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Adolph Menzel und der Alte Fritz

Menzel_ModellstudiefrPrinzessinWilhelmine_c_Joerg_P._Anders_bpk_Kupferstichkabinett_SMB„Das ist eine völlig antiquierte Art der Verabschiedung, die nicht mehr in unsere Zeit passt und eher an Friedrich den Großen erinnert vor der Schlacht von Leuthen“, so formulierte der Altliberale Gerhart Baum seinen Unmut über den ominösen Großen Zapfenstreich für Ex-Bundespräsident Wulff. Im entsprechenden Monumentalgemälde von Adolph Menzel, das die Ansprache des preußischen Königs vor der entscheidenden Schlacht im Siebenjährigen Krieg zeigt, spiegeln sich die mannigfaltigen Reaktionen, welche die Mahnrede bei den Generälen auslöste. Der Alte Fritz warb eindringlich um ihr Mitwirken, verschwieg aber nicht das Risiko des Einsatzes, waren doch die österreichischen Truppen den preußischen dreifach überlegen. Zwei raubeinige Herren in massigen Mänteln betrachten den Kriegsführer mit skeptisch zugekniffenen Augen. Mit Detailliebe hat Menzel den Frühnebel und den schmutzigen Schnee wiedergegeben, um die unbehagliche Situation zu unterstreichen. Das Pathos droht zur Groteske heruntergezogen zu werden. Hier streift Menschlich-Allzumenschliches die große Weltgeschichte. Friedrich nimmt im Kreis seiner Feldherren keinen prominenten Platz ein. Menzel verweigert alle sinnfällige Hier­archie, merkwürdigerweise ist die Hauptperson lediglich durch Umrisse angedeutet, etliche Gesichter sind zerkratzt.

Menzels Њuvre ist innig verquickt mit dem Sujet Friedrichs des Großen. Nichts weniger als seinen Durchbruch verdankt er den 376 Holzstichen, mit denen der junge Künstler Kuglers Bestseller „Geschichte Friedrichs des Großen“ illustrierte. Drei Jahre lang vertiefte sich Menzel in die Monarchenvita und studierte alle erreichbaren Quellen, von der Totenmaske über zeitgenössische Darstellungen wie Antoine Pesnes berühmtes Kinderbild bis zu den bereits zerfallenden Uniformen, die Friedrich 100 Jahre zuvor getragen hatte. Menzel schwebte höchste Authentizität und Verlebendigung vor. Seine minutiösen Studienblätter bezeugen, dass ihm dies gelang. Sein Einfühlungsvermögen ins 18. Jahrhundert – das Bild oben zeigt seine Studie der Prinzessin Wilhelmine – sowie in die komplexe Persönlichkeit Friedrichs übertreffen das Vorbild, die „Histoire de Napolйon“ des Historienmalers Vernet. Der beidhändig arbeitende Menzel zeichnete seine Entwürfe sofort seitenverkehrt auf die präparierten Holzstöcke, von denen nun einige präsentiert sind.

Schon während der intensiven Arbeit am Holzstich-Zyklus keimte der Wunsch, eines Tages „einen Ziklus großer historischer Bilder“ um die Gestalt des „großen Königs“ zu malen. Aus dem kolossalen Steinbruch seiner grafischen Arbeiten kann Menzel schöpfen und er inszeniert auf der Leinwand fortan einen Herrscher, der weit über die gängige Rolle als repräsentativer Potentat hinauswächst. Erstmals vereinigt die Ausstellung bis auf drei Kriegsverluste sämtliche Friedrich-Gemälde Menzels, die bis heute maßgeblich unser Bild des Königs prägen: der Freund der Philosophie und Künste, der aufgeklärte Monarch und der willensstarke Kriegsherr – eine bürgerliche Rezeption und damals durchaus ein Modell für die Gegenwart. Insofern ergänzt die Ausstellung im Alten Museum die zwei Tage zuvor eröffnende Schau im DHM zum Nachwirken Friedrichs des Großen.

Neben der genialischen Imagination verleiht Menzels protoimpressionistischer Pinselstrich den Szenen etwas Ungezwungenes wie beim legendären „Flötenkonzert in Sanssouci“. Im Alter quittiert der Künstler, der von Wilhelm II. mit dem zweifelhaften Lob des „Ruhmeskünders Friedrichs des Großen“ dekoriert wurde, die x-fach reproduzierte Vorlage indes mit grimmiger Selbstkritik: „Der König steht da wie ein Kommis, der sonntags Muttern etwas vorflötet (…) Überhaupt habe ich’s bloß gemalt des Kronleuchters wegen.“

Text: Martina Jammers

Foto: Jörg P. Anders / bpk / Kupferstichkabinett SMB

Das Bild Friedrich des Großen bei Adolph Menzel Alte Nationalgalerie, 23.3.–24.6.

Friedrich der Große – verehrt, verklärt, verdammt … Deutsches Historisches Museum, 21.3.–29.7.

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