Ausstellungen

„Ars Electronica“ im Automobil Forum

Ars_Electronica_c_RyotaKuwakubo.Kaum vorstellbar, aber in einigen Jahren wohl Realität: Die Handtasche oder das neue Paar Schuhe wird über Nacht ausgedruckt wie ein Foto oder ein Text, nur eben dreidimensional. Ein Klick am Computer genügt und so ein ganz reales Produkt entspringt dann der virtuellen Welt. Im Maschinenbau wird diese Technologie bereits genutzt. In der Prothetik spuckt der Drucker zum Beispiel maßgeschneiderte Implantate aus. Das Prinzip könnte auch die Modewelt revolutionieren. Klingt nach Zukunftsmusik und ist doch „keine Science-Fiction“, wie Gerfried Stocker erläutert. Der künstlerische Leiter der Ars Electronica und Kurator der Ausstellung „Impuls und Bewegung“ im Berliner Automobil Forum muss es wissen. Er hat den besten Überblick über die neuesten technischen Entwicklungen und selbst eine technische Ausbildung genossen, bevor er zum Medienkünstler und Kulturmanager wurde. Die Schuhe der Zukunft aus dem 3-D-Computer hat er mitgebracht. Plötzlich nehmen solche neuen Technologien den realen Raum ein. Diese ist zwar noch sehr teuer, aber in fünf bis zehn Jahren – wer weiß. Auch Laserdrucker sind heute bei Weitem nicht mehr so kostspielig. Im Fall der coolen Treter, die sich unter die Exponate dieser anregenden Schau mischen, hat der Drucker 15?000 bis 20?000 Euro gekostet. Es gibt bereits günstigere Modelle, die weniger Qualität liefern. Die ersten Schritte sind getan. Eines Tages werde die Technik genutzt, „so wie ich jetzt ein Musikstück auf den MP3-Player lade“.

Für den Ausstellungsmacher lautet die zentrale Frage: Wie kann man diese neue Realität überhaupt begreifbar machen? Die Schuhe stehen für eine Antwort, aber nicht nur sie. Zwölf Exponate plus sechs Videoarbeiten, also insgesamt 18 experimentelle Werke von Künstlern aus Europa, den USA und Japan, erwarten die Besucher. „Das Tolle an der Ausstellung ist, dass wir nicht nur schöne Kunst zeigen, sondern die Brücke zwischen unserem Körper und dem virtuellen Raum bilden.“ Stocker, 1964 geboren und noch ohne Computer aufgewachsen, philosophiert: „Wir können über Skype gratis um die Welt telefonieren, aber zu einem hohen Preis. Wenn man Gratisdienste wie Skype oder Facebook im Internet verwendet, dann ist man nicht der Kunde, sondern das Produkt.“ Es seien völlig andere Werte und Währungen, die auf uns alle zukämen. „Der Übergang vom Physischen zum Digitalen ist sehr schwer begreifbar, weil sensorisch nicht nachzuvollziehen, nur kognitv.“ Seit 33 Jahren begibt sich die Ars Electronica nun schon auf künstlerisch-wissenschaftliche Spurensuche. Dazu gehören das Ars Electronica Center in Linz mit festem Haus, ein jährlich stattfindendes Festival, ein Preis – und die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, wie jetzt in Berlin.

Ars Electronica bietet Innovation und will begeistert. Neben dem Anschauen und Verstehen geht es ums Mitmachen. Auch in Berlin sind interaktive Arbeiten dabei wie die Datenbrille: Zwei Personen setzen sie auf. Jeder sieht dann die Welt mit den Augen des anderen. Damit er nicht gegen die Wand rennt, ist er gezwungen zu kommunizieren. Das ist die Botschaft: Die neuen Medien eröffnen eine Kommunikation, wie wir sie vorher nicht kannten. Man kann das Wesen der Technologie also auch erleben und muss sich nicht aufs Schauen beschränken. Stocker findet museumsferne Orte besonders interessant für Ausstellungen wie diese. In Tokio besetzte die Ars Electronica bereits eine Shoppingmall, in Wien das Flughafengelände. „In Museen gehen Leute, die sowieso ins Museum gehen, an solche Orte auch andere.“ Deshalb ist er gerne zu Gast im Automobil Forum, wo zum dritten Mal ein Vorgeschmack auf die Linzer Hauptschau erlebbar wird. Die Welt künstlerischen Gestaltens mit den neuen Technologien ist ja ansonsten in Berlin unterrepräsentiert, das heißt bis auf die Transmediale oder das DAM überhaupt nicht vorhanden. Dabei sind sie es, die die Welt und uns verändern. „Die Rolle der Kunst ist, Entwicklungen neu zu denken. Das ist etwas, was wir dringend brauchen, um mit den vielen Problemen fertig zu werden“, glaubt Stocker. Auf der Ars Electronica darf man experimentieren und spielen. Nur so lässt sich auch etwas herausfinden.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Ryota Kuwakubo

Impuls und Bewegung. Ars Electronica im Volkswagen Automobil Forum Unter den Linden, Unter den Linden 21, Mitte, tgl. 10–20 Uhr, 11.7.–2.9.

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