Ausstellungen

Atelierbesuch bei Mariana Castillo

M__Deball_c_HS-17Es muss dort einmal ausgesehen haben wie in Venedig. Als der spanische Eroberer Hernбn Cortйs das Reich der Azteken unterwarf, zogen sich Kanäle durch die Inselstadt Tenochtitlбn. Mariana Castillo Deball zeigt auf eine Zeichnung. Sie spiegelt eine Karte der indianischen Ureinwohner. Die Künstlerin stieß bei einer Recherche im Iberoamerikanischen Institut auf den historischen Stadtplan. Er diente als Vorlage für ihre neueste Arbeit. Ein Wahnsinnswerk, 150 Quadratmeter groß.

Es wird den Fußboden im Hamburger Bahnhof bedecken. Für die Produktion der Platten richtete sie sich eine temporäre Druckwerkstatt ein. Ihre zupackenden Hände sind schwarz von der Farbe für den vergrößerten „Holzschnitt“, der entsteht. Noch heute gebe es einen Rest von Klein-Venedig in ihrer Heimat Mexiko-Stadt, erzählt die Künstlerin. Cortйs habe dem spanischen König in Briefen Bericht erstattet, schickte ihm eine Aztekenzeichnung. Sie wurde um 1550 in Deutschland gedruckt. Diese ungewöhnliche Karte bildet den Ausgangspunkt für Deballs begehbare Bodenarbeit. Alle machten sich ein Bild von der Welt, sagt die 38-Jährige – Mexikaner, Spanier, Deutsche. Doch wie relativ ist eigentlich Wissen? Wie wird es vermittelt, und unter welchen Bedingungen entsteht Wirklichkeit? Durch den Blick der anderen oder dem eigenen?

Hochkomplexe Fragen, die sich in den vielschichtigen, gleichzeitig sinnlichen Werken der Künstlerin stellen. Ihre Chancen auf den Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst stehen gut. Nicht nur, weil sie schon einige Erfolge vorzuweisen hat. Sie war Ars-Viva-Preisträgerin, nahm an der 54. Biennale von Venedig teil und zeigte eine große Installation auf der letzten documenta. Ihr Thema: Geschichte, insbesondere die von Objekten, die der Gegenwart etwas zu geben haben. Der gesellschaftspolitische Aspekt steht dabei nie im Vordergrund, schwingt allenfalls leise mit für den, der sich näher einlässt auf ihre auch optisch attraktiven Werke. Wie eine Archäologin gräbt die Künstlerin in der Vergangenheit, um ihre Geschichten zu fördern und neu zu erzählen. Auf den Spuren der Azteken oder des Göttinger Mathematikers Felix Klein, aktiviert sie das geheimnisvolle Eigenleben der Gegenstände.

M_C_Deball_Biennale_c_MarianaCastilloDeballDer Betrachter kann versuchen, ihre Hieroglyphen zu dechiffrieren, den Schauwert ihrer Arbeiten genießen – oder beides. 2012 verzauberte sie das Haus Konstruktiv in Zürich durch eine blaue Wandarbeit. Davor postierte die ebenso anthropologisch wie ethnologisch, geologisch und historisch interessierte Künstlerin kleine Skulpturen. Inspiriert von Modellen, mit denen Klein seinen Studenten im 19. Jahrhundert das Wesen der Zahlen näherbrachte. „Penser / Classer“ hieß 2003 das erste Buch von Mariana Castillo Deball. Es könnte wie ein Motto über ihrer Arbeit stehen. In dieser geht es ums Denken und Einordnen, Forschen und Erkennen, auch um das Erinnern wie jetzt an die Geschichte der Unterwerfung des Indianervolkes und seiner Kultur. Ihre Recherchen führen sie oft wochenlang in Bibliotheken oder zur Zusammenarbeit mit verschiedenen Wissenschaftlern.

Unaufdringlich eröffnet die Künstlerin Perspektiven und Bezüge, erweitert den Horizont. So wie in ihren Ausstellungen bei Barbara Wien und Wilma Lukatsch. Dort pflanzte sie luftigleicht wirkende Papiermachй-Skulpturen wie Epiphyten in den Raum. Auch diese „Unbequemen Objekte“ waren eine Mischung aus Fiktion, Fundstücken und Fakten, welche sie in Brasilien untersuchte. Dabei besetzt die Fantasie dieser Künstler-Poetin alle Medien: Deball malt, filmt, formt, installiert, schreibt und zeichnet. Ab 7. September zeigt Wien Lukatsch noch einmal ihren Film „Black Boxing“. Doch zuvor wird die neue Bodenarbeit zu erleben sein, die aus 120 Teilen bestehende Darstellung des ausgelöschten Vorläufers von Mexiko-Stadt. Über den Titel grübelt die Künstlerin noch. Assistentin Ayami meint, das sei der schwerste Teil der Arbeit. „Ja“, murmelt Deball, einen passenden Titel zu finden, sei „immer schwer.“ Erst recht für ein Werk, das an eine zerstörte Kultur erinnert. Wir treten das Fremde zu oft mit Füßen.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Marry Schnittger (Porträt), Mariana Castillo Deball

Die Ausstellung der vier Anwärter auf den Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst eröffnet am 29. August im Hamburger Bahnhof.

 

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