Ausstellungen

„Alles Kannibalen?“ im me Collectors Room Berlin

Galerie Da-end / Paris

Die Ausstellung „Alles Kannibalen?“ im me Collectors Room geht dem schmalen Grat zwischen Erotik und Gewalt nach „Eine Erleuchtung entsteht und verdichtet sich bei mir stets mit meinen Eingeweiden“, so wird Salvador Dalн zitiert. Auf seinen Bildern geht es entsprechend häufig erotisch-kulinarisch zu, dort werden Körper gestückelt, zerquetscht, gerissen, dort wird mit Messer, Gabel, Löffel zugelangt. Kannibalismus, ein großes Tabu in unserer modernen Gesellschaft, wird in der zeitgenössischen Kunst auffallend oft thematisiert.
In Europa seien Anleitungen zum Leichenschmaus im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert fast so gängig wie Kräuter-, Wurzel- und Rindenrezepte gewesen, behauptet der englische Medizinhistoriker Richard Sugg, der ein Buch zum Thema schrieb. „Nicht die Bewohner der Neuen Welt, sondern die Europäer waren die eifrigsten Kannibalen.“ Schon die Römer sollen Gladiatorenblut gegen Epilepsie getrunken haben. „Des Königs Tropfen“ ist in die Medizingeschichte eingegangen – verflüssigtes menschliches Hirn für den britischen König Karl II. Papst Innozenz VIII. hat sich angeblich auf dem Sterbebett das Blut von drei Knaben verabreichen lassen, was ihn allerdings nicht vor dem Unausweichlichen rettete.
Yasumasa Morimura & Galerie Thaddaeus RopacGriechische Mythologien, die Bibel, Shakespeare, Kleist, die Brüder Grimm, Mark Twain, Wilhelm Busch, Octavio Paz, Stephen King, Jack London, Patrick Süskind – in der Literatur finden sich zahlreiche Beispiele für beschriebenen Kannibalismus. Die Faszination, die von diesem Phänomen ausgeht, entspringt tief sitzenden, verdrängten Ängsten und Sehnsüchten. Freud untersuchte bereits in „Totem und Tabu“ den Zusammenhang zwischen Kannibalistischem und Sexualtrieb. Den geliebten Menschen mit Haut und Haar verschlingen, diese Metapher findet sich in fast allen Kulturen. In vielen Spielfilmen wird das Thema aufgegriffen, ob genüsslich-schaurig wie in „Das Schweigen der Lämmer“ oder blödelnd albern wie in „Themroc“, wo die nervenden Polizisten am Spieß enden. Ein allbekannter Mythos ist die Geschichte des Göttervaters Kronos, bekannter als Saturn, der seine Kinder in dem Versuch verspeist, sich die Alleinherrschaft weiterhin zu sichern.
Das wohl berühmteste Zitat der Kunstgeschichte, in dem dieser Mythos aufgegriffen wird, dürfte Goyas Gemälde „Saturn verspeist seine Kinder“ aus dem 19. Jahrhundert sein. Yasumasa Morimura bezieht sich wiederum mit seinem Foto „Exchange of Devouring“, das den Künstler selbst beim gierigen Verzehren eines kleinen Ebenbildes zeigt, auf diese historische Darstellung. Der japanische Fotokünstler ist bekannt dafür, Bilder der Kunstgeschichte zu rekonstruieren, indem er die Rolle der Protagonisten übernimmt. So wie Cindy Sherman spielt er mit den Geschlechterrollen und schlüpft bevorzugt in die weibliche Haut. Auch Norbert Bisky widmet sich dem Motiv des den Nachwuchs verschlingenden Gottes. Sein „Sündenbock“ knabbert mit blauem Unschuldsblick ein paar, mithilfe eines riesigen Messers mundgerecht zerlegte Winzlinge.

Sammlung Cayetana & NAthony JP Meyer„Kannibalismus ist hauptsächlich ein Tabu, weniger Realität“, so der Künstler, „es ist eine der kulturellen Grenzen, die wir uns auferlegt haben.“ Mit seinen Bildern versucht der Maler einen Blick unter die Oberfläche unserer Gesellschaft zu ermöglichen. So entstehen süßliche Oberflächen mit blutenden Wunden und Rissen im Lack. In den alten Mythen erscheint Kannibalismus teilweise als ­Ursprung zur Schöpfung der Welt. Mit ihrem „Self Eater“ zeigt die ebenfalls in der Ausstellung vertretene Dana Schutz grotesk verzerrte Menschen, die sich durch den Verzehr ihrer eigenen Körperteile und Ausscheidungen neu erschaffen.
Ausgenommen, nur noch tätowierte Haut und Kopf, die Zähne gefletscht, liegt der Mann wie eine Jagdtrophäe auf dem Boden ausgebreitet. Renato Garza Cerveras „Genuine Contemporary Beast“ zeigt eine andere Variante des Kannibalismus: den Feind einverleiben und so in Bann halten. Er bezieht sich mit seiner gleichnamigen Skulpturengruppe auf eine Gang aus Los Angeles, die sich Mara Salvatrucha nannte. Da liegt das besiegte Biest der Gesellschaft, ein Sündenbock für das Bedrohliche in uns selbst. Kuratorin Jeanette Zwingenberger hat hundert Arbeiten von rund vierzig internationalen Künstlerinnen und Künstlern zum Thema Kannibalismus zusammengetragen. Dabei stellt sie historische Radierungen, Gemälde, Fotografien und Kultobjekte den zeitgenössischen Arbeiten verschiedener künstlerischer Disziplinen wie Video, Installation, Fotografie, Skulptur, Zeichnung und Malerei gegenüber. In der Ausstellung werden die unterschiedlichen motivischen Aspekte der Menschenfresserei, im Griechischen eleganter als ­Anthropophagie bezeichnet, aus kulturhistorischer Perspektive präsentiert. Der „Bipolarität im Oszillieren zwischen Lust und Gewalt, Erotik und Macht“ soll dabei auf den Grund gegangen werden.

Text: Constanze Suhr

Bilder: Galerie Da-end, Paris / Yasumara Morimura & Galerie Thaddaeus Ropac / Sammlung Cayetana & Anthony JP Meyer

Alles Kannibalen? me Collectors Room Berlin, Auguststraße 68, Mitte, 29.5.–21.8., Di–So 12–18 Uhr

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