Fotografie

Arwed Messmer im Künstlerhaus Bethanien

Die Schuhe von Dutschke, die Bilder in den Köpfen: Der Fotograf Arwed Messmer macht die jüngste deutsche Geschichte fast physisch erfahrbar

Arwed Messmer
Foto: Lena Ganssmann

Die blutdurchtränkte Uniformjacke des erschossenen jungen DDR-Grenzwächters, sein Pullover, das T-Shirt – alles ist für das Foto so drapiert, als stecke der Mann noch darin. Beim Betrachten der nüchternen Fotos dieser menschenlosen Kleidungsstücke entstehen sofort Geschichten in den Köpfen der Betrachter,  vor allem wenn diese die dramatischen Berichte über gescheiterte DDR-Fluchten präsent haben. Der Fotograf Arwed Messmer hat im Archiv der Stasiunterlagen Fotodokumente von missglückten und geglückten Fluchten durchforstet, und eine Auswahl daraus für seinen Bildband „Reenactment“ reproduziert. Kombiniert mit eigenen Aufnahmen von Orten des Geschehens, die sich nach fast 30 Jahren heute völlig unspektakulär präsentieren, und auf das allgemeine Vergessen verweisen. Ein Teil der Fotos aus dem Bildband ist gerade in der Ausstellung „Ende vom Lied“ im Künstlerhaus Bethanien zu sehen.

In seinem Studio in Mitte bereitet Arwed Messmer, der 1987-1992 an der FH Dortmund Fotografie studierte, gerade sein neues Projekt vor, das sich mit dem Linksterrorismus in der BRD beschäftigt und mit dem er 2015 ein Stipendium der Krupp-Stiftung gewonnen hat. Messmer durchsuchte Polizeiarchive mit dem Fokus auf die Frage, welche Bilder die staatlichen Institutionen produzierten, und welche Teil des kollektiven Bildgedächtnisses geworden sind. „Es gab ein Foto, das war der Auslöser, dass ich diese Arbeit beginnen wollte“, sagt Messmer. „Das sind die Schuhe von Rudi Dutschke, die der Polizeifotograf fotografiert hat.“ Die Wildlederschuhe des Aktionisten der linken Studentenbewegung lagen auf dem Kurfürstendamm, nachdem er 1968 auf der Straße niedergeschossen wurde. Bilder des Tatorts gingen durch die Presse, die Beweisaufnahmefotos der Polizei waren aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Sein im Oktober erscheinendes Buch „Zelle“ zur Entführung des Westberliner CDU-Politikers Peter Lorenz durch die Bewegung 2. Juni Ende Februar 1975 sei quasi der Prolog zum RAF-Projekt, sagt Messmer. Die von ihm digitalisierten kriminaltechnischen Ermittlungsfotografien erfahren, aus dem Kontext gerissen und mit neuer Zuordnung, eine weitere Bedeutungsebene und werden zu einer nicht linearen Erzählung, die sich allein aus der Aura des Bildmaterials entwickelt.

Die historische Aufladung der Stadt Berlin, in der er seit 1992 lebt, fasziniert den Fotografen, der die Veränderung der Stadtarchitektur fotografisch beobachtet und mit von ihm aufgestöberten Archivfotos einen neuen Blick auf die Ereignisse jüngerer deutscher Geschichte ermöglicht. Bekannt wurden zuerst seine Panoramabilder, konstruiert aus Auftragsfotos der 1940er und 1950er Jahre für den Ostberliner Magistrat, die er unter dem Titel „So weit kein Auge reicht“ in der Berlinischen Galerie zeigte.

Zusammen mit der Publizistin Annett Gröschner präsentiert Messmer gerade das Projekt „Inventarisierung der Macht“ als Buch und Ausstellung – eine fotografisch sowie textlich aufgearbeitete Bilddokumentation der Berliner Mauer, drei Jahre nach ihrem Bau von Grenzsoldaten der DDR lückenlos nachgezeichnet, um undichte Stellen zu identifizieren. Die 160-Kilometer-Grenze in und um Berlin wird mit neuem Blick physisch erfahrbar gemacht.

Inventarisierung der Macht. Die Berliner Mauer aus anderer Sicht.

Ausstellung: Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6, Schöneberg, Di–So 11–18 Uhr, bis 21.8.
Buch: A. Messmer, A. Gröschner, 1328 Seiten, Hatje Cantz Verlag 2016

Ausstellung: Das Ende vom Lied zur Ausbürgerung Biermanns, mit Werken von Arwed Messmer, Künstlerhaus Bethanien, Kottbusser Str. 10, Kreuzberg, Di–So 14–19 Uhr, bis 18.9.

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