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„Architektur im Kulturkampf“ im Museum für Architekturzeichnung

Jakow_Tschernichow_Architekturfantasie_c_JakowTschernichow_TchobanFoundationIn die Matrize der Betonschalung wurde eine abstrahierte Zeichnung eingefügt, die auf die Funktion des Gebäudes verweist: Seit Anfang Juni verbirgt sich hinter den Betonkuben Deutschlands einziges Museum für Architekturzeichnung. Die Tchoban Foundation – benannt nach dem Architekten und Sammler Sergei Tchoban – hat sich diesem scheinbar anachronistischen Medium verschrieben. Schließlich wird kein Flughafen oder Fußballstadion heutzutage noch mit dem Zeichenstift entworfen. Doch der 1962 in Leningrad geborene Tchoban, der seit 1992 in Deutschland lebt, ist der langen Tradition der Handzeichnung an der St. Petersburger Kunstakademie verpflichtet. Hier wird seit 1900 größter Wert gelegt auf die Beherrschung des freien Entwurfs. „Die Entwicklung und das Training von Formen- und Proportionsfindung führen auch heute noch über den Gedanken in die zeichnende Hand“, davon ist Tchoban überzeugt, der Entwürfe seiner Kollegen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart sammelt.

Nach der Eröffnungsschau mit den großartigen Piranesi-Grafiken aus den Beständen des altehrwürdigen Londoner Sir-Soane’s-Museum werden nun 79 russische und sowjetische Architekturzeichnungen, die zwischen 1900 und 1953 entstanden, in chronologischer Abfolge gezeigt. Wenn der Besucher den ersten der beiden Säle betritt, erscheinen die frühesten der gezeigten Entwürfe – repräsentative Bauten und Mausoleen in St. Petersburg – berückend altmeisterlich. Ihre Formensprache erlernten die angehenden Architekten von den Antiken Italiens. Das Grabmal für einen russischen Piloten könnte ohne Weiteres auf dem Forum Romanum stehen. Die Rückversicherung auf das Vokabular der Klassik war auch Reaktion auf den Jugendstil, der in Russland als Dekadenzsymptom interpretiert wurde.

Nach der Russischen Revolution entwickeln sich Leningrad und Moskau zunehmend zu Antipoden. Es tobt ein regelrechter Kulturkampf. Bis zu Lenins Tod 1924 kann der Konstruktivismus Fuß fassen, ist als regelrechte Marke greifbar: Kantige geometrische Formen, bunte Kolorierung und fehlende Nuancierung prägen diesen Stil, der unter Stalin jäh in Misskredit geriet. Ein fabelhaftes Beispiel für puristische Verschachtelung der Baukörper ist Andrej Burows geplante öffentliche Toilette, bei der schon in der Zeichnung das Neue buchstäblich aus jeder Latte hervorspringt.

Text: Martina Jammers

Foto: Jakow Tschernichow / Tchoban Foundation

tip-Bewertung: Sehenswert

Architektur im Kulturkampf. Tchoban Foundation. Museum für Architekturzeichnung, Christinenstraße 18a, Prenzlauer Berg, Mo–Fr 14–19 Uhr, Sa 13–17 Uhr, bis 14.2.2014

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