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Ai Weiwei im Interview

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Der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei forderte per Videobotschaft vor wenigen Wochen öffentlich seinen Pass zurück. Foto: Screenshot

Vor wenigen Minuten hat jemand die Blumen aus Ihrem Fahrrad vor dem Studio geklaut …
Seit mehr als 120 Tagen legen wir Blumen in den Korb des Fahrrads vor unserem Haus – als symbolische Geste, um die Aufmerksamkeit auf diejenigen Menschen zu lenken, die ihre Freiheit verloren haben. Und um die Autoritäten aufzufordern, mir meinen Pass wiederzugeben. Ironischerweise verschwinden die Blumen jeden Tag nach wenigen Minuten oder Stunden: Sie werden von den verschiedensten Personen entwendet. Dass wir weitermachen, ist unsere Art uns auszudrücken. In China gibt es ja keinen Weg, mit der Staatsmacht zu kommunizieren. Es gibt keinen Kanal, um ein Gespräch oder eine Diskussion zu führen. Es gibt hier keinerlei bedeutungsvolle Kommunikation. Darüber hinaus ist mir meine Stimme in China verboten. Ich habe keinen Zugang zum Internet, niemand kann mich interviewen. So wird man gewissermaßen behindert im Alltag. Das ist sehr ironisch: Außerhalb Chinas nimmt man mich stark wahr, aber innerhalb Chinas wird jede Information ausgeblendet, die mit mir zu tun hat. Ich könnte hier keine Ausstellung machen oder frei übers Internet kommunizieren.

Wie fühlt sich das für Sie an, weltbekannt zu sein und in China nur Ihr Fahrrad mit den Blumen ausstellen zu dürfen als Ihr einziges öffentliches Kunstwerk?
Als Lebewesen brauchen wir alle unsere Wege, uns auszudrücken. Mein Fall ist ziemlich dramatisch: Eine Seite ist mit voller Sichtbarkeit ausgestellt, die andere schweigt still. Die Blumen im Fahrrad zu platzieren, ist ein sehr geringer Aufwand, den ich aufbringen kann. Die Autoritäten haben mich aber aufgefordert, sogar das zu beenden. Aber wir bestehen darauf. Es stört doch niemanden. Es verschönert die Straße. Es sind frische Blumen. Es gibt keinen klaren Grund, sie wegzunehmen.

Woher nehmen Sie die Kraft, auf diese Art „behindert zu leben“, wie Sie sagen?
Ich glaube, das Leben ist niemals leicht. Menschen in unterschiedlichen Positionen, an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten steuern ihre eigenen Bemühungen zum Kampf für ein besseres Leben oder für eine bestimmte Weltanschauung bei. Verantwortung wird von anderen mitgetragen. Manche Werte werden von anderen erkannt. Es ist alles nur eine Frage von Verantwortungsgefühl. Ich lebe in China. Ich bin Künstler. Ich muss einen Weg finden, mich auszudrücken. Eine Ausstellung kann von anderen akzeptiert werden oder Bewusstsein in ihnen wecken.

Warum hält Sie die chinesische Regierung nicht ganz davon ab, Kunst zu machen und in anderen Ländern auszustellen?
Ich kann nicht wirklich für die Regierung sprechen, aber wenn ich raten muss, würde ich sagen: Alles, was ich an Kunst mache, geschieht innerhalb des Gesetzes. Ich finde nicht, dass sie etwas da-ran ändern sollten. Als man mich freiließ, wurde ich sogar gewissermaßen ermutigt, mich wieder auf meine Kunst zu konzentrieren – von den Autoritäten. Ich glaube, es kümmert sie nicht sehr. Solange ich nicht in China ausstelle.

Verdient der chinesische Staat eigentlich in Form von Steuern und Zoll an Ihrer Kunst, wenn Sie Ihre Kunstwerke exportieren, wie jetzt für die Schau im Martin-Gropius-Bau?
Das weiß ich nicht.

Wie haben Sie die Berliner Ausstellung konzipiert, ohne die Räume vor Ort besichtigen zu dürfen, wo Ihre Werke gezeigt werden?
Viele Dinge auf der Welt entstehen auf diese Weise: Raketen werden auf den Mond geschossen, ohne dass vorher jemals jemand dort gewesen ist. Alles kann gemessen und präzise strukturiert werden. Mein Team war dort in Berlin, wir haben alles genau ausgemessen und uns viel ausgetauscht.

Befürchten Sie nicht, dass Ihre Kunstwerke die Betrachter auf eine andere Weise bewegen als von Ihnen intendiert, da Sie die Räume ja nicht ganz genau kennen?
Das ist ja eine übliche Voraussetzung, wenn ein Künstler nicht vor Ort sein kann. Ich glaube, jeder findet seine eigene Bedeutung, wenn der Künstler nicht vor Ort sein oder das Kunstwerk installieren kann. Das ist sogar Teil des Werkes.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dieser Ausstellung?
Dass viele die Gelegenheit haben, sie zu sehen. Dass sie den Menschen in Berlin etwas Fremdes nahebringt, worüber sie diskutieren können. Dass sie eine Idee davon bekommen, was dieser Künstler in der Ferne macht, wie sein Leben aussieht und seine Arbeiten.

Obwohl Menschen im Westen oft nicht viel über China wissen, können Millionen etwas mit Ihrer Kunst anfangen. Wie gelingt es Ihnen, Menschen so intuitiv anzusprechen?
Ich versuche, meinen Werken ein sehr direktes Erscheinungsbild zu geben, nicht zu kompliziert. Ich beziehe mich aber auf die Kunstgeschichte und auf Zeitgenossen. Ich möchte, dass die Werke zum Publikum sprechen und es einladen, Teil der Diskussion zu werden.

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Funktionieren Ihre Werke eigentlich auch ohne ihre politische ?Dimension, auf eine rein ästhetische Weise?
Einige Arbeiten reflektieren offensichtlich die soziopolitische Realität. Einige sind eine ästhetische, konzeptuelle Geste. Andere kombinieren beides. Sie kommen simpel und vertraut daher, aber mit einer Spirale unterschiedlicher Bedeutungen.

In einer Videobotschaft haben Sie kürzlich Ihren Pass zurück-gefordert. Welche Reaktionen gab es darauf bisher vonseiten des Staates?
Soweit ich weiß, gab es darauf keine Reaktionen.

Und aus der Öffentlichkeit?
Nein. Niemand hier kümmert sich um meine Ausstellung oder weiß auch nur davon.

Aber im Ausland schon …
Aber wie sollte ich das mitbekommen?

Sie haben überhaupt keinen Zugang zu Social Media im Internet?
Nur über Twitter. Obwohl das auch schon fast illegal ist.

Warum möchten Sie nach allem, was Ihnen widerfahren ist, China trotzdem nicht für immer verlassen?
Pass und Reisefreiheit bedeuten, dass man hinkann, wohin man möchte. Ein Einweg-Ticket wäre keine Freiheit.

Ist es gefährlich für mich, Sie hier zu interviewen?
Das glaube ich nicht. Die Autoritäten wollen mich verbiegen. Niemanden sonst.

Wird die Situation für Sie gefährlicher, wenn Sie Interviews geben?
Wenn ich kritische Punkte anspreche, schon. Wie ich das ermessen kann, weiß ich aber nicht.

Interview: tro

Ai Weiwei – Evidence? Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, ?Mi–Mo 10–19 Uhr, bis 7.7.

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