Skulptur

Asta Gröting im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst

Mit ihren „Berlin Fassaden“ kehrt Asta Gröting das Innere nach außen und macht sichtbar, was wir nicht sehen können oder wollen

Asta Gröting, Berlin Fassaden/ Mausoleu, 2016. Produktionsfoto: Asta Gröting. Copyright: Asta Gröting / VG-Bild Kunst, Bonn 2017

Das Innere des Menschen holte die in Berlin lebende Künstlerin Asta Gröting im wahrsten Sinne des Wortes mit ihren Silikonskulpturen des humanen Darmtrakts bereits 1990 ans Tageslicht. Die menschliche Psyche thematisierte sie dagegen in Filmaufnahmen verschiedenster Bauchredner mit einer von ihr dafür eigens konstruierten Puppe, und holte so das Peinliche, Unterdrückte aus den Tiefen der Seele hervor. Oder sie zeigte eine messerscharfe Verhaltensanalyse in der Arbeit „Parken“ von 2001, einem von oben gefilmten Manöver mehrerer Autofahrer um eine begehrte Parklücke herum: Aus der Vogelperspektive schrumpfen die Fahrzeuge zu winzigen Käfern im Kampf ums Territorium.

Die Psyche des Menschen zeigt sich auch in den Gebrauchsgegenständen und Bauten, die er produziert. In ihrer aktuellen Ausstellung präsentiert Gröting entsprechend Berliner Fassadenteile mit diversen „Narben“, die in Stein gegrabene humane Geschichte abbilden. „Das sind Abformungen von Fassaden, die im Krieg zerstört wurden und noch nicht renoviert worden sind“, berichtet die Künstlerin. „Ich habe sie aus anschmiegsamem Silikon gemacht, weil Silikon naturgetreu bis ins kleinste Detail abbildet und die Einschusslöcher an die Oberfläche holt.“
Es ist, als würde man in einen Innenraum hinter der Fassade schlüpfen und eine Art Negativabdruck betrachten, der in Langzeitbelichtung entstanden ist. Durch das Auftragen des klebrigen Silikons wird jedes Detail der Oberfläche abgenommen – Staub, Moos, Putz, Graffiti und Einschusslöcher. Jede einzelne der sich überlagernden Epochen scheint sichtbar zu werden. Wie zum Beispiel bei der Fassade des Gemeindehauses der Sophienkirche, das 1901 errichtet wurde. Dieses Haus hat zwei Weltkriege „erlebt“, die Schlacht um Berlin im Stadtzentrum Ende April bis Anfang Mai 1945 hat Einschusslöcher als Zeugen des Kriegs im Mauerwerk hinterlassen. Wir sehen Spuren der Gewehrschüsse, die für Menschen gedacht waren, und an deren Schicksale erinnern.

„Genauso wie Gesichter haben auch Fassaden Pickel, Pocken, Narben, Verletzungen“, sagt Asta Gröting. „Als ich Anfang der 1990er Jahre hierher kam, sah ganz Berlin so aus. Und das sind eigentlich die letzten, aus dem Stadtbild verdrängten Fassaden, die die Zeit überstanden haben und die für das Verdrängte überhaupt stehen.“ Denn die Einschusslöcher werden bis auf wenige Ausnahmen bald verschwunden sein. „Das sind alles Fassaden öffentlicher Gebäude, bis auf eins, die kurz vor der Sanierung stehen. Manche Fassaden kann man nicht renovieren, weil dadurch noch auffälligere Flecken entstehen würden, wie zum Beispiel an der Granitschale im Lustgarten. Aber das, was renoviert werden kann, wird natürlich renoviert.“

Seit Ende der 1980er Jahre macht die Künstlerin in ihren Arbeiten das Nicht-Sichtbare sichtbar und bewahrt in diesem Fall das, was zu verschwinden droht. „Ich habe das so ein bisschen wie bei einer archäologischen Ausgrabung angeordnet“, sagt Gröting bei der Vorbesichtigung der Ausstellung. „Hier, könnte man sagen, ist mein Subtext, das Teil vom Ganzen zu betonen. Bei einer archäologischen Ausgrabung gibt es auch nicht wirklich eine gleichmäßige Sichtbarkeit, sondern es sind Teile vom Ganzen.“

Asta Gröting. Berlin Fassaden KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Sudhaus 3, Neukölln, 10.9.–3.12., Mi–So 12–18 Uhr, Eröffnung, 9.9. 17 Uhr

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