Malerei

Alice Neel in der Galerie Aurel Scheibler

Die amerikanische Malerin Alice Neel steht in der Tradition des sozialen Realismus. Ihre Arbeiten sind in der Galerie Aurel Scheibler zu entdecken

Death of Mother Bloor, ca. 1951 Öl auf Leinwand / Oil on canvas !66 x 91,4 cm / 26 x 36 in., Foto: The Estate of Alice Neel / Courtesy Aurel Scheibler, Berlin

Sie zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Malerinnen des 20. Jahrhunderts: die 1984 verstorbene Alice Neel. Gesellschaftspolitisch engagiert, zeigte sie nicht Glanz und Glamour, sondern ein ungeschöntes Abbild der Wirklichkeit. Und schuf so ausdrucksstarke Bilder in der Tradition von sozialem Realismus und Neuer Sachlichkeit. Das mutet in seiner grauen Tristesse verblüffend europäisch an. Jedenfalls würde man ihre Werke in einer Schau mit deutschen Malern aus Ost und West kaum als die einer Amerikanerin erkennen. In der Galerie von Aurel Scheibler lässt sich das überprüfen. Er zeigt bereits die dritte Soloschau der Künstlerin, der die Hamburger Deichtorhallen soeben ihre erste Museumsausstellung in Deutschland widmen.

Bei uns ist sie weitgehend unbekannt und auch in ihrer Heimat wurde die im Jahr 1900 geborene Künstlerin erst spät – in den 70er-Jahren – entdeckt. Bis in die 60er-Jahre hinein führte sie ein bescheidenes, aber äußerst bewegtes Leben als alleinerziehende Mutter und Mitglied der New Yorker Künstlerszene. Zeitlebens engagierte sich Neel politisch, sympathisierte mit dem Kommunismus und war ein Symbol der US-Frauenrechtsbewegung.

Was sie umtreibt, thematisiert sie in ihren mutigen, oft düsteren Gemälden. So ist ihr die aufgebahrte Feministin Ella Reeve Bloor ebenso bildwürdig wie eine Demonstration gegen die wohl zu Unrecht erfolgte Verurteilung des Farbigen Willie McGee, der 1951 hingerichtet wurde. Die Zeitgeschichte spricht aus diesen Werken, die in ihrer erzählerischen Anlage aber auch unabhängig vom historischen Hintergrund gelesen werden können.

„The Great Society“ – der Titel der Schau geht auf ein Gemälde von 1965 zurück – nimmt den armen Teil der Gesellschaft in den Blick, den Alice Neel in Cafés, auf Kundgebungen oder den Straßen ihres Umfeldes trifft. Es sind Menschen, die im Müll wühlen oder während der großen Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre ihren Weg queren. Ihr Leben ist hart, ihre Gesichter sind desillusioniert.

Einigen Fußgängern verpasst die unbequeme Realistin Totenschädel anstelle von Gesichtern. Derart gezeichnet, kreuzen sie die 34th Street in „Synthesis of New York“ (1933), unter ihnen die U-Bahn, über ihnen die Hochbahn und uniforme Häuserklötze. Etwa ein verlassenes Fabrikgebäude, wo einst die Textilbranche prosperierte. Surreale Einsprengsel in Form von zwei schwebenden Schaufensterpuppen erheben sich in den trüben Himmel.

Alice Neel, die sich stets für Minderheiten stark machte und sozialkritisch unterwegs war, hält auch in anderen Gemälden triste Fassaden, erschöpfte Arbeiter oder die Versammlungen politischer Aktivisten fest. 1936 malte sie das bemerkenswerte Bild „Nazis Murder Jews“, einen kommunistischen Fackelzug mit Kundgebung. Mit ihrem Maler-Kollegen Sid Gotcliffe hatte sie selbst an dieser Demo teilgenommen. Kaum einen anderen amerikanischen Künstler beschäftigte zu diesem frühen Zeitpunkt die Judenverfolgung.

Auch großartige Porträts – von Gotcliffe oder dem Sohn ihres Hausmeisters in Spanish Harlem – präsentiert die Schau, denn Alice Neels Hauptwerk galt der Porträtmalerei. Schmerzhaft direkt blickt sie hinter den äußeren Schein und macht das „wahre“ Sein ihres Gegenübers dingfest. Ein bisschen wie Otto Dix, nur liebevoller und ohne Hang zur Karikatur.

Alice Neel – The great society Galerie Aurel Scheibler, Schöneberger Ufer 71, Tiergarten, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 3.2.

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