Ausstellungen

Andreas Mühe bei Camerawork

Muehe_Der _EmpfangKokett fläzt sich die Gattin des einstigen Außenministers Fischer mit gewöhnungsbedürftigen Spitzenstrümpfen auf den Polstern der italienischen Botschaft. Der wie immer aus dem Ei gepellte Diplomat Antonio Puri Purini stößt gerade unter den Fittichen eines kapitalen Goldadlers mit einem Gast an, während im Hintergrund die Hausherrin mit Christina Rau plauscht. Ein Sortiment an Bildbänden stapelt sich auf dem Couchtisch. Obwohl alles gediegene Nobiltа ausstrahlt, hat Andreas Mühe die Feine Gesellschaft aber doch wie in einem Schnappschuss eingefangen. Der Glamour wirkt nicht inszeniert, obwohl der Fotograf das ganze Bild bereits im Blick hat, bevor er auf den Auslöser drückt. Denn seine Großbildkamera verlangt nach einem Stativ. Also ist an spontane Schnellschüsse gar nicht zu denken. Offenbar genießt der Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe großes Vertrauen, sodass sich die VIPs erst gar nicht hinter Posen verkrampfen müssen. Nicht auf der Bühne stehen ist sein Metier, vielmehr: die Bühne zu beäugen. Selbst ein öffentlichkeitsscheues Wesen wie unsere Kanzlerin steht Modell und gewährt ihm den exklusiven Fotoblick auf ihr Haus in der Uckermark. Angela Merkel hat Mühe aufgenommen, wie Caspar David Friedrich seine Rü­ckenfiguren gemalt hat. So schauen wir in die Baumlandschaft wie die erste Dame des Staates. Angenehm unaufgeregt sind diese Bilder. Auch Heiner und Cйline Bastian erblicken wir von hinten, wie sie aus ihrem atemberaubenden Chipperfield-Loft hinuntergu­cken auf Schinkels Altes Museum und den kreuzlosen Berliner Dom.
Verstörend erscheint der Schauspieler Florian Lukas auf dem Obersalzberg. Nicht um das grandiose Alpenpanorama, das eher vernebelt er­scheint, ging es Mühe. Stattdessen symbolisiert die gewaltige Hausmauer zur Linken die Großmannssucht Hitlers, der den „Berghof“ zu seiner „Wahlheimat“ erklärte und monumental ausbaute, sich dort als Kinder- und Naturfreund stilisierte – und damit bis heute überbordende Pilgerscharen anlockt. Kuriosum am Rande: Die Aufnahmen entstanden gar nicht auf dem Obersalzberg, vielmehr in St. Moritz. Piz Corvatsch statt Watzmann also – was der Bildaussage aber keinen Abbruch tut. Als Mühes Vater mit dem Tode rang, hat er letzte Porträtaufnahmen gemacht. Wie würdevoll, dass er diese Bilder in der aktuellen Schau nicht preisgibt. Er ist ein anderes Temperament als Annie Leibowitz.

Text: Martina Jammers

(tip-Bewertung: Sehenswert)

Andreas Mühe „Werkschau 2“
bei Camera Work, Kantstraße 149, Charlottenburg,
Di-Sa 11-18 Uhr, bis 6.3.

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