schweizer Künstlerin Barbara Caveng, die im Schillerquartier eine Sammelstelle für
Holzreste jeder Art eingerichtet hat, um alle „persönlichen Stücke“ zu einem „Neuköllner Sozialparkett“ fertigen zu lassen. Oder die Niederländerin Li Koelan. In ihrem Atelier in der Weichselstraße stehen in einem Holzregal aufgereiht die Mitbringsel reisender Neuköllner: Glasbehälter mit Erde, beschriftet und nach Ländern geordnet. Symbolisch versammeln sich hier die Nationalitäten, von denen der Bezirk immerhin um die 160 zu bieten hat. Und symbolisch sollen die Erdhäuflein dann irgendwann
zu einem einzigen großen Gemisch vereint werden. 

 

Grauwacke-Atelier-Bauer-und-LuccheseKulturamtsleiterin Dorothea Kolland betont, wie wichtig die Kreativen für die Imagebildung Neuköllns sind. Natürlich sei die Gentrifizierungsdebatte bereits im vollen Gange, und der Ausbau des Tempelhofer Flughafengeländes werde noch Weiteres dazu beitragen. „Aber ich denke, Neukölln
ist relativ stabil“, bemerkt sie zuversichtlich, „ich glaube nicht, dass sich so schnell grundsätzlich etwas ändern wird.“ Seit den 1980er Jahren bemüht sich der Bezirk, die Künste zu fördern. Die Galerie im Körnerpark entstand, der Saalbau Neukölln wurde neu konzeptioniert, das Museum Neukölln renoviert, die Werkstatt der Kulturen eingerichtet. Kunstschaffende ließen sich in verlassenen Remisen und Fabriketagen nieder, und die Atelierförderung des Senats gab in den 1990ern wichtige Anstöße für den Künstlerzuzug.

Schoenstedt-Andrea-Streit-Tilmann-KuentzelWie viel sich in der Kreativszene Neuköllns getan hat, zeigen die im Juni zum zwölften Mal stattfindenden „48 Stunden„. Bereits im Februar trafen sich die Interessierten zur ersten „großen Runde“ in den Räumen des Neuköllner Saalbaus. Etwa 1.500 Kreative werden wieder teilnehmen, so Martin Steffens, der das Festival zum zweiten Mal organisiert, aber „wir wollen nicht größer werden, sondern toller.“ Eine quantitative Ausweitung sei nicht mehr möglich, dafür ist die Organisationsstruktur besser geworden. Künstlerinnen wie Andrea Streit aus dem Atelierhaus Schönstedt13 wissen das zu schätzen. Zu den Offenen Ateliers im Rahmen von „48 Stunden“ kämen in letzter Zeit in zunehmendem Maß Kunstprofis. Es sei „eben diese tolle Mischung aus Anwohnern, die sehen wollen, was die im Hinterhaus so treiben, und auch Galeristen auf der Suche“, fügt ihr Kollege Tilman Küntzel dazu.

 

 

Neukoelln_ToiletteFür
ihre zusammen mit Claudia Busching konzipierte Ausstellung „Bad“ im
Rahmen der „48 Stunden“ inspiziert Eva AM Winnersbach bereits die
„toiletten27″ am Kanal unter der Wildenbruchbrücke. Im Vorjahr hatte sie ihre „Nimm-mit-Objekte“, kleine weiße zitronenpressenförmige Gips-Ufos, für glückliche Kunstfinder im nördlichen Stadtraum verteilt. Ein paar Kilometer weiter südlich befindet sich der Rixdorfer Verein Komed gemäß dem Jubiläums-Motto des Erinnerns bereits auf der Suche nach der Vergangenheit
des von ihm geführten Lokals „Linus“. Irgendwann könnte es mal ein Puff gewesen sein, sicher sei jedenfalls, dass hier bis 1943 Schweine geschlachtet wurden. Das Ergebnis wird dann zu „48 Stunden“ in einer Installation mit dem Titel „Hackebeile, Körperteile“ im Linus präsentiert. Ausstellungen, Lesungen, Poetry Slams oder Konzerte finden hier regelmäßig statt. Die Kneipe existiert nun fast 30 Jahre. Solche Pioniere der Szene, die schon vor dem Neukölln-Hype engagiert Kulturarbeit leisteten, sollte man ein bisschen mehr würdigen, findet Marion Wegener vom Verein Komed. 

Gutshof-Britz-mit-Nimm-mit-ObjektenAuf dem Weg zur U7 schwebt die typische Geruchsmischung des Nordens in der Luft: Abgase, Hundekot und Resterampen-Parfüm. Neben Szene-Bars und Event-Galerien finden sich noch immer Nähstuben, Trödel und Eckklause. Vom Rathaus Neukölln zur Station Parchimer Allee dauert es mit der U-Bahn nicht einmal zehn Minuten, aber der Ausstieg erfolgt in eine andere Welt. Auf dem Weg zum Gutshof Britz blühen die Kirschen und perfektionieren das Idyll. Hier macht Neukölln Urlaub. Nicht weit entfernt steht das Weltkulturerbe Hufeisensiedlung, von den Bauhaus-Architekten Bruno Taut und Martin Wagner entworfen und als eine der ersten Großsiedlungen der Weimarer Republik errichtet, dazu kleine Einfamilienhäuser, umgeben von Mehrfamiliengebäuden und diversen Grünräumen.  Hier wohnen architekten, Stadtplaner, Lehrer, die sich für den Erhalt der Bauhausarchitektur engagieren, und das Flair ist bürgerlich. In Britz, ebenso wie in den anderen Randgebieten des Bezirks, Buckow und Rudow, gab es noch 1954 zahlreiche Landwirtschaftsbetriebe.
Eine zwanzigminütige Busfahrt Richtung Süden entfernt, in
der Wohnsiedlung Schlierbacher Weg in Buckow, 1952-53 aus Trümmerziegeln für
„unverschuldet in Not geratene Familien“ gebaut, stehen vier eingeschossige
Atelierhäuser  am Grauwackeweg. Maria Lucchese Thomasberger, Malerin und Musikperformerin, und ihr Lebenspartner Matthias Bauer leben hier in der Nachbarschaft zu vier weiteren Künstlern, unter anderem der japanischen Komponistin Mayako Kubo. „Wir kannten den Bezirksteil vorher gar nicht“, sagt sie lachend. „Mit Neukölln verbindet man immer Karl-Marx-Straße, Multi-Kulti und so weiter.“ In Richtung Mauerweg stoße man bereits auf Schilder mit Warnungen vor dem Hund und deutsche Fahnen. „Die Nachbarn haben uns aber als ,strange Künstler‘ akzeptiert.“

Das gut erhaltene und unter Denkmalschutz stehende Barockschloss Britz mit Park und Patronatskirche ist das Versailles Neuköllns. Unweit vom Gutshaus, am Rand des Britzer Gartens, steht eine Galerieholländerwindmühle von 1866, in der heute noch gemahlen wird. In dieses Schmuckensemble zieht nun das Regionalmuseum aus dem Norden und bringt neuen Schwung in die kulturelle Beschaulichkeit.
Zeitgleich mit dem 33. Internationalen Museumstag präsentiert das Museum Neukölln zum Auftakt der 650-Jahrfeier seine Ausstellung „99xNeukölln„. Die Bandbreite der Objekte reicht vom im Körnerpark ausgebuddelten Mammutunterkiefer bis zum  türkischen Hochzeitstuch, der Rütlistrickmütze und dem Warentrennstab von Aldi. Das Ein-Rad des einst  berühmten und bis 1971 aktiven Artisten Mendin weist darauf hin, dass Neukölln Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine Hochburg der Artisten und des Radsports war. „Dinge sind Schlüssel zu Mythen, Legenden, Erzählungen und verweisen auf die Art und Weise, wie Menschen etwas erlebt haben“, so Museumsleiter Udo Gößwald. „Aus den verschiedenen Objekten entsteht ein Kosmos Neukölln, der historische, soziale und politische Aspekte der Geschichte und Gegenwart des Bezirks in einem Wissensnetz zusammenführt.“

 

Text und Fotos: Constanze Suhr

 

„99xNeukölln“
im Museum Neukölln,
Eröffnung
So, 16.5., 10-18 Uhr, Alt-Britz 81, Berlin-Britz, Di-So 10-18 Uhr;
Veranstaltungshinweise
„650 Jahre Rixdorf-Neukölln“:
Neukölln Info Center (NIC) im
Rathaus Neukölln, Karl-Marx-Str.83, Mo-Fr 9-18 Uhr; www.kultur-neukoelln.de

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