Ausstellungen

„Alles Kannibalen?“ im me Collectors Room Berlin

Marcel-Dzama_Das erste Bemerkenswerte an dieser Ausstellung ist, dass sie ein Thema als zeitgenössisch benennt, das man in vergangenen Jahrhunderten verortet glaubte: Kannibalismus. Mit 93 Werken, viele von ihnen in den letzten Jahren entstanden, zeigt Kuratorin Jeanette Zwingenberger, wie sehr es Künstler heute beschäftigt. Norbert Bisky lässt einen jungen Mann mit dem Messer kleine Menschlein zerschneiden und ihre Gliedmaßen wie Apfelschnitze verspeisen („Sündenbock“, 2005). Bei Dana Schutz isst ein Mädchen seinen Arm („Self Eater“, 2003). Die vermeintlichen Erdbeeren auf den Torten von Philippe Mayaux entpuppen sich als Zungen. Neben einem hüfthohen Fleischblock aus Wachs und Latex (John Isaacs) liegt die abgezogene Haut eines tätowierten Mannes wie ein Bärenfell (Renato Garza Cervera), das Werk ist glücklicherweise aus Polyester.

Das zweite, noch Bemerkenswertere an der Ausstellung ist, dass man spürt, sie hat dringend etwas zu sagen. Wie kann das sein? Kannibalismus gehört sicher nicht zu den wichtigen Problemen unserer Zeit. Eine Antwort geben die historischen Exponate. Im 16. Jahrhundert und Ende des 19. Jahrhunderts war Menschenfresserei groß in der Diskussion, also zur Zeit der Eroberung Amerikas im Windschatten von Columbus und zur Hochzeit des Kolonalismus. Das Motiv, so scheint es, tritt in der Kunst dann verstärkt auf, wenn im großen Stil verhandelt wird, wie Menschen aus entfernten Regionen miteinander umgehen. Wurden die Fremden früher als Kannibalen dämonisiert, kann man das Thema heute als Warnung verstehen: Der Reichtum der Industriestaaten raubt anderen Ländern, beispielsweise durch Klimawandel, die Lebensgrundlage. Die Menschheit zerstört sich gerade selbst. Das würde auch das aktuell enorme Interesse an Vampiren, die als Bluttrinker kleine Kannibalen sind, erklären.

Text: Stefanie Dörre

Foto: Achim Kukulies, Bild: Marcel Dzama / Timothy Taylor Gallery (London, Olbricht Collection)

tip-Bewertung: Herausragend

Alles Kannibalen? me Collectors Room Berlin, Auguststraße 68, Mitte, 29.5.–21.8., Di–So 12–18 Uhr

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