Ausstellungen

„Am Rande der Vernunft“ im Kupferstichkabinett

Kupferstich_Am_Rande_der_Vernunft_G_Battista2_c_Volker-H._Schneider_bpk_Kupferstichkabinett_SMBDas 18. Jahrhundert ist in seinen Diskursen geradezu besessen von der Vernunft, vom Triumph des Verstandes über Aberglauben und Unwissenheit. Wie jede Obsession lässt auch die der Vernunft ihren Gegenpart, das Fantastische, das Unbewusste, das Empfinden außer Acht. Diesen Schattenseiten, diesem Abgrund hinter der Vernunft und deren Ausdruck im druckgrafischen Schaffen einiger der bedeutendsten Künstler des 18. Jahrhunderts widmet sich die Ausstellung „Am Rande der Vernunft“. Geradezu programmatisch ist ihr wohl berühmtestes Exponat, Francisco de Goyas „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ aus der Serie Caprichos, die 1799 erstmals veröffentlicht wurde. Da ist ein Gelehrter oder Student an seinem Schreibtisch eingeschlafen und aus dem Hintergrund ergießt sich eine Flut von wie aus einem Albtraum geborenem dunklem Getier über den Schlafenden. Eine unheimliche Szene, die das Unbehagen sowohl an der Aufgabe des klaren Denkens im Schlaf herausstellt, wie auch die Gefahren der Verdrängung dieser Seiten des menschlichen Verstandes aufzuzeigen scheint.

Aber auch die „Carceri d’invenzione“ (Erdachte Kerker) von Giovanni Battista Piranesi (Abb.), die mit ihrer abstrusen, manchmal an Fritz Langs „Metropolis“ erinnernden Architektur Unbehagen und Unheimliches zusammenbringen, stehen in ihrer dunklen Fantastik in krassem Gegensatz zur fortschreitenden Hegemonie der Aufklärung. In anderen der gezeigten Serien buhlen Fabelwesen wie Faune und Satyre um nackte Nymphen, feiern Hexen Sabbat. Ein wilder Reigen von Fantasiewesen treibt seinen tollen Spaß. Dabei fällt auf, dass die Arbeiten aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts trotz ihrer Sujets etwas Leichtes und Spielerisches an sich haben, während die späteren sich in ihrer expresssiven Wucht mehr dem Schrecken zuwenden, der hinter der zum Heilsbringer verklärten Vernunft lauert.

Text: Philipp Koch

Foto: Volker-H. Schneider / bpk / Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin

tip-Bewertung: Sehenswert

Am Rande der Vernunft Kupferstichkabinett, bis 29.7.

Mehr über Cookies erfahren