Kunst in Kirchen

Alexander Ochs: „Das Gute ist dem Menschen eigen“

Die von Galerist Alexander Ochs  initiierte Ausstellungsreihe „Sein. Antlitz. Körper“ präsentiert Werke von über 100 Künstlern in Berliner Gotteshäusern,  im Centrum Judaicum sowie in der ­Erlöserkirche in Jerusalem. Ein Gespräch über Glaubenswelten

Alexander Ochs
Foto: Christian Lohse

tip Wie kamen Sie auf die Idee, Kunst in die Kirche zu tragen?
Alexander Ochs Diese Idee ist so neu nicht. Zum einen war die Kunst schon immer in den Kirchen. Zum anderen bin ich mit 36 Jahren wieder in die Kirche eingetreten, gehöre also zu der doch immer noch sehr zahlreichen Spezies der „Kirchenchristen.“ Meine erste Ausstellung zeitgenössischer Kunst habe ich vor neun Jahren in St. Matthäus am Kulturforum kuratiert. Seither waren es zwölf Ausstellungen in Kirchen. Die Ergebnisse waren immer nachhaltig bereichernd.

tip Sie haben vor einigen Jahren ihre Galerie an den Nagel gehängt. Sind Gotteshäuser die besseren Meditationsräume?
Alexander OchsMeine sehr erfolgreichen Galerien in Peking und Berlin waren wohl zu groß, um sie an „Nägel“ zu hängen. Das Leben ändert sich und ich wollte noch einmal etwas anderes machen. Neben der Arbeit in und mit den Kirchen ist das die Entwicklung des Salonformates Alexander Ochs Private, das sich auch der Vermittlung von Kunstwerken widmet. Und ja, manche Kirchen sind hervorragende Reflexions- und Meditationsräume.

tip Eine Stadt wie Berlin kann man eher als atheistisch empfinden – zumindest, wenn man auf die Zahl der Kirchenaustritte aus den christlichen Glaubensgemeinschaften blickt. Stehen wir vor einem grundsätzlichen Wandel?
Alexander Ochs Die Behauptung, Berlin sei atheistisch wird durch stetige Wiederholung nicht besser. Wenn wir neben den Christen auch die Juden und Muslime, die Hindus und Buddhisten dazu zählen, sieht das doch schon ganz anders aus. Und ich begegne sehr vielen Menschen, die mir erzählen, sie glaubten an Gott, täten sich aber schwer mit der „Institution Kirche“. Hinzu kommt, dass es den Kindern in der halben Stadt bis 1989 verboten war, „Gott kennen zu lernen.“ Das wirkt nach, ändert sich aber. Anfang August eröffneten wir die 10. Ausstellung unserer Reihe. Seit März habe ich fast jeden Eröffnungssonntag eine fröhliche Kinder- oder Erwachsenentaufe erlebt. Hier sehen wir einen wirklichen Wandel: Menschen gehen nicht mehr aus Angst in die Kirche, sondern mit der Lust auf einen liebenden Gott. Und die obengenannten Gläubigen ohne Kirche sind Christen oder Buddhisten oder einfach Gott-Suchende.

tip In Moscheen herrscht Bilderverbot, weshalb Ihre Ausstellungsreihe „Sein. Antlitz. Körper“ sich auf evangelische, katholische und jüdische Einrichtungen verteilt. Können Sie sich vorstellen, dass der Dialog über die – abstrakte – Kunst auch mit muslimischen Partnern geführt wird?
Alexander Ochs Nicht des Bilderverbots wegen stellen wir da nicht aus. Vielmehr haben wir uns mit der Frage des „Nicht-Abbildungs-Gebots“ bei Muslimen und Juden ja im vergangenen Jahr in der Schau „Du sollst Dir (k)ein Bild machen“ im Berliner Dom auseinandergesetzt und gelernt: die christliche Kultur ist durch das „Wasser der Aufklärung“ gewaschen. Die zeitgenössische Kunst basiert auf christlicher Kultur wie der Aufklärung. Und die hat der Islam in Summa noch vor sich.

tip Zu allen Zeiten wurde im Namen von Religionen und Weltanschauungen gemordet. Aktuell, so hat es den Anschein, mehr denn je. Woran, glauben Sie, liegt diese erhöhte Gewaltbereitschaf?
Alexander Ochs Ja, es waren die Christen, die sich instrumentalisierten, die Kreuzzüge initiierten oder den Hitlerfaschismus unterstützten. Heute ist es der Islam, der in seinen größeren Teilen mit dem IS nicht fertig wird. Und ich wage nicht zu denken, was in Palästina passiert, wenn die orthodoxen Juden noch stärker werden. Ich habe in Israel Freunde, die von einem „neuen Faschismus“ sprechen, während in Europa überall der Nationalismus grassiert und rechte Gewalt. Es sieht tatsächlich so aus, als seien Demokratien dabei, sich abzuschaffen. Als Hintergrund sehe ich oft die Angst der Menschen vor einer Welt, die sie glauben beherrschen zu können und die sich ihnen scheinbar entzieht.

tip Die von Ihnen kuratierte Gruppenschau „The Repetition of the Good. The Repetition of the Bad“ in der Neuen Synagoge Berlin nimmt den Kampf zwischen Gut und Böse ins Visier. Welche Aspekte vermittelt die Kunst?
Alexander Ochs Wir sind der Frage nachgegangen: Ist das „Kriegerische“ den monotheistischen Religionen immanent? Mit zunehmender Recherche wurde mir klar, das Gute wie das Böse ist mir, ist jedem Menschen eigen. Unser persönlicher Verantwortungs-Spielraum ist da, glaube ich, sehr einfach zu umreißen. Entscheide ich mich für den Hass, auch den Hass gegen mich selbst, oder entscheide ich mich für die Liebe und das meint auch die Selbstliebe. Die Werke der Künstler in der Ausstellung zeigen genau diese Ambivalenzen auf.

tip In Berlin leben Bürger aus 189 Ländern der Erde. Bietet ein solcher Schmelztiegel der Konfessionen auch die Chance zum besseren Verständnis des Nachbarn?
Alexander Ochs Ja, wir erleben es jeden Tag. Berlin ist die weltoffene Metropole. Es wird jetzt unter anderem darum gehen, möglichst vielen Migranten eine Perspektive zu geben und deren Spiritualität gelten zu lassen. In etlichen Ausstellungsteilen haben wir dieses Thema berührt. Es war wunderbar, die muslimischen Flüchtlingskinder mit ihren tollen Zeichnungen im christlichen Berliner Dom zu erleben.

tip Bislang spielt sich der Ausstellungs-Dialog in Kirchen ab. Werden dort nicht hauptsächlich Christen erreicht?
Alexander Ochs Nein! Viele Kirchen sind ja tagsüber offen, andere haben wir für die Ausstellungen geöffnet. Die Kunst wirkt in die unterschiedlichen Gemeinden hinein und auch das kunstaffine Publikum wächst. St. Marien oder der Dom werden täglich von Tausenden von Touristen besucht. Fast 60.000 Menschen sahen 2015 „Du sollst Dir (k)ein Bild machen“ in der Tauf- und Traukirche des Berliner Doms.

tip Geben die Kirchen der Kunst womöglich einen Gehalt zurück, der ihr als Spekulationsobjekt weitgehend abhandengekommen ist?
Alexander Ochs Das kann ich so nicht sagen, da ja nicht jede Kunst, die auf den Markt kommt, sofort zum Spekulationsobjekt wird. Wir arbeiten mit vielen Sammlern, deren Kunst ich nicht als „Siegerkunst“ bezeichnen würde. Richtig ist aber: die Museen nehmen der Kunst zunehmend ihre gesellschaftspolitische Relevanz. In den Kirchen verhält sich die Kunst wie selbstverständlich anders. Sie besinnt sich dort auf ihren spirituellen Schöpfungsakt. Und wir zeigen keinerlei religiöse oder sich religiös gebärdende Werke. So lernen wir, dass sich ein Kunstwerk auf das jeweils letzte bezieht und dies seit Tausenden von Jahren.

Ausstellungen: Sein.Anlitz.Körper Interventionen im Dom. Leiko Ikemura, Der Schrei/Micha Ullman, Seconda Casa“
Berliner Dom, Am Lustgarten, Mitte, tgl.  9–19 Uhr, bis 28.5.

„Reductio Ad“
St. Adalbert, Torstr. 168, Mitte, Di–So 12-18 Uhr, bis 4.9.

„The Repetition of the Good. The Repetition of the Bad“
Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28/30, Mitte, Mo–Fr 10-18 Uhr, So 10–19 Uhr, bis 4.9.

„Helen Escobedo. Der Auszug. Aus Mexico“
Berliner Dom, Am Lustgarten, Mitte, tgl. 9–19 Uhr, bis 18.9.

„Vom Sein. Vom Antlitz. Vom Körper“
Parochialkirche, Klosterstr. 67, ab 8.10. bis 4.11.

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