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„Alfredo Jaar: The Way It Is. Eine Ästhetik des Widerstands“

Alfredo_Jaar„Vielleicht seht ihr die Bilder, die ich euch nicht zeige, besser?“ So fragt Alfredo Jaar – sich und das Publikum. Tatsächlich hat der Ausnahmekünstler, der 1991 als DAAD-Stipendiat nach Berlin kam, wohl recht. In der Berlinischen ­Galerie setzt er – trotz allem kein Bildverweigerer, sondern ein Priester des ästhetischen Widerstands – sich mit dieser Frage auseinander: Wie kann man Leid darstellen? Lässt sich eine Katastrophe wie der Völkermord in ­Ruanda, bei dem eine Million Menschen getötet wurden, überhaupt verbildlichen? Die Antwort: ja. Und wie dieser Aufklärer und Poet es tut, berührt. Als Essays über etwas, was nicht dargestellt werden kann, bezeichnet der in New York lebende Chilene, Jahrgang 1956, seine gesellschaftspolitischen Arbeiten. Mit ihnen regt er Imagination und Denken an. Auf drei Orte verteilt sich seine Werkschau: Das Frühwerk, das sich mit der Militär-Junta in Chile befasst, zeigt die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst. Die erste ­Documenta­-Arbeit von 1987 „1+1+1“ ist in der Alten Nationalgalerie zu sehen. Vier größere Werkgruppen sind in der Berlinischen Galerie. Dort begegnet man in „Lament of the Images“ (2002) einem weiteren, gewichtigen Documenta-Beitrag. Via Lektüre berichtet diese „Wehklage der Bilder“ von den 65 Millionen gebunkerten Fotos des Bill Gates.

Diese Arbeit führt weiter durch einen dunklen Gang, der auf ein helles Nirwana zuläuft. In einem anderen Raum zeigt Jaar einen tiefschwarzen Ruanda-Friedhof, er fasst die Schicksale von Flüchtlingen in Worte und beerdigt die Bilder von ihnen in Schachteln. Oder die Video-Installation „The Sound of Silence““ (2006). Sie sorgt durch sparsame Textzeilen und Licht für Tiefenwirkung. Der erschütternde Lebenslauf des Presse-Fotografen Kevin Carter, der dem ständigen Tod vor Augen nur durch Selbstmord entrinnt, verstört derart, dass einzelne Besucher die Video-Box nach sechs tonlosen Minuten weinend verlassen. Sah man jemals bildende Kunst solche Wirkung zeitigen? Jaar hat sich für die Ethik entschieden: „Ich möchte die Welt verändern.“ Er glaubt an eine Verwandlung der Welt durch Kultur. Der Weg zu diesem Ziel führt durch ein Tal der Tränen.

Text: Andrea Hilgenstock

tip-Bewertung: Herausragend 1

Alfredo Jaar: The Way It Is. Eine Ästhetik des Widerstands Alte Nationalgalerie bis 16.9., Berlinische Galerie bis 17.9.,
NGBK bis 19.8.

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