Mensch und Tier

„Animal Lovers“ in der NGBK

Jenseits der Projektionsflächen: Die Ausstellung ­“Animal Lovers“ in der NGBK zeigt Tiere als Wesen mit Rechten ­und hinterfragt unseren Umgang mit ihnen

Foto: Anselmo Fox
Foto: Anselmo Fox

Eine Hundebesitzerin hält einen Welpen in die Kamera, er ist angezogen wie ein Menschenbaby und wird auch so präsentiert – mit Strampler und allem was dazugehört. Solche Videos und Bilder gibt es tausendfach im Netz, oft sprechen die Frauen von sich selbst dazu als „Mommy“.

Zu sehen ist eine Collage aus solchen Video-Footages jetzt in der Ausstellung „Animal Lovers“ in der NGBK, und diese Arbeit des Künstlerkollektivs Neozoon fasst ziemlich gut zusammen, worum es dem fünfköpfigen Kuratorenteam um Mareike Maage und Anne Hölck geht: Um die ambivalenten Beziehungen von Mensch und Tier. Also auf der einen Seite die bis zur Grenze des erträglichen domestizierten „Pets“, und auf der anderen Seite die in Elend lebenden Nutztiere.

Wobei der Fokus der aktuellen Ausstellung wie im Fall der Installation „Kramfors“ des Künstlerduos Hörner/Antlflinger auch auf Aspekten der industriellen Nutzbarmachung von Fell und Haut liegt. Dafür liegt ein Kalb auf einem abgezogenen Sofa. Es schaut sehr friedlich-niedlich aus von Weitem, von Nahem jedoch sieht man, dass es aus Lederstücken zusammengesetzt ist, mit denen das Sofa zuvor bezogen war – und so eine dekonstruktivistische  Arbeit ergibt, die die dunklere Seite der Mensch-Tier Beziehung schlicht, aber auf keinen Fall simpel auf den Punkt bringt.

Ähnlich der aktuellen Arbeit von Andreas Greiner in der Berlinischen Galerie, der ein Masthuhn auf museale Dinosaurier-Skelett – Größe bringen ließ und so in neuer Perspektive unter anderem zeigen konnte, dass diese Tiere, geschuldet der turboschnellen Aufzucht, gar keinen vollfunktionierenden Körper ausprägen können bevor sie nach kürzester Zeit geschlachtet werden.

In der Ausstellung in der NGBK gibt es auch noch etwas schwerer zugängliche Arbeiten zu sehen, einige davon im Performance-Bereich, andere in der digitalen Kunst, und auch wunderbar optimistische, wie die Vision einer „Dolphin Embassy“ aus dem Jahr 1977. Diese stellt die Zusammenarbeit von Mensch und Delphin in einem gemeinsamen Ozean-Labor auf eine neue Stufe und ist als utopisches, aber wünschenswertes Projekt gut in Wort und Bild dokumentiert.

Generell eint alle diese Arbeiten der Respekt vor dem Tier und der Versuch, Tiere als eigenständige Wesen mit Fähigkeiten bis hin zur Mitbestimmung zu sehen – und nicht entweder als Karikatur oder als rechtlose Objekte. „Wir sehen das Tierthema in einer Reihe mit anderen wichtigen Emanzipationsbewegungen, von den Frauenrechten bis hin zur Gendergleichheit“, sagt Kuratorin Anne Hölck, die sich schon länger mit dem Thema Human-Animal-Relations befasst, einem der zurzeit wichtigsten Diskurse in der Kunstwelt.
Unter anderem wurde das Thema von der letzten Documenta-Leiterin Carolyn Cristov-Bakargiev ganz oben auf die Agenda gesetzt, indem sie öffentlichkeitswirksam ein Wahlrecht für Tiere (und Erdbeeren) forderte. Diesem theoretisch-gesellschaftspolitischen  Ansatz wird die NGBK mit einem Diskussionsprogramm gerecht, das die Philosophin Friederike Schmitz ausgearbeitet hat, und das unter anderem der Frage nachgeht, wie die Beziehungen heute sind – Stichworte Zoos und Tierversuchslabore – und wie sie in einer besseren Zukunft aussehen könnten.

Animal Lovers NGBK, Oranienstr. 25, Kreuzberg, tgl. 12–19, Mi–Fr bis 20 Uhr, bis 27.11. Fr 4.11 ab 20 Uhr: Performance und Round Table, Sa 5.11. 11–20 Uhr: Rundgang, Vorträge und Diskussion

Mehr über Cookies erfahren