Ausstellungen

abc art berlin contemporary in der Station-Berlin

abc_about_painting„Pamela Rosenkranz zum Beispiel, sie benutzt unterschiedliche Hautfarben, Schminke, und bringt sie auf Badeanzugmaterial auf. Das spannt sie ganz scharf auf, der Badeanzugstoff ist die Leinwand und die Schminke die Farbe.“ Aus Rita Kersting sprudelt es nur so raus. Die ehemalige Direktorin des Kunstvereins Düsseldorf ist in diesem Jahr Kuratorin der abc art berlin contemporary, gemeinsam mit Marc Glöde. Und sie verschanzt sich nicht hinter dem üblichen, nachdenklich vorgetragenen Kuratoren-Vokabular, das sie natürlich auch beherrscht, sondern lässt ihrem Enthusiasmus freien Lauf. „Hautfarbe, dahinter steckt natürlich auch eine politische Dimension – was Hautfarbe überhaupt bedeutet. Und gleichzeitig stellt Pamela Rosenkranz die Frage nach Schönheit, die in der klassischen Malerei immer eine große Rolle gespielt hat.“

130 Künstlerpositionen aus 125 Galerien hat Kersting zusammengestellt zur diesjährigen abc, ein Format zwischen Ausstellung und Messe. Ausstellung heißt, es gibt eine Perspektive auf ein vorgegebenes Thema und Kuratoren, die Galerien, genauer: bestimmte Künstler der Galerien, angefragt haben. Messe heißt, die Galerien müssen dafür bezahlen, dass sie mit den angefragten Exponaten mitmachen dürfen. „Einige fanden das sehr gut und machen genau deshalb mit“, sagt Rita Kersting. „Andere sagen ab, wenn sie hören, dass sie nicht zeigen können, was sie wollen.“

Eine der Berliner Galerien, die mitmacht, ist Andrae Kaufmann (vormals Cream Contemporary), sie steuert eine Arbeit der amerikanischen Künstlerin Sara Sizer bei. Sizer zieht Fäden aus der auf einen Keilrahmen gespannten Leinwand. Ihre Bilder entstehen nicht, indem sie Farbe aufträgt, sondern indem sie Materie entfernt. Michael Hakimi, vertreten durch die Wiener Galerie Mezzanin, kombiniert Rahmen, Teller und T-Shirts zu einer Bild-Installation. Latifa Echakhch, (kaufmann repetto, Mailand) klebt weißes Durchschlagpapier auf die Leinwand. John Armleder (Mehdi Chouakri, Berlin) denkt gleich das Zimmer, in dem das Bild hängen wird, mit und stellt einen Sessel neben seine Arbeit aus Acryl auf Leinwand. Der in Berlin lebende Kanadier Shannon Bool (Galerie Kadel Willborn, Karlsruhe) stellt eine mit Teppich beklebte Treppe als Skulptur „Pub Stair Carpet“ in den Raum. Pablo Rasgado aus Mexiko (Arratia, Beer, Berlin) setzt Teile von Museumswänden zu rechtwinkligen Bildern zusammen, als wären sie abstrakte Gemälde.

Die Künstler hinterfragen auf vielfältige Weise die Grundbedingungen der Malerei und arbeiten die Objekthaftigkeit eines jeden Bildes heraus. Malerei gibt es natürlich auch, beispielsweise Arbeiten von Andrй Butzer, Marlene Dumas, Fritz Bornstück und Florian Meisenberg. Sie reflektieren in ihren Werken ganz selbstverständlich über das Medium, und viele der gezeigten Künstler arbeiten ebenso selbstverständlich in der Malerei wie filmisch oder installativ. Und sie haben keinerlei Skepsis gegenüber der Relevanz des alten Mediums, dessen Möglichkeiten vor 20 Jahren als ausgereizt galten. Anfang der 1990er-Jahre galten Maler eher als Außenseiter des Kunstbetriebs. Heute sind solche Kategorien obsolet. „Auf Künstlerseite haben wir bei den Recherchen das Moment des Zutrauens gefunden: Ich kann malen. Und ich kann im nächsten Monat einen Film machen. Beides kann gleichwertig nebeneinanderstehen“, sagt Marc Glöde.

John_Armleder_BettWer dachte, mit dem Thema „about painting“ wird die abc im vierten Jahr ihres Bestehens konventionell (nach der mutig um den Film zentrierten Schau „light camera action“ im letzten Jahr, von Glöde kuratiert) und kümmere sich vor allem um Verkaufserfolge – die Flachware für die Wand geht im Kunstmarkt nun mal am besten weg –, wird im Gespräch mit den Kuratoren eines Besseren belehrt. „Wenn die Organisatoren eine reine Gemäldeschau hätten machen wollen, dann hätten sie mich nicht gefragt. Dass das Thema auch von der Seite betrachtet wird, war von vornherein implizit“, sagt Rita Kersting. Die Organisatoren, das ist eine Gruppe von führenden Berliner Galerien, die auch das äußerst erfolgreiche Gallery Weekend im Frühjahr veranstalten. Natürlich geht es bei ihnen auch irgendwie ums Verkaufen, aber plump und konservativ sind ihre Strategien ganz sicher nicht.

Die führenden Berliner Galeristen sind die, die viel Geld umsetzen, die Künstler im Markt bekannt machen können, die international mitspielen und viel Macht haben. Wer nicht dazugehört, spricht gern von Kartell und Mafia. Ende Mai gab es um sie immense Aufregung durch das Aus für die 1996 gegründete Kunstmesse Art Forum. Schon in den Jahren zuvor war es immer schwieriger geworden, die Berliner Galerien auf der Kunstmesse zu versammeln. Der letzte Rettungsversuch, eine Fusion mit der abc, scheiterte. Die führenden Galeristen Berlins haben den Machtkampf gewonnen, so die Interpretation des Geschehens. Das stimmt auch, wobei die Gründe für das Scheitern des Art Forums mannigfaltiger und komplizierter sind.

Ob sich nun aus der Machtverschiebung eine Monokultur entwickelt, werden die kommenden Jahre zeigen. Für das breite Publikum, das den Berliner Kunstherbst mit seinen verbleibenden Messen mehr als eine große Info-Box denn als eine Verkaufsschau sieht, bleibt in diesem Jahr nur die abc als Hauptanlaufpunkt. Sie ist, auch aufgrund der Art-Forum-Absage, deutlich gewachsen, auf die doppelte Teilnehmerzahl. Und sie wird Anregendes bieten, wenn man die Vorbereitungen der Kuratoren sieht.

Ohne daraus eine kunstgeschichtliche Herleitung konstruieren zu wollen, stellen sie auch historische Positionen vor. „Es geht um Korrespondenzen“, so formuliert es Marc Glöde. Georg Karl Pfahler war in den 60er-Jahren ein bekannter Künstler, der mit seinen formalistischen Bildern – Pfahler selbst nannte seinen Stil „formativ“ –, die dritte Dimension ansteuerte. Anna Oppermann hat in den 70er-Jahren riesige, immer weiter wuchernde Ensembles aus Hunderten von Fotos, Zeichnungen und anderen Objekten geschaffen. Julije Knifer, 1924 im kroatischen Osijek geboren und 2004 verstorben, hat sich in seinen minimalistischen Bildern auf mäandernde Strukturen konzentriert. „Das schließt an so viele Positionen an, die wir zeigen“, sagt Rita Kersting begeistert. Minimalismus gehört neben Körperlichkeit zu den Tendenzen, die ihnen bei den Recherchen zur abc aufgefallen sind.

Die Schau zeigt viele Werke bekannterer Künstler, aber Kersting will auch überraschen, so wie sie selber überrascht worden ist, beispielsweise von der südafrikanischen Galerie STEVENSON. Über diese hat sie den Künstler Serge Alain Nitegeka gefunden, der 1983 in Burundi geboren wurde. Von ihm wird auf der abc eine über vier Meter hohe Holzskulptur zu sehen sein, die den Raum mit ihren geschwungenen Strukturen durchpflügt und mit ihren rechteckigen Teilen zergliedert.

Text: Stefanie Dörre

Fotos: Jens Weber (oben), Hans-Georg Gaul (unten: John Armleder: Bett)

abc art berlin contemporary – about painting Station-Berlin, Luckenwalder Straße 4-6 (Einfahrt Schöneberger Straße), Kreuzberg,   Mi 7.9., 18–21 Uhr, Do 8.–Sa 10.9., 12–21 Uhr,  So 11.9., 12–19 Uhr, www.artberlincontemporary.com

Kunstherbst – weitere Messen im Überblick: 

Berliner Kunstsalon

Berliner Liste 2011

Preview Berlin

Stroke Artfair

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