Ausstellungen

Andrй Kertйsz im Martin-Gropius-Bau

KerteszDie Fotografien des Exil-Ungarn Andrй Kertйsz (1894 bis 1985) haben eine Kühnheit, die sich der Unschuld verdankt. Seine Aufnahmen resultieren aus einer sehr bedachten Art des Sehens. Seine im Prinzip simpel an einen blanken Porzellanteller gelehnte Gabel ist dafür das beste Beispiel. Das Schattenspiel des formschönen Bestecks entfaltet eine eigene Ästhetik und gerät zur Ikone der Fotografie der 20er Jahre. Sein „Unterwasserschwimmer“ mit seiner Ringelbadehose gerinnt zu einem abstrakten Bild mit seinem bizarren Muster aus Wellen und Sonnenflecken – was David Hockney zu seinen Poolbildern inspirieren wird. Schon in seinen frühen Aufnahmen erweist sich der gebürtige Budapester als Meister der Lichtregie: Eine Gänse fütternde ungarische Bäuerin wird überzogen von einem Schattenriss aus Laubästen, ohne dass man das tatsächliche Geäst sieht.

Die drei Ausstellungskapitel Ungarn/Paris/New York belegen die Kontinuität seines Werkes. Es ist die Poesie des Alltags, die Kertйsz mit untrüglichem Instinkt aufspürt. So nobilitiert er selbst triviale Szenen: Vier Anzugträger mit Bowlers waten durch den nach Starkregen gefluteten Place de la Concorde – und bieten so ein magisches Kontrastbild von Zivilisation und Naturgewalt. In den 30er Jahren beteiligt Kertйsz sich an surrealen Experimenten, wenn er weibliche Akte als „Distorsions“ wie in einem Spiegelkabinett zerfließen lässt. Seine Einsamkeit in Amerika vermittelt sich durch Spaziergänger im verschneiten Washington Square Park. Vor himmelwärts stürmenden Skyscrapers verirrt sich eine kleine Wolke. Solitär pickende Tauben bevölkern zunehmend seine Bildwelt. Als Kertйsz 1963 eine Glasplatte mit seinem 1929 eingefangenen Blick über die Dächer von Paris wiederfindet, hat diese durch den Überseetransport einen Sprung erlitten. Der Fotograf entwickelt sie dennoch – und nun oszilliert das Ergebnis zwischen Hitchcock-artigem Einschuss und einem Bekunden des eigenen Seelenzustandes.

Text: Martina Jammers

Foto: Sammling Maison Europйenne de la Photographie, Paris

tip-Bewertung: Sehenswert

Andrй Kertйsz – Fotografien Martin-Gropius-Bau, Mi–Mo 10–20 Uhr, bis 11.9.

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