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Ai Weiwei – Evidence im Martin-Gropius-Bau

ai_weiwei_01_2012_c_gao_yuanFür einen solchen Mann baut man auch mal schnell das Fenster aus: Ai Weiwei. Besser gesagt für seine Kunst. Das gab es in der Geschichte des Martin-Gropius-Baus bisher erst einmal, für die Skultpuren von Anish Kapoor. 40 Tage lang waren die Container mit Ai Weiweis politisch hochbrisanter Kunst zuvor unterwegs gewesen – von Peking aus über den Hafen Dalian nach Berlin verschifft, für die große Einzelschau „Evidence“, zu Deutsch: „Beweis“. Durch den chinesischen Zoll haben die Werke es trotz des politisch gefärbten Titels geschafft, über Singapur bis nach Bremerhaven sind sie kürzlich in Berlin eingetroffen. Ein paar Tage später als erwartet, wegen wilder Stürme im Pazifik.

Jetzt soll es wirklich nicht am Berliner Baurecht von 1881 hapern, dass die fünf Meter lange Marmorinsel mit dem Gewicht eines Afrikanischen Elefanten nicht in den Martin-Gropius-Bau kommt. Also hebt man die Insel mit dem Schwergewicht-Kran durchs ausmontierte Fenster. Gereon Sievernich, Direktor des Martin-Gropius-Baus, fotografiert mit dem Smartphone und schickt einige Bilder nach China zum Büro Ai Weiweis. In wenigen Tagen werden Ais Mitarbeiter nach Berlin kommen, um letzte Hand anzulegen an die Ausstellung.

Natürlich waren die Vorbereitungen dieser monumentalen Schau von Anfang an ein ganz spektakuläres Unterfangen: Ai hat den Gropius-Bau kein einziges Mal betreten können, musste sich in seinem Atelier am Rande Pekings ganz auf die Grundrisse der Räume verlassen und auf sein herausragendes Gespür für Räume. Dem Künstler hat man nämlich in China 2011 von Staats wegen den Pass eingezogen, sodass er seitdem das Land nicht mehr verlassen kann. Es braucht keine Fantasie, um die politische Brisanz seiner fokussiert deutlichen Aktionen und Kunstwerke als Grund für Anfeindungen gegen ihn zu vermuten: Ai greift ständig Ereignisse der Zeitgeschichte auf und übersetzt sie in Konzeptkunstwerke.

Wie auch bei den Diaoyu-Inseln. Als vor einem Jahr der Konflikt zwischen China und Japan um jene Inseln im Pazifik entbrannte, hat Ai eine Serie marmorner Inseln dazu erschaffen. Der kleine Archipel im Ostchinesischen Meer war Auslöser für einen bitteren, immer noch nicht beigelegten Grenzstreit. Im Konzeptkunstwerk legt Ai ihn dem Besucher zum Spüren nahe, denn man kann im Gropius-Bau zwischen den Inseln navigieren. Ein Experiment im großen Maßstab und mit Material, das aus einem Steinbruch vor Peking stammt.

Sievernich erklärt Ais Arbeitsweise so: „Er arbeitet nicht eine Agenda ab, sondern reagiert auf die Zeitläufe. Damit stellt er uns auch Fragen wie: Warum können wir mit diesem Konflikt nicht anders umgehen, als wir er es tun?“ Vielleicht ist man in Peking ja froh, solche Kunst in der Ferne zu wissen. Ai hingegen bekennt stets, niemals für immer ausreisen zu wollen. Eine Ausstellung wie jetzt im Gropius-Bau wäre in China völlig undenkbar. Ais einziges öffentliches Kunstwerk in China ist sein jeden Tag mit frischen Blumen bestücktes Fahrrad vor seinem akribisch bewachten Haus.

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„Es war immer ein Traum, mit ihm zusammenzuarbeiten“, sagt Sievernich, „denn wir müssen uns mit China beschäftigen, einem der größten und wichtigsten Länder der Welt.“ Die sehr politische Ausstellung ist auch deshalb so relevant, weil Ai über das Verhältnis Chinas zum Westen spricht. Und über Missstände im eigenen Land. Einige Installationen sind dezidiert diesem Thema gewidmet. Etwa dem Erdbeben 2008 in Sichuan, bei dem 70?000 Menschen starben, besonders viele Schulkinder, weil durch Pfusch und Korruption ihre Schulen nicht ordentlich gebaut waren. „Man kritisiert manchmal, er sei politisch“, sagt Sievernich, „aber wir drehen das um: Das ist gerade das, was wir wollen. Und das ist auch das, was er will.“

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6000 traditionelle Hocker, hier noch in Ai Weiweis Atelier, werden den Lichthof im Gropius-Bau voll ausfüllen

Mit minimalistisch fokussierter Konzeptkunst verweist Ai auf die lange ästhetische Tradition Chinas und die Vorliebe der Gelehrten seiner Heimat zu Materialien und Texturen. Auch die Deutschen kriegen ihr Fett weg: Ai hat acht antike Vasen mit metallisch glänzendem Autolack überzogen. Die Farben stammen aus den Farbpaletten von Mercedes-Benz oder BMW und verweisen so auf den postkommunistischen Konsumterror im China unserer Tage. Eine Folge der damit einhergehenden Massenproduktion ist natürlich auch der Pekinger Smog, der oft extrem ungesunde Werte erreicht. Ai hat daher eine Atemschutzmaske auf einen Grabstein gemeißelt. Aber auch in einem 150-stündigen Video dokumentiert er den Wandel urbaner Infrastruktur und sozialer Verhältnisse Pekings. Das Video startet konkret am Autobahnkreuz der Dabeiyao-Schnellstraße, gefolgt von 2?400 Kilometern Straße, um dann zum Ausgangspunkt zurückzukehren.

2011 wurde Ai von den Behörden 81 Tage lang an einem geheimen Ort festgehalten. Man behauptete, dass Ai das Unternehmen seiner Frau, „Fake“, kontrolliere und somit Steuern hinterzogen habe. Die Behörden forderten die Firma auf, 1,7 Millionen Euro zu zahlen. Innerhalb von zehn Tagen liehen 30?000 solidarische Internet-User Ai umgerechnet über eine Million Euro. Ai schuf Schuldscheine samt Stempel und Unterschrift, die jetzt als Tapete in Berlin zu sehen sind.

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Es bleibt zu hoffen, dass Ai bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Evidence“ doch noch mit dem Pass in der Tasche zum Martin-Gropius-Bau reisen kann. Sievernich bleibt aber im Konjunktiv: „Wir wissen noch nicht, ob er kommen kann, aber es wäre natürlich richtig, dass er kommen könnte.“

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Gao Yuan (oben), Ai Weiwei

Ai Weiwei – Evidence Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 3.4.–7.7.

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