Fotografie

Arbeiten in Geschichte. Zeitgenössische chinesische Fotografie

Mao überall: Kunst aus China erlebt einen Hype. Doch wie kritisch darf sie sein? Arbeiten in Geschichte. Zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution findet auf den zweiten Blick eine überraschende Antwort

Zhang Kechun Menschen queren den Gelben Fluss mit einem Foto von Mao Zedong, Henan, 2012, Tintenstrahldruck, 120 x 147 cm © Zhang Kechun

Kein anderes Ereignis hat die Basis der kulturellen Produktion derart durcheinandergewirbelt wie die chinesische Kulturrevolution. Diese Absage an alle ästhetischen und formalen Traditionen, ja deren Verbot und eine gleichzeitige Hyperproduktion von Propagandabildern, Texten und Theaterstücken nach sowjetischem Vorbild rissen nicht nur eine zehnjährige Lücke in die chinesische Kunstgeschichte; die Ereignisse wirken bis heute nach. Kein Wunder, dass die Kulturrevolution auch in der zeitgenössischen Kunst chinesischer Künstler immer wieder eine Rolle spielt; polarisiert diese doch bis heute und wurde gesellschaftlich nicht aufgearbeitet. Die Ausstellung „Arbeiten in Geschichte“ versammelt in Arbeiten zeitgenössischer Fotografen aus China, fotografische Originaldokumente und Poster aus der Zeit der Kulturrevolution.
Ob lächelnd nach dem Durchschwimmen des Jangtse, oben auf der Tribüne über den jubelnden Mengen auf dem Platz des Himmlischen Friedens oder als übergroßer Badge auf der Brust eines Babys oder hinten an der Wand auf dem Familienphoto: Im historischen Teil ist Mao omnipräsent. Die Originalfotografien und Poster aus der Zeit der Kulturrevolution zeigen den beinahe ins Irrsinnige getriebenen Personenkult und die mutwillige Brechstangenpropaganda nach sowjetischem Vorbild, welche diese kurze aber prägnante Periode der chinesischen Geschichte charakterisieren. Gerade die Privatfotografien zeigen eine seltsame Mischung aus ästhetischer Einflussnahme und Selbstzensur. Immer den Mao im Hintergrund zu haben schien wohl sicherer, falls das Familienalbum doch einmal von staatlicher Seite gesichtet werden sollte. Dabei zeigen sich Parallelen zu Ästhetik und Propagandastil in der DDR.

Der historische Teil der Ausstellung kann somit durchaus überzeugen. Aus didaktischen Gründen ist dieser, wenn auch im selben Raum, getrennt von den zeitgenössischen Positionen chinesischer Fotografen angeordnet, die sich je auf ihre Weise mit Ästhetik und Langzeitwirkungen der Kulturrevolution auseinandersetzen. Hier und da wäre eine mehr dialogische Gegenüberstellung vielleicht interessanter gewesen. Bei den Arbeiten der zeitgenössischen chinesischen Fotografen, von denen einige die Kulturrevolution miterlebt haben, während andere noch nicht einmal geboren waren, fällt zuerst einmal auf, dass deren kritische Aufarbeitung auf den ersten Blick recht zahm wirkt. Dies liegt aber auch an dem Kontext, in dem die Arbeiten stehen. So sehr zeitgenössische chinesische Kunst auch von Zeit zu Zeit im Fokus steht (meist einhergehend mit einer größeren institutionellen Ausstellung): Der kritische Diskurs, in dem sie sich im Rahmen des in China möglichen bewegen, ist uns naturgemäß fremd und erschließt sich häufig erst auf den zweiten, dritten Blick und mithilfe von Erläuterungen zu den Exponaten. Die Fotoserie über den Jangtse von Zhang Kechun mag dem einen oder anderen schon bekannt sein. Darunter befindet sich auch die emblematische Aufnahme einer Reihe von (alternden) Schwimmern, die mit dem Porträt Maos (ja, schon wieder der) über dem Kopf den Fluss durchschwimmen.

Wer sich auf die nötigen Erläuterungen einlässt, der wird „Arbeiten in Geschichte“ als sehr gelungene und runde Ausstellung wahrnehmen. Die weitgehende Beschränkung auf Fotografie mag man als Manko ansehen, andererseits erlaubt diese Konzentration eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Medium und seiner konzeptuellen Nutzung in der zeitgenössischen chinesischen Kunst.

Museum für Fotografie Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di–So 11–19 Uhr, Do 11–20 Uhr

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