Preis der National­galerie

Agnieszka Polska im Hamburger Bahnhof

Beunruhigender Zauber: Der Preis der National­galerie ist ein sicherer ­Karriere-Beschleuniger für junge Künstler*innen. Aktuelle Preisträgerin ist Agnieszka Polska. Sie findet in ihren Filmen und digitalen Animationen ­magische Bilder für ­klaffende Abgründe

A head shot of a grey Welsh Section A pony on a black background. Foto: Agnieszka Polska

Agnieszka Polska macht sich Sorgen um die Sonne. In ihrem Video „My Little Planet“ sieht man einen Aschenbecher durch den Kosmos driften, eine fliegende Untertasse für Zigarettenstummel, und das Ganze in einer Perspektive, in der sich womöglich sogar die Sonne durch die Vorgänge verdunkeln könnte. „My Little Planet“ (2016) kann man als eine Art Vorspiel zu den beiden Arbeiten sehen, mit denen die polnische Künstlerin im Vorjahr im Hamburger Bahnhof zu sehen war: „Little Sun“ und „What the Sun Has Seen“. In beiden Fällen ist es eine eher putzige Sonne, die sich da in kindgemäßer Animation präsentiert, dann aber von Dingen spricht, die auch viele Erwachsene nicht so leicht verstehen würden.

Wenn es jemals eine plausible Verbindung zwischen dem permanenten Überschuss in dem Zentralgestirn unseres Sonnensystems und dem Informationsüberschuss in der Gegenwart gab, dann in dieser Ausstellung, für die Polska mit dem Preis der Nationalgalerie ausgezeichnet wurde.

Dass sie eine Frau ist, und aus Polen, wurde von manchen Medien stärker hervorgehoben als die Beschäftigung mit ihrer Kunst – in einem offenen Brief verwandten sich Polska und die drei Kolleginnen, die ebenfalls für den Preis nominiert gewesen waren, gegen diesen Fokus auf Persönlichkeitsmerkmale, wo es doch komplexe Kunst zu diskutieren gäbe.

Zum Preis der Nationalgalerie gehört, dass die Preisträgerin ein Jahr später noch eine Einzelausstellung bekommt. Polska hat dafür eine neue Videoarbeit geschaffen: „The Demon’s Brain“ steht wie auch schon die Arbeiten im Vorjahr an einer thematischen Schnittstelle zwischen Menschheitsfragen und Naturwissenschaft. Man könnte vom Genre Ökofantastik sprechen, oder auch von spielerischer Science-Fiction, wobei im aktuellen Fall die Periode am Ausgang des Mittelalters und am Anfang der Neuzeit den Kern des Stoffs bildet, den Polska spekulativ zum Pulsieren bringt – sie geht von einem frühmodernen „Manager“ aus, der in Polen im Salzabbau tätig war.

Eine deutliche Tendenz in Richtung Kino gibt es bei Polska schon länger (die Sonnen-Filme liefen auch auf dem Filmfestival von Rotterdam). Neben „The Demon’s Brain“ wurde bei den Berlinale Talents in diesem Jahr auch ein Spielfilmprojekt vorgestellt: In „Hurray, We Are Still Alive“ verbindet sie die Ideen von kollektiver Kreativität, wie sie Rainer Werner Fassbinder zugleich suchte und verunmöglichte, mit ihrem Zentral­thema, den Überlebensfragen der Menschheit auf dem kleinen Planeten, auf den die kleine Sonne mit zunehmend wachsender Sorge blickt und scheint.

Agnieszka Polska: The Demon’s Brain im Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50, Tiergarten

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