Ausstellungen

Arte Postale in der Akademie der Künste

adk13_AP_Spoerri„Ich hoffe, es geht dem deutschen Volk nie so schlecht, dass es glaubt, mich zum Bundeskanzler wählen zu müssen“, sagte F.J. Strauß im Mai 1971. KP Brehmer verarbeitete die Einsicht nebst Porträt des CSU-Granden zu einer Künstlerpostkarte, die in Klaus Staecks „Aktion für mehr Demokratie“ erschien. Politsatire steht im Mittelpunkt der Edition Staeck, die mit Filz- und Holzpostkarten von Beuys oder Kakaopulver-Episteln von Dieter Roth die biederen Kartensortimente der Bundesrepublik gehörig aufmischten. Staeck sagte der Kitschpostkarte den Kampf an und ließ gängige Städtemotive wirksam verfremden. Wewerka imaginiert den „dom zu köln im jahre 5040“, der dank unablässiger Bautätigkeit fünf Kirchtürme hat.

In der opulenten Schau „Arte Postale“ der Akademie der Künste breitet der papierphile Akademiepräsident Staeck darüber hinaus seine weitläufige Korrespondenz von Christo über Warhol und Hanne Darboven bis Peter Rühmkorf aus: allesamt begnadete Illustratoren ihrer Texte, mal witzig, mal sarkastisch, mal um Honorare bettelnd. Einen Schwerpunkt der Schau bilden Postsendungen von Protagonisten der Mail-Art-Szene der DDR. Mit subversiver Energie und pointierter Metaphorik unterliefen sie die staatlichen Kontrollinstanzen. Überbordend sind die Schätze des Akademie-Archivs. Mit einer 14-teiligen Gläser-Sequenz entschuldigt sich George Grosz für einen Alkoholabsturz. Nahezu täglich schickte der Leipziger Max Schwimmer vier Jahre lang erotisch illustrierte Epistel an seine Geliebte in Berlin. Den längsten Brief bemalte Bruno Taut auf 2,30 Meter langem Rollpapier für die Tochter seiner Lebensgefährtin aus dem japanischen Exil. Er schwärmt von Felseninseln, die wie Hokusais „Welle“ aussähen. Gerade im Mail- und SMS-Zeitalter berührt solch aufwendig gestaltete Post.

Text: Martina Jammers

Foto: Edition Steak, Heidelberg / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

tip-Bewertung: Herausragend

Arte Postale Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte, Di–So 11–19 Uhr, bis 8.10. 

WEITERLESEN:

Eran Schaerfs Soloschau in der ADK

Thomas Schütte im me Collectors Room Berlin

Mehr über Cookies erfahren