Ausstellungen

Atelierbesuch bei Andrй Butzer

Andre_Butzer-Atelier_c_Oliver_WolffDie meisten Künstler wollen unbedingt nach Berlin. Sie wollen dazugehören zur Kunstszene, sie streben nach Ausstellungen und Anerkennung. Der Maler Andrй Butzer hingegen hat sich mit seiner Familie an den Stadtrand zurückgezogen. Er lebt und arbeitet seit fünf Jahren auf einer vier Hektar großen Teilfläche einer ehemaligen Flugzeugfabrik aus den 1930er-Jahren in Rangsdorf. Vom dazugehörigen Flughafen flog Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 zum Attentat auf Hitler nach Ostpreußen.

Butzer, ein asketischer Typ in moosgrüner Lodenstrickjacke mit Hornknöpfen, gibt eine Führung über das Gelände. Das Verwaltungsgebäude und die Kantine für Ingenieure der früheren Bücker-Flugzeugbau-Werke sind L-förmig angeordnet. Dazwischen stehen stattliche Bäume in einem Park. Er wurde von den Sowjets angelegt, die dort bis 1994 stationiert waren. Auf einem abgezäunten Stück leben Hühner und Ziegen. Das modernistische Ensemble wirkt wie die Kulisse eines Films von Sergej Eisenstein. Den Eingang zum Atelier, einem Gebäuderiegel mit vorgesetzter halber Rotunde, ziert eine Plakette mit Maxim-Gorki-Relief. Drinnen ist es auf 800 Quadratmetern angenehm warm und aufgeräumt. Wattiges Licht fällt durch üppige Glasfenster in den kathedralenartigen Raum. Es duftet nach Farbe. An den Wänden stehen vier riesige Leinwände, die Butzer im Januar in seiner Berliner Galerie Guido W. Baudach ausstellen wird.

Butzer zählt neben den Malern Thomas Zipp und Andreas Hofer zu den als „Baudach-Boys“ bezeichneten Künstlern, die in den letzten Jahren einen kometenhaften Aufstieg vom Rand der Berliner Szene in die vorderste Reihe hinlegten. Butzer ist international angekommen. Zumindest was seinen Marktwert angeht. Aktuell zeigt er als einer von zwei Dutzend jungen deutschen Künstlern Bilder in der Ausstellung „Gesamtkunstwerk – New Art from Germany“ in der Saatchi Gallery in London. Charles Saatchi war in den 1990ern mitverantwortlich für den Boom der Young British Artists, darunter Damien Hirst und Tracey Emin. Bei den neuen Werken handelt es sich um große Ölschinken, die auf den ersten Blick lediglich jeweils ein vertikales und ein horizontales Rechteck auf grauem Grund zeigen. Die abstrakte Werkgruppe aus 40 Leinwänden ist für Butzer-Fans ein radikaler Kontrast zu den früheren Werken, die expressiv farbig sind. Bei näherer Betrachtung der grauen Bilder treten jedoch zarte Farben unter der Bildhaut hervor. Hautähnliche Töne, blauschimmernde Wolkenstrukturen oder ein Farbflimmern, das wie eine Vibration auf die Pupille einwirkt.

Andre_Butzer_c_Oliver_WolffAuf der Suche nach bildnerischen Gesetzmäßigkeiten wendet sich Butzer mit dieser Reihe absoluten Grundformen der Malerei zu. Es ist eine seiner Methoden, in Anlehnung zur Kunstgeschichte zu arbeiten. „Meine Bilder handeln nicht von mir“, sagt er. Sondern von weitergeführten Ideen anderer Künstler wie Mondrian oder Cйzanne. In einer Ecke des Ateliers hängt noch eine Inspiration, die Kopie eines Raffael-Gemäldes der Mutter Maria. Das Bild trägt laut Butzer keine Farbe in sich, sondern beherberge sie. Und genau das versuche er auch in seinen neuen Arbeiten, so weit er sich motivisch auch von der Inspiration entfernt haben mag. Nichts wies bei dem 1973 in Stuttgart geborenen Butzer darauf hin, dass er einmal ein international gefragter Künstler werden würde. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf, die Mutter war Friseuse, der Vater Werkzeugmacher für IBM. Erst als Zivildienstleistender in Hamburg entdeckte Butzer die Lust an der Malerei, als er in der Kunsthalle eine Bilderserie des figurativ-abstrakten Malers Asger Jorn (1914–1973) sah.

Butzer entwickelte daraufhin einen komplizierten Bildkosmos mit eigener Interpretationsanleitung. Er schuf etwas Neues, das von außen wie die Absage an die Tugenden der Malerei wirkt. Seine verstümmelten, cartoonhaften Figuren in grellen, oft hässlichen und auf die Leinwand geschmierten Farben, sind ein Angriff auf die Sinne. So verwundert es nicht, dass Butzer nach nur zwei Semestern von der Hamburger Kunsthochschule ausgeschlossen wurde. Er sei wohl zu unangepasst gewesen, mutmaßt er rückblickend. Stattdessen gründete er 1996 mit über zwanzig Gleichgesinnten, darunter Jonathan Meese, die egalitäre Künstlergruppe „Akademie Isotrop“. Ziel der losen Vereinigung, die sich vier Jahre später auflöste, war die Organisation eigener Seminare und das autonome Ausstellen.

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