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Atelierbesuch: Katharina Ziemke

Katharina_Ziemke_c_HarrySchnitgerDer Blick dieses Menschen lässt keinen kalt. Nur 40 mal 50 Zentimeter misst das Ölbild des „Walter Yeo“ und doch scheint es, als würde Katharina Ziemke dem Mann irreales Leben einhauchen. Was sich als Foto eines Kriegsversehrten im Bildermeer des Internet verbarg, hat die Malerin durch Zufall entdeckt und erweckt zu einem magischen Dasein auf Leinwand. Sie las über blinde Soldaten, als ihr das Foto begegnete, denn sie bereitete gerade ihre erste Berliner Soloschau „Institute for the Blind“ bei Manzoni Schäper, einer jungen Galerie an der Potsdamer Straße, vor. Was Blinde wohl für innere Bilder sehen? Rund drei Wochen dauerte die Arbeit an diesem kleinen Format. Viele Schichten ganz dünner Ölmalerei verleihen „Walter Yeo“ große Wirkung.

Die eigenartige Strahlkraft des Porträts rührt auch vom intensiven Ausdruck des Dargestellten her, der aus blauen Augen in die Ferne blickt. Der Akt des Malens beinhaltet Verfremdung. „Schlimme Verletzungen“ hatte der Mann. Sie verschönte ihn. „Es ist fast, als ob ich der Chirurg wäre, der das Gesicht wiederhergestellt hat“, meint Katharina Ziemke, die nicht einfach Fotos abmalt. Das beginnt schon damit, dass sie alle Vorlagen in Schwarz-Weiß ausdruckt. Als Erstes überlegt sie, welches Format geeignet sein könnte, dann welche Farben. Mal knallen sie und stärken doch die kontemplative Ruhe ihrer Bilder. Seit einigen Jahren lebt die 33-jährige Norddeutsche, die in Paris an der Йcole des Beaux-Arts studiert hat, in Berlin. Hier erschien es ihr leichter, eine Existenz aufzubauen. Dabei stellten sich erste Erfolge in Paris ein, wo sie ihre zwischen Anziehung und Abstoßung, Rätsel und Realität changierenden Bilder mehrfach in der Galerie Zürcher zeigte. Fast alle ihre figurativen Werke wurden verkauft.

Von Anfang an dabei: Kinder- und Landschaftsmotive. Auch Thomas Ostermeier wurde aufmerksam, erwarb die farblich gewagte, sogkräftige Ansicht eines überdimensionalen Kleinen mit scheinbar übernatürlichen Kräften. Jüngst engagierte er Katharina Ziemke für seine packende Inszenierung von Henrik Ibsens „Volksfeind“ an der Schaubühne. Dort steuerte die Künstlerin Wandzeichnungen für Jan Pappelbaums Bühne bei, intelligente zeitgenössische Höhlenmalerei, die ins Auge springt. „Das war eine aufregende Erfahrung“, kommentiert sie ihr erstes Auftragswerk, „weil es so intensiv ist, mit jemand zusammenzuarbeiten.“ Ungewohnt für eine, die sonst isoliert in ihrem Charlottenburger Atelier an der eigenen Welt puzzelt. Die existenziellen Gefühle, die im Theater vorherrschen, versucht sie in gewisser Weise auch mit ihren Gemälden wachzurufen. Wobei sie zunächst mitfühlt, Opfern ein Gesicht gibt, das diese ihrem Schicksal enthebt.

„Empathie spielt eine Rolle bei mir“, bekennt die Malerin, die Unbestimmtheit im Konkreten anstrebt, um der größeren Zeitlosigkeit und Universalität willen. Beunruhigend verführerisch kann die Fiktion ausfallen wie im Porträt des „Walter Yeo“ oder still und geheimnisvoll wie im Pastell „Wednesday afternoon.“ Alles scheint in der Schwebe. Die Realität ist nur Auslöser für imaginierte Personen und imaginäre Orte, wie sie vielleicht auch dem blinden Jungen in „The Inner Picture“ vorschweben. Er, der weder Farbe noch Formen wahrnimmt, erschafft sich seine Wirklichkeit selbst. Ein bisschen gleicht er der Künstlerin, die den Blick nach innen richtet. Die narrativen Fäden, die sie auslegt, laufen im Kopf des Betrachters zusammen. Er begegnet den Bewohnern von Katharina Ziemkes Blindenschule sehenden Auges und kann doch nie sicher sein, was er gesehen hat.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Harry Schnittger

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