Ausstellungen

Ausstellung „Political / Minimal“ bei Kunstwerke Berlin

Sie sind äußerst ästhetisch, die­se silbrig schimmernden Scheiben, ordentlich übereinandergeschichtet, glatt. Das Entsetzen stellt sich ein, wenn wir erfahren, was auf diesen glänzenden Datenträgern gespeichert wurde. So wie bei dieser Arbeit von Seth Price („Untitled Multiple“, 2004) ist es bei der mexikanischen Künstlerin Teresa Margolles die Vorstellung, die ihre Werke so verstörend macht. „Entierro“, ein flacher, unscheinbarer Betonquader, soll tatsächlich die letzte
„Ruhestätte“ eines Frühgeborenen sein. Eine mittellose Frau habe ihren toten Fötus nicht im Krankenhaus als „Biomüll“entsorgen lassen wollen und ihn Margolles für das „Betongrab“überlassen. So brutal, wie sie die soziale, ökonomische und politische Situation in ihrem Land empfindet, ist die künstlerische Ausdrucksform der ehemals als Gerichtsmedizinerin tätigen Mexikanerin. Durch das direkte Nebeneinander von Leben und Tod in einer Mega-Stadt wie Mexico City animiert, schafft Margolles Installationen, die nicht selten Skandale provozieren. Ihr spanischer Kollege Santiago Sierra, der Mitte der 1990er Jahre in diese Metropole mit ihren „krassen sozialen und ethnischen Konflikten“ und einer vitalen, offenen Kunstszene umsiedelte, begann danach ebenfalls „lauter zu sprechen“. Mit seinen Tätowierungsaktionen erregte er 1998 großes Aufsehen. Im Juli 2002 gruben afrikanische Arbeiter an der spanischen Küste in Sierras Auftrag dreitausend Löcher von der Größe 180 x 50 x 50 cm, die aus der Luft betrachtet wie ein Meer von Gräbern wirkten – Sierras Kommentar zum Versuch, die Grenze zwischen Europa und Afrika zu überwinden.
Mit einem pinkfarbenen Drei­eck, direkt an die Galeriewand gemalt, präsentiert sich der „Asian Punk Boy“ Terence Koh, diesmal ausnahmsweise nicht selbst das Zentrum seiner künstlerischen Inszenierung. Nachdem das rosa Dreieck im deutschen Faschismus zur Brandmarkung Homosexueller diente, wurde es in den 70er Jahren von der Schwulenbewegung zum Symbol des Widerstands umfunktioniert und erlangte internationale Bedeutung. Wenn das Enfant terrible der Kunstszene also dieses symbolträchtige Zeichen an die Wand malt – was er übrigens nicht selbst tut –, können die Betrachter alles Mögliche daraus schließen. „Minimalistisch und orgiastisch“ werden die Arbeiten des in New York lebenden Chinesen bezeichnet, dem man sowohl Banalität wie Tiefsinnigkeit nachsagt. Mag der Künstler selbst umstritten sein, das Objekt passt perfekt in die Ausstellung „Political / Minimal“ der Kunstwerke. „Es ging mir um Arbeiten, die auf den ers­ten Blick abstrakt, geometrisch, minimalistisch sind“, erklärt Kurator Klaus Biesenbach, „aber auf den zweiten Blick eine Geschichte erzählen und politisch Stellung beziehen.“

Text: Constanze Suhr
Foto: Holger Niehaus, Courtesy The artist and Galerie Max Hetzler, Berlin

Den vollständigen Artikel finden Sie im tip 25/08

Political / Minimal
Kunstwerke, Auguststraße 69
www.kw-berlin.de,
Di+Mi, Fr-So 12-19 Uhr, Do 12-21 Uhr;
Eröffnung: Sa 29.11., 17 Uhr,
30.11.2008 bis 25.1.2009

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