Aktuelle Ausstellungen in Berlin: Neue Tipps und letzte Chancen

Die Kunstwelt ist immer in Bewegung. In dieser Übersicht zu aktuellen Ausstellungen in Berlin erfahrt ihr von den tipBerlin-Kunstredakteurinnen, was es Neues gibt, was sich weiterhin lohnt und wohin ihr unbedingt noch müsst, bevor es zu spät ist.
NEUE AUSSTELLUNGEN
Lina Lapelytė: „We Make Years Out of Hours“ im Hamburger Bahnhof

Die Schnittstelle zwischen Kirche und Spielplatz befindet sich in der Haupthalle des Hamburger Bahnhofs. In dieser ehemaligen Kathedrale des kohlebetriebenen Fernverkehrs kommen Menschen zusammen, klopfen, klappern, singen vielleicht, begleitet von Sänger:innen, die sich nach einer Choreografie bewegen. Wie in der Kirche liegt der Text des Chors auf Bänken aus. Für ihre Ausstellung „We Make Years Out of Hours“ ließ die Künstlerin Lina Lapelytė 400.000 Klötze aus Kiefern- und Fichtenholz in das Museum liefern und zu einer duftenden, hallenfüllenden Landschaft fügen. Aus diesen Klötzen bauen Besuchende und Performende Türme, Mauern, Ringe, sie stapeln, schütten, schichten und reißen die Bauwerke polternd wieder ein. Das Kunstwerk, das auch Kinder begeistert, ist mehr als Spielzeug: eine Einladung, sich zweck- und zielfrei zu vergessen und sich wenigstens einen Ausstellungsbesuch lang mit anderen Menschen in Harmonie verbunden zu wähnen. Mehr über Lina Lapelytės Schau „We Make Years Out of Hours“ im Hamburger Bahnhof lest ihr hier.
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50, Mitte, Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa+So 11–18 Uhr, 16/8 €, bis 18 J. + TLE frei, So Familien 10 €, www.smb.museum, Performances Di, Do, Sa/ So 14 –17 Uhr, bis 10.1.2027
„Dear Father“ bei frontviews at Haunt

Diese Ausstellung ist ein Gastspiel: „Dear Father“ kommt aus Ljubljana und vereint Arbeiten dreier Künstlerinnen, die sich mit der Abwesenheit von Vätern auseinandersetzen. Helena Tahir (Abb.), Nevena Aleksovski und Maja Babič Košir haben nach Spuren ihrer Väter gesucht. Mit Hilfe von Fotos, Dokumenten, hinterlassenen Gegenständen sowie Aussagen von Verwandten, die das familiäre Schweigen brechen, tasten sich die Künstlerinnen an die Abwesenden heran, teils buchstäblich wie Košir, die Designobjekte aus dem Studio ihres Vaters zu Plastiken geformt hat. Und doch bekommt keine Künstlerin ihren Vater wirklich zu fassen. Piera Ravnikar vom slowenischen Kunstraum Ravnikar hat die Schau elegant in die zwei Etagen eingefügt, die der Verein frontviews im Projektraum Haunt nutzt. Unbedingt sehen, nicht nur, weil das Sujet in Film und Literatur sehr präsent ist. Sondern auch, weil sich hier sogar fühlen lässt, wie Weltgeschichte Familien prägt.
frontviews at Haunt Kluckstr. 23a, Hof, Tiergarten, Mi–Sa 14–18 Uhr, www.frontviews.de, Finissage: 16.5., 16–20 Uhr, bis 16.5.
Walid Raad: „Like A Rubber Rung on A Ladder“ in der Galerie Thomas Schulte

Die Überraschung ist gelungen: Der erste Auftritt von Walid Raad in der Galerie von Thomas Schulte ist ein Hingucker. Der renommierte libanesisch-amerikanische Künstler nutzt den Eckraum mit den großen Schaufenstern für eine deckenhohe Collage aus Graffiti, die Gefühle und Haltungen von Soldat:innen oder Milizangehörigen in Kriegen und Konflikten wiedergeben könnten. Dazu hat Raad im Nebenraum Fotocollagen gesellt, die wie popbunte Blumen aussehen, beim Nähertreten jedoch Porträts internationaler Politiker:innen preisgeben. Den Clou bildet ein umgestürztes altes Auto in der Auslage. Passant:innen bleiben stehen, und eine junge Frau fragte an einem Nachmittag Anfang Mai: „Ist das ein Trabbi?“ Nein, sondern ein Exemplar einer deutschen Automarke, die von Mexico bis Indien gefahren wird: ein VW-Käfer. Auf den Rücken gedreht wie der Käfer in Kafkas „Die Verwandlung“, wird der Wagen hier zu einem kräftigen Symbol, das zu deuten jedoch dem Publikum obliegt.
Galerie Thomas Schulte Charlottenstr. 24, Mitte, Di–Sa 12–18 Uhr, www.thomasschulte.com, bis 6.6.
Stella Zhong in der Galerie Trautwein Herleth

Ein übergroßer, ovaler Zylinder hat sich im Galerieraum breitgemacht. Pechschwarz und anziehend ist das Objekt, man umwandert es, will irgendwie hinein und bleibt doch draußen. Stella Zhong macht Installationen oder Formen, die eine Sogwirkung entfalten und undurchdringlich wirken. Scheinbar schwebende Steinhaufen, winzig kleine Drahtfiguren, bei denen auf den ersten Blick nicht klar ist, ob das zur Skulptur gehört oder ein Überbleibsel vom Aufbau ist. Die chinesische Künstlerin spielt mit Größenverhältnissen und Materialien, erzeugt in der kühlen Verschlossenheit ihrer Werke auch Gefühle von Neugier und Zärtlichkeit. Wie soll man sich nur zu diesen Objekten verhalten? Und in dieser Ambivalenz wird das vermeintlich Abstrakte doch so lebensnah.
Trautwein Herleth Regina-Jonas-Str. 41/43, Kreuzberg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 13.6., trautweinherleth.de
Joshua Zielinski: „Parallelen sind nie daneben“ in der Laura Mars Gallery
Sportpokale zu Tischlämpchen: Joshua Zielinski verblüfft in der Galerie Laura Mars mit überraschenden Verwandlungen von Vereinsbedarf zu Gebrauchsgegenständen. Der Berliner Bildhauer, Dozent unter anderem an der Kunsthochschule Weißensee, hat die metallisch glänzenden Trophäen auseinandergenommen, und mit Stein kombiniert neu zusammengesetzt – zu kleinen Lampen. Jetzt wirken sie ironisch formschön und geradezu nachttischtauglich. Doch interessant ist dabei vor allem Zielinskis Umgang mit Stein, den komprimierten Mineralien, auf denen nicht nur jedes seiner Lämpchen, sondern das Dasein auf Erden basiert. Zielinskis kunsthistorische Würdigung dieses Materials finden sich im hinteren Raum. Worte sind angesichts des geistreichen Humors hier überflüssig. Passenderweise hat Zielinski auch alten Bleisatzlettern eine neue Form gegeben – Worte lassen sich aus ihnen nicht mehr bilden.
Laura Mars Gallery Bülowstr. 52, Tiergarten, Mi–Fr 13–19, Sa 13–18 Uhr, Finissage: 9.5., 13–19 Uhr, der Künstler ist ab 17 Uhr anwesend, www.lauramars.de
Som Supaparinya: “Melted Stars“ in der DAAD-Galerie

Som Supaparinya dreht fantastische Filme, in denen sich Zeiten und Orte überlagern. So zeigte die thailändische Künstlerin 2025 in Hannover Filmporträts von Flüssen zwischen Myanmar und Bangkok, großartige Naturaufnahmen, die zugleich von Flüchtenden, Hafenarbeitern, Tourist:innen und Umweltschützer:innen erzählen. Nun hat die Ex-Stipendiatin des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin die Premiere ihrer Videoinstallation „Melted Stars“ gefeiert. Und wieder schwillt ein Fluss an. Dieses Mal geht es aber auch durch Wälder in die Berge, auf halb vergessenen Routen zwischen Thailand und Indien, die die japanische Armee im Zweiten Weltkrieg einschlug. Mit Aussagen von Ortskundigen und letzten Zeitzeug:innen sowie historischen Aufnahmen hat Supaparinya eine poetische Erzählung geschaffen, die an die thailändische Kollaboration mit den Invasoren und zu Kriegsgeschehen führt, das die Unabhängigkeit von Ländern in Südostasien begünstigte. Ihre Filmcollage hat Som Supaparinya in den angrenzenden Sälen um bearbeitetes historisches Material ergänzt. Mit direktem Bezug zu Berlin. Großartig.
DAAD-Galerie Oranienstr. 161, Kreuzberg, Di–So 12–19 Uhr, berliner-kuenstlerprogramm.de, bis 7.6.,
Führung mit Som Supaparinya und Kuratorin Natalie Keppler: 31.5., 16 Uhr
„Mind the Gap. Meisterklasse Ostkreuzschule für Fotografie Linn Schröder & Ingo Taubhorn“ im Haus am Kleistpark

© Foto: Michelle Maicher
Trotz Künstlerischer Intelligenz scheint die Zukunft der Fotografie sicher zu sein, jedenfalls nach einem Besuch der Ausstellung, die die Meisterschüler:innen der Klasse von Linn Schröder & Ingo Taubhorn an der Ostkreuzschule für Fotografie im Haus am Kleistpark zeigen. Die meisten Serien zeichnen sich durch sorgfältige Langzeitrecherche und betonte Zurückhaltung bei Form und Farben aus. So reiste laif-Fotografin Jana Islinger durch Armenien und hielt in sachlich melancholischen Aufnahmen den Einfluss des dortigen Konflikts auf (bewaffnete) Frauen und Familien fest. Lukas Ratius` Installation aus Fotografien und detailliert aufbereiteten Akten thematisiert Fälle von Polizeigewalt. Und Michelle Maicher fotografierte an der Ostgrenze Polens sichtbare Folgen des Ukrainekriegs (Foto). Bleibt nur die Frage, wie die meist freiberuflich arbeitenden Fotograf:innen solch aufwändige Recherche auf Dauer bezahlen können.
Haus am Kleistpark Grunewaldstr. 6/7, Schöneberg, Di–So 11–18 Uhr, www.hausamkleistpark.de, bis 21.6.
„Räume Schaffen. Die Konstruktivistin Marlow Moss“ im Georg Kolbe Museum

Marlow wer? Genau. Marjorie Jewel Moss, wie sie hieß, bevor sie sich bis Mitte der 1920er-Jahre Marlow Moss nannte, gilt als Vorreiterin des Konstruktivismus. Sie ist Zeitgenossin von Constantin Brancusi und Piet Mondrian. Doch ein großer Teil vom Werk der britischen Künstlerin wurde durch deutsche Bomben zerstört wurde. Nach ihrem Tod 1958 geriet sie in Vergessenheit, auch, weil sie mit ihrer Partnerin zurückgezogen auf dem Land lebte. Das Georg Kolbe Museum widmet ihr eine elegante Ausstellung, die in Leben und Werk einführt, der viel Forschung der Kuratorinnen Lucy Howarth und Elisa Tamaschke vorausging. Und nicht zuletzt Recherche von den Gegenwartskünstlerinnen Leonor Antunes, Tacita Dean, Florette Dijkstra und Ro Robertson, die Moss’ Werk künstlerisch kommentieren, allen voran die Niederländerin Florette Dijkstra, die verschollene Arbeiten von Moss rekonstruiert. Absolut sehenswert.
Georg Kolbe Museum Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Mi–Mo 11–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, georg-kolbe-museum.de, bis 26.7.
„Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision” im Gropius Bau

Die eine oder der andere mag sich noch an die Aufnahmen in der Ausstellung der KW Berlin über den New Yorker Künstler David Wojnarowicz erinnern, den der amerikanische Fotograf Peter Hujar (1934–1987) eindringlich in Schwarz-Weiß porträtierte. Nun sind Aufnahmen von Hujar (Foto) im Gropius Bau zu sehen, und die Warteschlange bei der Eröffnung war immens lang. Hujars Landschafts-, Tier- und Stadtaufnahmen finden sich hier kombiniert mit abstrakt wirkenden Fotogrammen und Plastiken der US-amerikanischen Künstlerin Liz Deschenes. Das kann man so machen. Es sieht schön aus. Das eine Werk betont das andere und umgekehrt. Und vielleicht passt es auch inhaltlich. Die politisch deutlichere Ausstellung von Hujar hängt allerdings bis August in Bonn in der Bundeskunsthalle: Dort geht es explizit um Sexualität, Körper und die AIDS-Krise in den USA.
Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mo, Mi–Fr 12–19, Sa/ So 10–19 Uhr, Hausticket: 15/ 10 €, bis 18 J. + TLE frei, berlinerfestspiele.de/gropius-bau, bundeskunsthalle.de, bis 28.6.
„Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“ im Museum für Fotografie

Seit den Anfängen der Fotografie im 19. Jahrhundert haben herausragende Fotografinnen das Medium entscheidend geprägt. Nur leuchten ihre Namen nicht so hell am kunsthistorischen Firmament wie die der männlichen Kollegen. Da ist die Ausstellung „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“ spektakulär wie ein Komet. Am Bauhaus, wo zu Zeiten der Weimarer Republik bis in die Anfänge der 1930er das gestalterische Prinzip für das 20. Jahrhundert gesetzt wurde, lernten junge Frauen die Kunst und Technik der Fotografie. Frauen wie Grit Kallin-Fischer, Marianne Brandt, Ise Gropius oder Lucia Moholy. Sie experimentierten mit Perspektiven, Techniken und Formen und entwickelten ein breites Spektrum von Porträt- bis hin zu abstrakter Fotografie. Ihre Bilder prägten das Bild vom Bauhaus bis in die Gegenwart hinein. Höchste Zeit also, dass sich ihre Namen auch in das kollektive Kulturgedächtnis einprägen. Die Schau zeigt mit über 300 Aufnahmen, unter anderem Leihgaben aus dem Institute of Design, dem kriegsbedingten Nachfolge-Institut des Bauhaus in Chicago, eine enorme Bandbreit von Architekturfotografie bis zu Alltagsleben im Bauhaus. Eine eindrückliche Reise zurück in die Zukunft.
Museum für Fotografie Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di–So 11–19 Uhr, Do bis 20 Uhr, 12/6 €, bis 4.10.
LETZTE CHANCEN
„Vessel & Voyager“ in der Akademie der Künste

Die Stipendiat:innen der „Jungen Akademie“ an der Akademie der Künste zeigen ihre Arbeiten. Die Themen 2026 sind, es könnte kaum anders sein, Krisen und Widerstandsfähigkeit. Angenehm luftig haben die Kuratorinnen Clara Herrmann und Linnéa Meiners die Arbeiten von 25 Teilnehmenden verschiedener Sparten arrangiert. Kaum etwas kommt sich in die Quere, noch nicht einmal der Klang. Mit dabei sind Marina Naprushkina, deren Beitrag vom Kampf um das Landstück mit der besten Aussicht handelt, und Hana Yoo, die eine „zeitgenössische Vorhölle“ geschaffen hat. „Vessel & Voyager“, wie die Schau heißt, bietet einen guten Einblick in aktuelle künstlerische Methoden und Themen. Und darüber hinaus viele Gelegenheiten, mehr über die Welt zu erfahren wie mit Marie-Clémentine Dusabejambos Film „Benimana“, der nach Ruanda führt. Eine Ausstellung für einen längeren Aufenthalt, erst recht am Abend des 25. April mit Performances, Konzerten und Lesungen.
Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Tiergarten, Di–Fr 14–19 Uhr; Sa/So 11–19 Uhr, 6/ 4 Euro, www.adk.de, bis 10.5.
„Malplaquetstraße 33 – Jugend einer Monteurin“ von Ahu Dural in der Galerie Wedding

So sehen heute wohl alle aus, die sich in den 1970er-Jahren von Amateur:innen in Farbe fotografieren ließen: rotstichig. Die Berliner Künstlerin Ahu Dural nimmt das Rot aus den Alben ihrer Familie als Ausgangspunkt für eine Ausstellung, die von Montagearbeit in einer Fabrik, Kolleginnen, Festen, Familien sowie Wohnungen in Wedding und Siemensstadt erzählt – und von ihrer Mutter, die jung aus der Türkei nach Berlin kam, um hier zu arbeiten. Dural hat dafür Fotos aus den Alben ihrer Eltern in verschiedenen Größen reproduziert. Die Abgebildeten schauen nun auf Skulpturen aus Aluminium oder rot lackiertem Holz, die Erinnerungen und biografische Momente dreidimensional abstrahieren. So ist ein sehr persönlicher, zugleich offener Parcours entstanden: Wer ihn entlanggeht, kann einen eigenen roten Faden finden, nicht zuletzt in Durals anschaulichen Kurztexten, die als Beiblatt ausliegen.
Galerie Wedding Müllerstr. 146/ 147, Wedding, Mo–So 10–18 Uhr, galeriewedding.de, bis 10.5.
Klara Lidén: „Kunstwerke“ in KW

Mit wie viel Körper kann man eine Stadt erfahren? Wenn wir durch die Straßen gehen, beschränken wir uns auf Füße, Augen und Ohren – der Rest macht einfach mit. Bei Klara Lidén läuft das anders: Sie fällt, liegt mit ihrem ganzen Körper auf dem Boden, tanzt, klettert an Baugerüsten entlang, zwängt sich in Gepäckablagen von S-Bahnen. In ihren Videoarbeiten zeigt sie vollen Körpereinsatz, um Möglichkeiten und Grenzen auszuloten. Ernst und konzentriert geht sie dabei vor, wodurch eine eigentümliche Komik entsteht. Diese stellt sich mitunter auch ein, wenn man im Ausstellungsraum unvermittelt vor einem Haltestellenschild der BVG steht. Klara Lidén greift in die Stadt wie in ein offenes System ein: Sie sammelt, verschiebt, zerlegt. Aus urbanem Material wie Kartons und Mobiliar wie Mülltonnen entstehen Installationen und Performances, die Architektur und Alltag kurz aus dem Tritt bringen – und ihre sozialen Regeln gleich mit. Dabei erinnert ihr Vorgehen an Künstler:innen wie Marcel Duchamp und Valie Export. Die Werkschau führt das Werk der seit über 20 Jahren in Berlin lebenden und arbeitenden Künstlerin erstmals in dieser Breite zusammen, und lädt dazu ein, der Stadt mit dem ganzen Körper zu begegnen.
KW – Centre for Contemporary Art Auguststr. 69, Mitte, Mi–Mo 11–19 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei + ALG II frei, kw-berlin.de, bis 10.5.
Dissolutions: Johannes Büttner und Catherina Cramer im Kunst Raum Mitte

Diesem Teddy scheint es nicht gut zu gehen. Alle Viere von sich gestreckt, die Augen zu Kreuzen verkommen, liegt das gigantische Plüschtier auf dem Galerieboden. Ein Symbolbild für die Weltlage oder den Gemütszustand der Besucher:innen? Könnte beides sein. Denn die Doppelausstellung von Johannes Büttner und Catherina Cramer hat es in sich. In „Indexical“ baut Cramer aus Fundstücken, Texten und besagtem Teddy – auf den darf man sich setzen – eine begehbare Installation, in der der Körper nur noch als Spur und Echo auftaucht. Krankheit und Erschöpfung werden hier nicht privatisiert, sondern als gesellschaftlicher Zustand gezeigt. Zwischen surrenden Mikrowellen kann man in Büttners Film-Installation „L’État, c’est moi“ auf Hockern Platz nehmen und von der Gegenwart enttäuschten Menschen dabei zuschauen, wie sie, von anarcho-kapitalistischen Zukunftsträumen beseelt, auf ein Glück in der „Freien Republik Liberland“ irgendwo zwischen Serbien und Kroatien hoffen. Die Schau bildet den Auftakt zum Jahresprogramm des Kunst Raum Mitte. Unter dem Titel Dissolutions folgen Ausstellungen und Veranstaltungen, die sich mit dem Zerfall bestehender Verhältnisse auseinandersetzen. Statt in Träumereien und Rettungsfantasien zu flüchten, will man der Gegenwart mutig ins Angesicht blicken.
Kunst Raum Mitte Auguststr. 21, Mitte, Mo–So, 10–18 Uhr, bis 10.5., www.kunstraummitte.berlin
AKTUELLE AUSSTELLUNGEN
Marc Brandenburg: „20th Century Debris“ in der Berlinischen Galerie

Vorsicht, Reizüberflutung möglich. Rund 170 Zeichnungen zeigt Marc Brandenburg im Museum Berlinischen Galerie, dazu Videos, Tattoos und Fotografien. Die Auswahl mit dem Titel „20th Century Debris“ führt in über 30 Jahre Schaffen des gebürtigen West-Berliners ein. Zu Brandenburgs Motiven zählen Freunde, Aufenthaltsorte und Relikte der Jahrtausendwende wie Jacken, Post-Punk-Schmuck, Matratzen, Turnschuhe und Lampen. Brandenburg hat sie fotografiert und gezeichnet – und zu einem autofiktionalen Meddley in verschiedenen Techniken gemischt. Am bekanntesten dürfte seine Umkehrung der Hell- und Dunkelwerte sein: Manche Zeichnungen wirken wie Negative von Schwarz-Weiß-Fotografien. Andere sind unter Schwarzlicht zu sehen, in einem Saal, in dem es flackert wie in einem Club. Musik, Sport, Porno, Subkulturen, London, edel und vulgär: Alles passt hier zusammen, weil all das in einem Leben geschehen und gesehen worden sein kann. Mehr zu Marc Brandenburgs Ausstellung in der Berlinischen Galerie lest ihr hier.
Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 12/ 7 €, 1. Mi im Monat 7 €, bis 18. J + Geflüchtete frei, www.berlinischegalerie.de, bis 14.9.
Marina Abramović: „Balkan Erotic Epic“ im Gropius Bau

Berlin steht Schlange, weil Marina Abramović im Gropius Bau aufschlägt. Genauer: ihre Kunst, denn sie hat es selbst aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht in die Stadt geschafft. Aber der Kunst-Superstar hat geliefert. In „Balkan Erotic Epic“ verdichtet sie Tod, Sex und ihre jugoslawische beziehungsweise balkanische Herkunft zu übergroßen, bewusst überzeichneten Video-Tableaus zwischen Ritual, Körper und Mythos. Das ist mal derb, mal komisch, ungezwungen politisch – und erstaunlich aktuell. Auch Abramovic-Ultras und Performance-Nostalgiker kommen auf ihre Kosten, denn in der Schau werden ebenfalls einige ihre ikonischen Extrem-Performances früherer Jahre mit Fotos, Videos und Requisiten gezeigt. In dieser Zusammenkunft der vergangenen und gegenwärtigen Arbeiten offenbart sich die Zeitlosigkeit der Themen, die Abramovic letztlich in ihrer Kunst vom eigenen Körper bis zum großen Bildschirm erforscht. Genital im Gropius Bau: Mehr über Abramovićs Ausstellung „Balkan Erotic Epic“ lest ihr hier.
Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Mitte, Mo, Mi–Fr 12–20 Uhr, Sa+So 10–20 Uhr, 15 €/erm. 10 €, bis 23.8., www.berlinerfestspiele.de/gropius-bau
„Diaspora Wonderland“ in der Ifa-Galerie

Mode ist mehr als nur das, was wir tragen. Damit erzählen wir bewusst oder unbewusst, wer wir sind und wo wir stehen. Und vielleicht auch wo wir herkommen. Denn gerade in diasporischen Communities kann Mode ein Mittel sein, durch heimatliche Techniken, Stoffe und Stile der individuellen als auch der gemeinschaftlichen Identität Gestalt zu verleihen. „Diaspora Wonderland“zeigt das ganz direkt: Kleidung wird hier zum Spiegel von Herkunft, Identität und Lebensrealität.
Zwischen Textilien, Fotos und Sound geht es jedoch weniger um Laufstege und Modemagazine als um Geschichten vom Ankommen, Dazwischen-Sein und Weitergehen.
Ifa Galerie Linienstraße 139/140, Mitte, Di–So 14– 18 Uhr, Do bis 20 Uhr, bis 7.6., www.ifa.de
„Die Kunst ist kein Ziel für sich“ im Kunstraum Kreuzberg

Ein Satz, in dem schon eine ganze Revolution brodelt: Mit „Die Kunst ist kein Ziel für sich“ beginnt das Manifest „Die neuen Richtungen in der Theaterkunst“ von Asja Lācis. Die lettische Regisseurin stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Spitze der neuen konstruktivistischen Theaterpraxis. Im Kunstraum Kreuzberg haben die Künstlerinnen bzw. Wissenschaftlerinnen Konstanze Schmitt und Mimmi Woisnitza das Wirken von Lācis akribisch seziert. Mit Akten aus dem KGB-Archiv zu ihrer Inhaftierung in den 1940ern, Interviews und Zeitzeugengesprächen entsteht so ein Bild einer Frau, die mit ihrem Agitprop so sehr ihrer Zeit voraus war, dass eine Aktualisierung mühelos scheint. In den Räumen kuratieren die beiden Arbeiten diverser Künstler in der Tradition von Lācis’ Theaterpraxis –dazu zählt etwa die Installation „The Big Four“ von Andreas Siekmann. Stoffbahnen, die die apokalyptischen Reiter des Ukraine-Kriegs darstellen sollen (Geopolitik, Wirtschaftsinteressen, Cyberkrieg und Aufrüstung), Müll von Glasfaserdrohnen, und eine zerrissene Tapete mit darunter auftauchenden Bildern von Unternehmen, die sich die wirtschaftlich Ukraine aufgeteilt haben, schichten neue Bedeutungsebenen auf Lācis antifaschistisches Grundgerüst.
Kunstraum Kreuzberg / Bethanien Mariannenplatz 2, Kreuzberg, Mo-So 10-20 Uhr, außer 1.5., bis 28.6., kunstraumkreuzberg.de
„Queere Kunst in der DDR?“ bei KVOST, in Werkbundarchiv, Mitte Museum und NGBK

© Foto/ Courtesy: Andreas Fux/ KVOST, Berlin
Das Wort „queer“ gehörte nicht zum gebräuchlichen Vokabular in der DDR, und Homosexualität von Männern diente, obwohl nach 1968 nicht mehr strafbar, als Anlass, Menschen von Berufen auszuschließen, zu überwachen und zu erpressen. Die Quellen zu queeren Künstler:innen ist mal spärlich, mal problematisch. Doch Stephan Koal und Valentin Wedde vom Kunstverein Ost (KVOST) haben nach Werken und Biografien gesucht und ihre Ergebnisse zusammengetragen: in einem reich bebilderten Katalog, auf Zeitstrahlen, in Biografie-Verzeichnissen – und in einer vierteiligen Ausstellung. Sie versammelt neun Positionen, historische wie von Toni Ebel und Jürgen Wittdorf sowie zeitgenössische wie von Erika Stürmer-Alex und Andreas Fux (Foto). Sie sind bei KVOST, im Mitte Museum und Werkbundarchiv zu sehen und in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), wo sich auch Dokumentarmaterial findet, Briefe und Auszüge aus Stasi-Akten beispielsweise. Eine großartige Leistung und ein Fundament für weitere Forschung. Mehr über queere Kunst in der DDR und die Ausstellungen lest ihr hier.
KVOST Leipziger Str. 47, Mitte, Mi–Sa 14–18 Uhr,kvost.de, bis 28.6.
Werkbundarchiv – Museum der Dinge Leipziger Str. 54, Mitte, Do–Mo 12–19 Uhr, 6/ 4 €, museumderdinge.de
Mitte Museum Pankstr. 47, Wedding, Do–So 10–18 Uhr, mittemuseum.de, bis 30.8.
NGBK Karl-Liebknecht-Str. 11/13, Mitte, Di–So 12–18, Fr 12–20 Uhr, ngbk.de, bis 28.6.
„Shilpa Gupta. What Still Holds“ im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart

Indien belegt laut der Initiative Reporter ohne Grenzen auf der Rangliste der Pressefreiheit Platz 151 von 180. Ein schlechtes Indiz auch für die Freiheit der Künste. Es ist Shilpa Gupta somit hoch anzurechnen, dass sie das Risiko eingeht, an internationale Widerstandsbewegungen und Verbote von Schriften zu erinnern. Nach einer Einzelausstellung in Lübeck, wo die 1976 im damaligen Bombay geborene Künstlerin den Possehl-Preis 2025 erhielt, zeigt Gupta nun Arbeiten im Hamburger Bahnhof zu Berlin. Die kleine Auswahl soll auf die hier ständig präsente Werkschau des politisch aktiven Joseph Beuys (1921-1986) antworten (Foto vorn Mitte). Inhaltlich mag das sinnvoll sein, formal weniger. Guptas Skulpturen und Installationen, die sozusagen Platz für freie Gedanken beanspruchen, wirken wie in die schlauchartige Halle hineingezwängt. Doch eine Arbeit behauptet sich auch hier: das Regal mit metallenen Buchdeckeln verbotener oder unter Alias veröffentlichter Romane, Essays, Sachtexte: „Someone Else – A Library of 100 Books Written Anonymously or under Pseudonyms“ von 2011 (Foto links). Es bleibt ein eindrückliches Mahnmal gegen Zensur. Wer frühere Berliner Ausstellungen von Shilpa Gupta verpasst hat, gewinnt in dieser Ausstellung auf jeden Fall einen Eindruck von ihrem Werk. Mehr über Shilpa Guptas Ausstellung „What Still Holds“ im Hamburger Bahnhof lest ihr hier.
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/ 51, Mitte, Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa + So 11–18 Uhr, 16/8 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 3.1.
„Brancusi“ in der Neuen Nationalgalerie

Für gewöhnlich laufen wir Besucher:innen um eine Skulptur herum, um sie von allen Seiten zu betrachten. Wie angenehm also, einfach mal faul stehen bleiben zu können, während sich das Kunstobjekt vor den eigenen Augen selbst von seinen besten, also allen Seiten präsentiert. Auf einer rotierenden Scheibe steht die goldglänzende, blitzblank polierte „Leda“ von Constantin Brancusi. Der Werkname bezieht sich auf den griechischen Mythos um Königin Leda und Göttervater Zeus, der sich ihr als Schwan beim Baden im Fluss näherte. Bei Brancusi wird Leda zum Schwan: Eier- und zylinderförmige Formen werden zu einem Körper. Mehr braucht es nicht, um das Wesen dieser Transformation auszudrücken. Reduktion auf das Essenzielle, das Lebendige der Tiere und Menschen – das war es, was Brancusi in Holz, Stein und Metall suchte und auch fand. Ob Frauenköpfe oder Federvieh: Der in Rumänien geborene Künstler gilt als Vorreiter der Moderne und fasziniert mit seiner präzisen, futuristisch anmutenden Kunst bis heute. So groß und ausführlich konnte man sein Werk in Berlin mindestens eine halbe Ewigkeit nicht mehr bestaunen. Sogar ein Teil seiner Pariser Ateliers wurde aufgebaut. Dazu vermitteln Filmaufnahmen, Fotografien und Schriften aus der Zeit Brancusis künstlerischen Werdegang, seine Künstlerfreundschaften und die Suche nach der abstrakten Form des Lebendigen. Mehr über die Schau „Brancusi“ in der Neuen Nationalgalerie lest ihr hier.
Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di/ Mi, Fr–So 10–18, Do 10–20 Uhr, 16/ 8 €, bis 9.8.
„Seeing Words, Reading Images“ im Palais Populaire

Das schöne deutsche Wort „Schriftbild“ sagt es schon: Ein Text wird nicht nur gelesen, sondern auch visuell wahrgenommen, also als Bild aus Formen, Abständen und Strukturen. Wie sehr sich Schrift in das weite Feld der Bildenden Kunst ausweiten kann, zeigt das gelungene Aufeinandertreffen von Werken der Privatsammlung „Written Art Collection“ und der Unternehmenssammlung der Deutsche Bank. Überraschend ist die Vielfalt, die von gestisch-abstrakter Malerei nach 1945 über zeitgenössische Kalligrafie bis hin zu Konzept- und Medienkunst reicht. Zum Beispiel On Kawaras ikonische Serie Today, 1966–2013, für die er jeden Tag das jeweilige Datum in präzise konstruierten Buchstaben und Ziffern malte, Yinka Shonibares feine Installation einer afrikanischen Bibliothek oder Jenny Holzers Gemälde, basierend auf Militärakten aus den Afghanistan- und Irakkriegen.
Palais Populaire Unter den Linden 5, Mitte, Mi–Mo 118–18, Do bis 20 Uhr, 5/ 3 €, Mo kostenlos, bis 17.8., palaispopulaire.db.com
“Iliggocene – The Age of Dizziness” im KINDL

„Dizzy“ bedeutet schwindelig. Schwindelig wird manchen Menschen, wenn sie an die aktuellen Krisen und Kriege denken, die auch noch die Klimaveränderungen beschleunigen. Die Gruppenausstellung „Iliggocene – The Age of Dizziness“, kuratiert von Sergio Edelsztein, Ruth Anderwald und Leonhard Grond, soll diesem Zustand auf den Grund gehen und Möglichkeiten zeigen, stabiler zu stehen – mit Arbeiten von rund 30 Künstler:innen und Kunstgruppen. Das Spektrum reicht von Benjamin Ari Meyers minimalistischer Leuchtschrift in Rot über Ana Pravckis ätherische Muschel aus Glas bis zu filigran unscharfen Zeichnungen von Christian Falsnaes. Der Eindruck der Überfülle entsteht vor allen durch die Wandtexte mit Zitaten aus einem Rahmenprogramm, deren Worte sich in auseinanderpurzelnden Buchstaben verlieren. Der Versuch, Reizüberflutung mit Reizüberflutung zu kurieren, kann Schwindel erzeugen. Aber um es grob positiv zu formulieren: Hier bekommt man viel Kunst fürs Eintrittsgeld.
Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12–20, Do–So 12–18 Uhr, 10/ 7/ 4 €, kindl-berlin.de, bis 26.7.
„Tirailleurs. Von Kanonenfutter zu Avantgarde – Die vergessenen Soldat*innen, die Europa befreit haben“ im Haus der Kulturen der Welt

Die letzte Einheit der senegalesischen Tirailleurs soll 1964 aufgelöst worden sein. Über 100 Jahre hatten da Infanteristen vor allem aus Afrika für die französische Kolonialmacht gekämpft. Viele bezahlten mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben. Auch das Deutsche Reich und Großbritannien schickten Soldaten aus Kolonien in Kriege. In Frankreich und Großbritannien ist dieses Kapitel imperialer Geschichte einigermaßen erforscht, Wissenschaft und Kultur in Deutschland schließen langsam auf. Davon zeugt im Haus der Kulturen der Welt (HKW) das reichhaltige, freundlich gestaltete Archiv im Foyer, wo Besuchende Aussagen von Zeitzeug:innen, Fotos, Bücher und Filme zum Thema sehen und hören können. Die Kunst dazu findet sich in den zwei Hallen: 28 internationale Künstler:innen zeigen Arbeiten zu den Folgen dieser oft erpressten Rekrutierungen. Einen Höhepunkt der klar aufgebauten Ausstellung bildet Daniel Lind-Ramos` Installation aus Gegenständen des täglichen Gebrauchs (Foto), die an den Arbeitsalltag in der Karibik während zweier Weltkriege erinnern.
HKW John-F.-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi–Mo 12–19 Uhr, 8/6 €, bis 18 J., Mo + 1. So/ Monat frei, hkw.de, bis 14.6.
„An Intimacy with Strangers“ und „Earth-ling“ im KINDL

Gleich zwei Ausstellung zeigt Simon Faithfull im KINDL. „An Intimacy with Strangers” hat der Berliner Künstler aus Großbritannien kuratiert, eine Gruppenschau, die von Beziehungen zwischen menschlichem und nichtmenschlichem Leben handelt. Die zweite Ausstellung bestreitet er selbst. Im Videoraum und an der Fassade der ehemaligen Brauerei zeigt Faithfull neben Filmen von Performances (Abb.), Fotos und Postkarten ein plastisches Selbstporträt, das Bienen als Stock dienen soll, sobald die Tiere Pollen suchen. Es geht also darum, wie Menschen sich dem, was sie Natur nennen, behutsam nähern oder womöglich gar mit ihr verschmelzen können. Beide Ausstellungen sind auffällig zurückhaltend gestaltet. Das tut den Inhalten gut, vor allem in der Gruppenschau: Arbeiten unter anderem von David Claerbout, Tacita Dean, Folke Köbberling und Giuseppe Penone schmiegen sich an Wände und Boden, um sich gegenseitig wie respektvoll den Vortritt zu lassen.
Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12–20, Do–So 12–18 Uhr, 10/ 7/ 4 €, kindl-berlin.de, bis 26.7.
„Memory Is A Strange Bell“ in Neuem Berliner Kunstverein und Künstlerhaus Bethanien

Eine hervorragende Partnerwahl: Neuer Berliner Kunstverein und Künstlerhaus Bethanien zeigen in einer Doppelschau Arbeiten der 13 Senatstipendiat:innen von 2025. Diese Ausstellungen sind einerseits immer spannend, weil sie einen Überblick über aktuelle Themen und Techniken geben. Andererseits sind sie schwierig, weil die teilnehmenden Künstler:innen kaum mehr verbindet, als dass sie mit erstem Wohnsitz in Berlin leben, den gleichen Beruf ausüben und ein Stipendium des Landes Berlin erhalten haben. Das macht dieses Mal aber nichts, weil die Säle des Künstlerhauses so luftig sind, dass sich alle hier Ausstellenden angemessen beachtet wähnen können und somit auch im Neuen Berliner Kunstverein genug Platz für die dortigen Arbeiten bleibt. Die Platzfülle hat ihren Grund: Das Künstlerhaus Bethanien wurden für Ausstellungen von Gästen des Hauses geplant, von Stipendiat:innen aus dem Ausland. Besuchende werden schnell Arbeiten finden, die sie ansprechen. Besonders beliebt bei der Eröffnung am 19. März war İpek Burçaks interaktive Installation „Local Host ://“ (Foto), autonome Server aus dem 3D-Drucker.
n.b.k. Neuer Berliner Kunstverein Chausseestr. 128/129, Mitte, Di–Fr 12–18, Do bis 20 Uhr, bethanien.de, bis 3.5.
Künstlerhaus Bethanien Kottbusser Str. 10d, Kreuzberg, Mi–So 14–19 Uhr, nbk.org, bis 17.5.
„Venedig sehen und…“ bei der Kulturstiftung Schloss Britz
Nein, berühmte Venedig-Ansichten des italienischen Malers Canaletto und seiner spätbarocken Zeitgenossen hängen selbstverständlich weiterhin in der Gemäldegalerie. Doch eine Ausstellung im Neuköllner Schloss Britz versammelt rechtzeitig vor der im Mai beginnenden Venedig-Biennale gehobenere Andenken, die Reisende aus der Lagunenstadt mitbrachten, gemalte, fotografierte und grafische Stadtansichten zum Beispiel. Die Leinwände von Künstlern der Jahrhundertwende treffen nun auf Arbeiten der heutigen Künstler:innen Stefanie Bürkle, Heike Gallmeyer und Jakob Zimmermann, die Gründen und Folgen des anhaltenden Venedig-Booms nach gehen. So erlaubt der intime Rundgang durch die Schlosszimmerchen überraschende Einsichten in die Genese des Übertourismus in der heutigen „Destination Venice“.
Schloss Britz Alt-Britz 7, Neukölln, Di–So 12–18 Uhr, 3/2 €, bis 12 J. frei, schloss-gutshof-britz.de, bis 7.6.
„Bosporus Beat. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800“ im Kupferstichkabinett

Das Kupferstichkabinett ist eines der von der Öffentlichkeit am meisten unterschätzten Berliner Museen. Rund 666.000 Arbeiten, vor allem Druckgrafiken, stecken in seiner Sammlung. Eine Idee von den hier lagernden Schätzen gibt die Sonderschau „Bosporus Beats“. Zeichnungen, Grafiken und Bücher mittel- und westeuropäischer Künstler aus 300 Jahren zeugen von Bewunderung für, Verwunderung über und Furcht vor den Osmanen und ihrem starken Reich entlang des Mittelmeers mit der Hauptstadt Konstantinopel, dem späteren Istanbul. Antoine Ignace Melling, Melchior Lorck (Abb.), Antonio del Pollaiuolo, Dürer, van Aelst, Rembrandt und viele mehr schufen sie entweder vor Ort, aus der Ferne nach Berichten, nach Anschauung von Besucher:innen aus dem Osmansichen Reich – oder nach Fantasie. Die Kuratorinnen haben die Präsentation um Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen wie Nevin Aladağ und Esra Gülmen ergänzt, und darüber, ob diese hier Orientalismuskritik leisten müssen, lässt sich streiten.
Kupferstichkabinett Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 18 J. frei, bis 31.5.
„Giulia Andreani. Sabotage“ im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart

Der kleine ältere Herr, der sich mittig auf dem großen Gemälde in die Pilze kniet, der kommt einem bekannt vor mit seinem schütteren Haar und dem schelmischen Lächeln (Abb.). Es braucht dann aber doch die Auflösung des Rätsels durch das Begleitheft, um in dem Pilzfreund Sigmar Polke zu erkennen. Giulia Andreani bezieht sich in „Sabotage“, der Auftakt-Ausstellung zum 30-jährigen Jubiläum des Hamburger Bahnhofs, mehrfach auf den deutschen Maler. Andreani, 1985 in Italien geboren, zeigt neben Skulpturen vor allem in Grautönen gehaltene Gemälde und Aquarelle, für die historische Fotos die Vorlagen lieferten und die zum einen Kunstgeschichte reflektieren. Zum anderen, und dies vor allem, bearbeiten sie Geschichte generell. Sie rücken in den Hintergrund gedrängte Frauen wie die Künstlerin Camille Claudel und in Europa als weiblich konnotierte Tätigkeiten wie das Nähen in den Vordergrund. Das Ganze findet raffiniert drapiert auf Holzgerüsten und Wänden statt, ergänzt um passende Objekte aus Berliner Museen. So macht Rätselraten Freude.
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/ 51, Mitte, Di, Mi, Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa + So 11–18 Uhr, 16/8 €, smb.museum, bis 13.9.
„Carbon Culture. Museum des fossilen Zeitalters“ im Deutschen Technikmuseum

Vanessa Amoah Opoku und Lion Sauterleute haben Zeichnungen für das Deutsche Technikmuseum (DTM) gefertigt: große, fragmentierte, verfremdete, mitunter animierte Ansichten von Maschinen. Die Arbeiten sind auf Bildschirmen und Plakaten von „Carbon Culture“ zu sehen, einer Intervention, die Teil eines europäischen Forschungsprojekts ist. Diese Zeichnungen sowie Texte und Weg markierende gelbe Benzinkanistern weisen auf die blinden Flecken der opulenten Dauerschauen hin. So spart die Vitrine mit einem ingenieurskorrekt zerlegten, blitzblanken Zwölf-Zylinder-Flugzeugmotor Herstellung, Gebrauch und Folgen aus, konkret: Hochöfen, Schmieröl und Kondensstreifen fehlen. Mit „Carbon Culture“ nimmt das Museumsteam Anlauf, Technikgeschichte umzuschreiben – und Teile der Pop-Historie gleich mit, von Road Movies, die das Auto feiern, und Western, die das Öl besingen. Pionierarbeit. Vanessa Amoah Opoku und Lion Sauterleute haben auch das Begleitheft gestaltet, das neben den großartigen Illustrationen wichtige soziale und technische Daten zur „Carbon Culture“ enthält.
Deutsches Technikmuseum Trebbiner Str. 9, Kreuzberg, Di–Fr 9–17.30, Sa + So 10–18 Uhr, 12/6 €, bis 18 J. frei, technikmuseum.berlin, bis 27.9.
Rey Akdogan, Gianna Surangkanjanajai und Luciano Pecoits im Haus am Waldsee

Das Haus am Waldsee wird 80 Jahre alt, und sein Team feiert dieses Jubiläum das ganze Jahr über mit Ausstellungen. Den Anfang machen drei streng minimale Präsentationen. Luciano Pecoits stellt im Café auf zwei Tafeln und mit einem kleinen transparenten Fensterbild kurz die Geschichte des Hauses und seine ehemaligen Bewohner:innen vor. Gianna Surangkanjanajai zeigt im ersten Stock Skulpturen: Plexiglasquader, durch die monochrome Farbe schwappte und die stillsteht wie in der Bewegung schockgefroren. Rey Akdogan hat aus Verpackungen und Lichtfiltern halbabstrakte Dias geschaffen, die Projektoren nun an die Wände des abgedunkelten Erdgeschosses werfen (Foto). Und draußen vom Balkon lässt Akdogan einen kupferfarbenen Lametta-Vorhang wehen, der in den Skulpturengarten und an den See hinter dem Kunsthaus lockt. Und siehe da: Die reduzierte Inszenierung der sparsamen Kunst lässt Pflanzen und Wasser umso üppiger wirken.
Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–So 11–18 Uhr, 9/ 6 €, bis 18 J. + TLE frei, hausamwaldsee.de, bis 25.5.
„Gallery Looks“ und „Fashion x Craft“ in der Gemäldegalerie

Ob Mode auch Kunst sein kann, diskutieren Mode- und Kunstmenschen spätestens seitdem in der Postmoderne sämtliche Kriterien zwischen den Fingern zerronnen sind. In der Gemäldegalerie kommt beides zusammen – und gleich in dreifacher Ladung. Ein Highlight der Berliner Fashion Week, setzt der Berliner Salon (seit dem 22. Februar vorbei) traditionell auf die Verbindung von Kunst und Mode von jungen Designer:innen aus ganz Deutschland, die in den herrlichen Museumsräumen neben Meisterwerken der Malerei präsentiert werden. Bei der Nebenschau „Gallery Looks“ (bis 31.5.) steht ebendiese Begegnung im Fokus, wenn Fotografien, Gemälde und Kleidungsstücke gegenüberstehen. In „Fashion x Craft“ (bis 31.5.) steht der handwerkliche des Modemachers im Vordergrund und erlaubt Einblicke in beispielsweise aufwendige Flechttechniken. Was klar wird: Verflochten sind Mode und Kunst auf jeden Fall.
Gemäldegalerie Johanna und Eduard Arnhold Platz (ehem. Matthäikirchplatz), Mitte, Di–So 10–18 Uhr, 14/ 7 €, bis 31.5., www.smb.museum
„Graciela Iturbide. Eyes to Fly with“ in der C/O Berlin

Vögel, immer wieder Vögel. In Schwärmen fliegen sie über die Aufnahmen von Graciela Iturbide. Oder sie hängen als einzelne Hühner kopfüber in den Händen von Frauen und Kindern. Das nahelegende Symbol der Freiheit ist für die mexikanische Fotografin wichtig, aber auch die Spiritualität und tiefe mythologische als auch alltagsrituelle Bedeutung der Tiere für die Menschen in ihrem Heimatland. Denn wie kaum ein: andere:r Künstler:in hat Iturbide Mexiko und seine Einwohner:innen mit Herz und Kamera erforscht. Dass diese prägende Position der zeitgenössischen Fotografie in Berlin in einer Retrospektive präsentiert wird, ist also überfällig. Iturbide ist keine, die die Kamera draufhält und schnell abdrückt. Ob zu den Frauen Zapoteken in Juchitán, Oaxaca oder der Cholos in Los Angeles – immer bittet sie um Erlaubnis, baut eine Beziehung auf. So entstehen intime Bilder, und doch bewahren sie eine unüberwindbare Distanz, die sie zeitlos macht.
C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, tägl. 10–20 Uhr, 12/ 6 €, bis 10.6.
„Saâdane Afif. Five Preludes“ im Hamburger Bahnhof der Nationalgalerie

Jetzt Wissenschaftlerin sein! Mehrere Regale voller Bücher stehen im Westflügel des Hamburger Bahnhofs eingeschlagen in Transparentpapier hinter Vitrinenglas. Niemand kann die Bücher anfassen, aber ihre Titel lassen sich lesen. „The Fountain Archives“ ist eine dreidimensionale Literaturliste von Büchern, in denen „Fountain“ vorkommt, jenes Readymade von 1917, das aus einem Urinal besteht und Marcel Duchamp zugeschrieben wird. Saâdane Afif hat die Bände gesammelt, die Seiten zu dem bahnbrechenden Werk herausgetrennt und gerahmt an die Wand gehängt. Eine gedruckte Liste der Bücher steht als dreibändiger Riesenindex in einer gesonderten Vitrine. Eingebettet ist das Langzeitprojekt in eine Werkschau des in Berlin lebenden Künstlers, der sich listig mit der westlichen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und mit Berliner Kultur der Gegenwart auseinandersetzt. Im Februar sollen Performances folgen.
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/ 51, Moabit, Di, Mi+Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 24.+31.12. geschl., 1.1. 12–18 Uhr, 16/ 8 €, bis 18 J. + TLE frei, smb.museum, bis 13.9.
„Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ im Deutschen Historischen Museum
Von Fangquoten für mittelalterliche Fischer auf dem Bodensee (Abb.) zum ersten Umweltministerium in Bonn: So weit streckt sich die Zeitspanne, die die neue Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums vermisst. „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ zeichnet den Wandel von Naturbildern im deutschsprachigen Raum nach, mit Gemälden, Zeichnungen und brillant illustrierten Handschriften als Zeugnissen. So fertigte die Forscherin Maria Sibylla Merian Anfang des 18. Jahrhundert prächtige Zeichnungen von Insekten in der niederländischen Kolonie Surinam, wo ihr Sklav:innen bei der Expedition helfen mussten. Die Schau stellt Naturkonzepte in ihrer Zeit vor. Globen, Bücher, Porträts, präparierte Tiere, Landkarten und getrocknete Pflanzen bilden Wegmarken auf einer abwechslungsreichen Reise durch Wissenschaft, Politik, Kunst und Religion. Teils buchstäblich spielend lässt sich diese zurücklegen, auch dank eines großen Puzzles und Mitmach-Heften für Kinder.
Deutsches Historisches Museum Hinter dem Gießhaus 3, Mitte, Mo–So 10–18 Uhr, geschl. 24.12., 7/ 3,50 €, bis 18 J. frei, Programm: dhm.de, bis 7.6.
„On Water. WasserWissen in Berlin“ im Humboldt Labor

Das Wasser macht nicht mehr, was es soll: In Brandenburg wird es knapp, an den Alpenrändern zu viel. Die Humboldt-Universität (HU) zeigt in ihren „Humboldt Labor“ genannten Sälen des Humboldt Forums sechs künstlerische Beiträge zum Thema Wasser, gleichberechtigt mit Forschungsprojekten von 50 Wissenschaftler:innen aus der Berlin University Alliance, einem Verbund von HU, Technischer und die Freier Universität sowie Charité. Der Weg durch die zwei Säle führt aus der Meerestiefe über Stadt- und Badewannenwasser bis zu H₂O hoch im All. Sounds, Objekte, Modelle und Videoprojektionen, Texte, Fotos, Laborgläser, Apparate, Vitrinen und Hörstationen versammeln eine Fülle von Versuchen und Erkenntnissen: Die Vielfalt der vertretenen Sparten macht die Schau höchst kurzweilig. Zu den bestechenden künstlerischen Arbeiten zählen Jakob Kukulas formschöne Boje, die Schadstoffe in der Spree melden kann (Abb.), und Mirja Buschs leuchtendes, ästhetisches Archiv für Pfützen, das nun Eingang in die Wissenschaft findet. Mehr über „On Water“ im Humboldt Labor lest ihr hier.
Humboldt Labor Humboldt Forum Schloßplatz 1, Mitte, Mi–Mo 10.30–18.30 Uhr, diese Ausstellung im Haus Eintritt frei, Veranstaltungen:humboldt-labor.de, bis auf Weiteres
„Cornelia Parker. Stolen Thunder (A Storm Gathering)“ im Kindl

Wie man einen gigantischen Raum mit wenigen Mittel spektakulär füllen kann, hat im letzten Jahr bereits Alfredo Jaar im Kesselhaus des Kindl gezeigt. Nur eine wenige Zentimeter große Skulptur und rotes Licht hat er dafür gebraucht. Cornelia Parker setzt dieses Jahr noch einen drauf: Von der Decke baumelt eine Glühbirne – die einzige Lichtquelle zwischen zahlreichen Lautsprechern. Aus denen donnert es im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Gewitter aus Feldaufnahmen verschiedener Jahrzehnten und Orte lässt Parker über unseren Köpfen hereinbrechen. Dafür bediente sich Parker aus verschiedensten Sound-Archiven. Zart, urban, ländlich, wuchtig – eine herrliche Arbeit, die man die vollen 20 Minuten lang auskosten sollte.
Kindl Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12– 20, Do–So 12–18 Uhr, 10/7/4 €, bis 24.5.2026
Petrit Halilaj: An Opera Out of Time

Der Berliner Künstler Petrit Halilaj führte eine Oper auf: In einer archäologischen Ausgrabungsstätte nahe seiner Heimatstadt Runik in Kosovo hatte im Sommer seine Oper „Syrigana“ Premiere, mit Musik von Lugh O`Neill und Nina Guo, gespielt vom Kosovo Philharmonic Orchester. Diese Oper in ein Museum zu übersetzen, hatte sich nun Halilaj gemeinsam mit Kuratorin Catherine Nichols vom Hamburger Bahnhof der Nationalgalerie vorgenommen. Es ist ein Experiment: Das Gesamtkunstwerk Oper findet sich hier gleichsam analytisch in seine Bestandteile zerlegt: in Bühnenbild, Kostüme, Requisiten und um weitere Arbeiten von Halilaj ergänzt. Und trotzdem funktioniert es über weite Strecken: Die Musik verbindet alles.
Hamburger Bahnhof Nationalgalerie der Gegenwart Invalidenstr. 50/ 51, Mitte, Di, Mi + Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa + So 11–18 Uhr, 16/ 8 €, bis 18 J. frei, smb.museum, bis 31.5.2026
Das neue Petri Berlin

Die Staatlichen Museen zu Berlin haben sich ein neues Haus gebaut: das Petri für Archäologie, eine Einrichtung des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Die Idee ist so simpel wie überzeugend: Über der Ausgrabungsstätte an der Gertraudenstraße wurde ein vierstöckiges Gebäude errichtet. Schön lässt es sich nicht nennen, aber Besucher:innen können hier direkt in die freigelegten Fundamente des mittelalterlichen Cölln hinabsteigen (Foto). Wie Archäolog:innen mit Funden wie Geschirr oder gar dem Stoßzahn eines Mammuts umgehen, erschließt sich in den oberen Stockwerken: in gläserner Restaurationswerkstatt und in Schaudepots, die sich im Aufbau befinden. Menschliche Überreste dagegen finden im Untergeschoss eine pietätvolle Ruhestätte, ergänzt um Totenbücher. Am aufschlussreichsten wird ein Besuch, wenn man sich einer der sympathisch-anschaulichen Führungen anschließt.
Petri Berlin Gertraudenstr. 8, Mitte, Di–Fr 9–17 Uhr, Sa/ So 10–16 Uhr, 6/ 3 €, bis 18. J. + TLE frei, smb.museum, bis auf Weiteres
Monira al Qadiri: „Hero“ in der Berlinischen Galerie

Auch wer vor einem Besuch der Ausstellung gelesen hat, was von Monira al Qadiris im langen Eingangssaal der Berlinischen Galerie zeigt, kann von der Wucht ihrer Schau getroffen werden. Schuld daran ist einmal das Rot. Es erstreckt sich über den Boden, findet sich in Leuchtkästen mit Schiffsbildern, auf einer Skulptur an der Wand, einem Schiffsbug ähnlich, und in dem riesigen Wandbild von einem Öltanker. Und tatsächlich handelt die Ausstellung „Hero“ von einer roten Farbe für Schiffe, deren chemische Zusammensetzung im Meereswasser Muscheln ihrer Fortpflanzungsfähigkeit beraubt. Doch Ursache für die Wucht sind auch die Maßstäbe, mit denen die Berliner Künstlerin spielt. Dem großen Wandbild gegenüber hängen kleine Modelle von Tankern, wie sie zu Anschauungszwecken an Deck zu finden sind. Al Qadiri hat ihnen neue Namen gegeben, die sie einem Gedicht von Rimbaud entnahm. Für Wucht sorgt schließlich das Video im letzten Raum, das Besuchende auf einen ölversuchten Boden der Tatsachen bringt.
Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. + Geflüchtete frei, berlinischegalerie.de, bis 17.8.2026
„WIR – 19 Grundrechte. 19 künstlerische Positionen. Ein Gesprächsraum“ des Forum Kunst im Bundestages

Nach mehrmaliger Bauverzögerung hat im Erweiterungsbau des Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Ende Mai das Forum Kunst im Bundestag eröffnen können. „WIR – 19 Grundrechte. 19 künstlerische Positionen. Ein Gesprächsraum“ heißt die erste Ausstellung mit Kommentaren von 19 bekannten Künstler:innen zu einzelnen Artikeln des Grundgesetzes ihrer Wahl. Zudem zeigt das Forum alle acht Wochen wechselnde Einzelausstellungen. Die Gruppenausstellung mit den Arbeiten aller 19 Teilnehmenden dagegen leidet unter Platzmangel. Nur zwei Beiträge können sich hier behaupten. Einmal Tuli Mekondjos Foto-Textil-Arbeit zur Menschenwürde in den Beziehungen zwischen Namibia und Deutschland: Ihre erzählerische Arbeit ist fünf Meter lang (Abb.). Und dann Hans Haackes Kommentar zum Eigentum. Denn der lässt sich in Gestalt eines Plakates mit nachhause nehmen.
Forum Kunst im Bundestag Luisenstr. 30 via Freitreppe, Mitte, Di–Fr 11–18 Uhr (Sicherheitskontrolle), www.bundestag.de, Gruppenausstellung bis 21.6.2026
Robin Rhode: „Der Botanische Garten“ gegenüber von Das Minsk, Potsdam

Von den Terrassen des Kunsthaus Minsk am Potsdamer Hauptbahnhof konnte der Blick früher die Havel entlang bis tief nach Brandenburg schweifen. Vorbei: Hier steht seit 2017 das Sportbad Blu. Seitdem konnte von dessen Terrasse der Blick der Havel folgen: Eiszeitlich urig sah das aus. Auch das ist vorbei: Am Flussufer stehen jetzt Wohnblöcke. Nun hat der südafrikanische Street-Art Künstler Robin Rhode auf Einladung des Minsk die Längswand des Schwimmbades gestaltet: mit einem großen, blauen Fassadenbild. Kleine Figuren und große Blüten erinnern dezent an die Formsprache von Kunst am Bau im Sozialismus, wie sie an der Westseite des Bades angebracht ist. Rhodes Bild sieht prima aus. „Der Botanische Garten“ heißt es. Doch bei genauerer Betrachtung wäre eine echter Garten, eine künstlerische Fassadenbegrünung zum Beispiel, noch besser gewesen. Denn die wenigen jungen Bäumchen hier machen den vielen Asphalt und Stein auf dem Platz zwischen Minsk und Blu noch längst nicht wett.
Das Minsk Max-Planck-Str. 17, 14473 Potsdam, 0-24 Uhr, dasminsk.de, bis auf Weiteres
Susan Philipsz in der „Unendlichen Ausstellung“ des Hamburger Bahnhofs

In dem Buch „Planetares Denken“ der Politikwissenschaftler Frederic Hanusch, Claus Leggewie und Erik Meyer kommt auch Susan Philipsz kurz vor: als Beispiel für Künstler:innen, die in die Tiefenzeit des Planeten Erde eintauchen. Eine kleine Ahnung davon erhalten Passant:innen am Tor zum Garten des Hamburger Bahnhofs. Aus Bäumen rechts und links der Gartentür wehen die Klänge, die ein Musiker mit langem Atem Muscheln entlockte. Die Gehäuse der Weichtiere stammen, sagt Philpsz, von Atlantik und Pazifik. Nun mogelt sich ihr Klang nun unter den Verkehrslärm der Invalidenstraße, er beruhigt und öffnet den Horizont. Bis zum nächsten Meer ist es nach heutigen Maßstäben ja nicht weit. Und ein Blick nach oben (Foto) zeigt: Bei den Bäumen handelt es sich um Pappeln und Ulmen, letztere übrigens eine Baumart, die von Käfer und Pilzen befallen in Deutschland auf dem Rückzug ist.
Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Moabit, Di, Mi, Fr 10–10, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 16/ 8 €, bis 18 J, TLE + diese Arbeit frei, smb.museum, bis auf Weiteres
Atelier le balto: „Licht und Schatten“ vor der Berlinischen Galerie

Wer im Glashaus sitzt, sollte bei steigenden Temperaturen für Schatten sorgen. Die Berlinische Galerie, seit 2004 in einem ehemaligen Glaslager beheimatet, hat eine gläserne Fassade, ausgerechnet auf der sonnigen Südseite. Zu seinem 50-jährigen Bestehen gönnt sich das Museum dort eine Begrünung durch die Landschaftsarchitekt:innen vom Atelier le balto, die unter anderem für ihre Kübelbäume am Kulturforum bekannt sind. Für den Vorplatz der Berlinischen Galerie haben sie unter bereits vorhandenen Bäumen hölzerne Schattenpodeste gebaut. Und vor der Glasfassade dagegen reihen sich nun in großen Töpfen Rankpflanzen wie Waldrebe und Rosen. Kletterstangen, Tripods ähnlich zusammengebunden, sollen ihnen Halt bieten, Kräuter wie Thymian die Erde vor dem Austrocknen bewahren. Noch sind die Triebe noch nicht so hoch wie auf der Skizze (Abb.), sondern jung und kurz. Aber es lässt sich bereits ahnen, dass das eines Tages toll aussehen und daran appellieren könnte, generell mehr Stadtgrün zu ermöglichen.
Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. + Geflüchtete frei, www.berlinischegalerie.de, Atelier le balto: bis auf Weiteres
Neue Nationalgalerie: „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft“
In der Neuen Nationalgalerie zeigt sich der nächste Teil der Sammlung neu sortiert: Die Ausstellung
„Zerreißprobe“ präsentiert Kunst nach 1945. Ost und West finden hier zusammen – genauso wie Kunst
und Politik. Unter den 170 Arbeiten der Ausstellung gibt es jede Menge bekannte Werke. Neben Werken der üblichen Verdächtigen von Marina Abramović bis Andy Warhol aus der ehemaligen Nationalgalerie-West an der Potsdamer Straße hängen jetzt Arbeiten bekannter Ostgrößen wie Wolfgang Mattheuer Harald Metzkes oder Werner Tübke, die die auf der Museumsinsel gelegene Nationalgalerie-Ost sammelte.
Verantwortlich für die Schau sind der für die Sammlung zuständige stellvertretende Direktor Joachim Jäger, die wissenschaftliche Mitarbeiterin Maike Steinkamp sowie die Kunsthistorikerin Marta Smolińska von der Universität der Künste in Poznań. „Zerreißprobe“ ist laut Joachim Jäger der Versuch einer Darstellung, die den Entwicklungen von Meinungen und Werten in der Gesellschaft folge. Die Gesellschaft entscheidet über die Kriterien der Kunst. Das war schon immer so, nur obsiegen nun offenbar Gesinnung, Moral und Geschlecht über Ästhetik.
Die Geschichte schreiben immer die Sieger. „Die Einfühlung in den Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zugut“, formulierte 1940 Walter Benjamin. Denn die im Dunkeln, die Ausgeschlossenen und Vergessenen, sieht man ja nicht – und sie sind auch in der Neuen Nationalgalerie nicht zu sehen, beispielsweise Werke der Art brut, Werke der oft autodidaktischen Kunst gesellschaftlicher Außenseiter, die, wie Jäger sagt, nicht in der Sammlung vertreten sind.
Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di/ Mi, Fr–So 10–18, Do 10–20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J., bis 25.4.2027
Gerhard Richter – 100 Werke für Berlin
100 Arbeiten leiht der berühmte Maler Gerhard Richter der Neuen Nationalgalerie auf lange Zeit, und sie alle passen in das Grafikkabinett im Untergeschoss des Museums. Denn unter den Abstraktionen befinden sich viele kleine übermalte Fotos – Spitzenstücke, eine Wucht. Im Zentrum jedoch hängt der „Birkenau“-Zyklus, mit dem Richter die Grenzen der Kunst im Angesicht von Verbrechen der Nationalsozialist:innen thematisiert. Als Vorlage dienten Fotografien, die Häftlinge unter Lebensgefahr in Auschwitz-Birkenau aufgenommen und aus dem Konzentrationslager geschmuggelt hatten.