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Ausstellung „100 Jahre Fund der Nofretete“ im Neuen Museum

Nofretete„Gang zur Grabung in Haus P 47,2. In dem Eckraum des Hauses, an der NO-Ecke (…) liegt eine in 5 Stücke zerschlagene lebensgroße farbige Königsbüste, nicht ganz vollständig. Gesicht leider recht ramponiert. Erhalten sind: Brust, Stück des Armes, Hals, Gesicht u. Perücke“.  
Dieser Eintrag vom 6. Dezember 1912 findet sich im Grabungstagebuch des Berliner Archäologen Ludwig Borchardt. Später wird sich herausstellen, dass die Büste Echnaton zeigt, jenen Pharao, der etwa von 1352 bis 1336 v. Chr. regierte. Seinen ursprünglichen Namen – Amenophis IV. – hatte er bald abgelegt, um sich ganz einem neuen Kult zu verschreiben: Denn „Echnaton“ bedeutet „wirkend für Aton“, für den Sonnengott.

Tatsächlich etablierte Echnaton nach zwei Jahren auf dem Thron eine vollständig andere Ausrichtung seines Reiches, gründete dazu eine neue Residenzstadt, die ihren tieferen Sinn auch nicht verhehlt: Achet-Aton. Sie lag am Ostufer des Nils in Mittelägypten, jeweils rund 400 Kilometer entfernt von den vorherigen Machtzentren Theben und Memphis. Nach ihrem heutigen Namen Tell el-Amarna wurde eine ganze Epoche benannt, deren Zeugnisse zu den Kronjuwelen des Berliner Ägyptischen Museums zählen: Nofretete war die Angetraute Echnatons.
Sinnreich fällt nun ein orangerotes, illuminiertes Sonnensegel in den Eingangssaal der Jubiläumsausstellung „Im Licht von Amarna“ und lässt die kostbaren Exponate wie von der Sonne angestrahlt erscheinen. Der Lichtkeil trifft exakt auf eine der 14 Grenzstelen – riesige Texttafeln, mit denen Echnaton die Konturen seiner neuen Gottesstadt markierte. „In ungeheurer Detailversessenheit fixierte der Herrscher hierauf, warum er diese Stadt gegründet hat, was auf diesem Areal erbaut werden wird und wie die Anlagen des Königsgrabes, des Tempels und der Werkstätten beschaffen sein sollen“, erläutert Friederike Seyfried, die Direktorin des Ägyptischen Museums.

Warum eine spezielle Amarna-Ausstellung im Neuen Museum, wo doch dort die Amarna-Säle samt Nofretete längst das Herzstück sind? „Ich habe immer betont, dass die Installation auf der Amarna-Plattform einschließlich der Nofretete-Präsentation im Nordkuppelsaal perfekt ist“, sagt Friederike Seyfried. „Gleichviel: Zum einen ist die aktuelle Schau natürlich der 100. Wiederkehr des Grabungsfundes geschuldet. Aber wir wollten überdies endlich einmal die vollständigen Schätze zeigen, die Borchardt und sein Team bei der Grabungskampagne 1912/13 nach Berlin transferiert hatten.“
Den Besuchern soll endlich der Kontext der Amarna-Zeit vermittelt werden: Wie sah die dem Sonnengott geweihte Stadt aus, in der rund 30?000 Menschen lebten? Wie lebten die verschiedenen Schichten der Bevölkerung, zu der neben der Herrscherfamilie die Beamten und die Arbeiter gehörten?

Schrittweise erschließen sich dem Publikum „Wohnwelten“, „Glaubenswelten“ und „Handwerkerwelten“. Zahlreiche Exponate haben seit 1913 noch nie das Museumsdepot verlassen und wurden nun eigens für die Schau restauriert, wie etwa kolossale Vorratskrüge mit himmelblauen Friesen. Halb scheckig scheint sich eine türkisfarbene Fayence zu lachen, welche Thoeris vorstellt, die als Schutzgöttin der Schwangeren galt: ein Mischwesen im Nilpferd-Korpus mit Löwenkopf, Krokodilschwanz und eigentümlichen Hängebrüsten. Statuenfragmente, Materialproben und Werkzeuge künden vom Alltag der Wüstenmetropole, deren Dasein nur 15 Jahre währte.
Besonders freut sich Friederike Seyfried über die Wiederauferstehung des arg ramponierten Echnaton, den Borchardt kurz vor der Nofretete-Büste aus dem Schutt barg. Noch vor Ort fügte man damals die fünf Trümmerteile wieder zusammen. Doch dann setzte der Zweite Weltkrieg der Skulptur zu. Zu beklagen war der Verlust der Kinn- und Mundpartie. Mit Hilfe einer Computertomographie musste eine entschiedene Instabilität des Kopfes diagnostiziert werden. „Wir haben dann etliche bestehende Lücken gefüllt“, erzählt die Hausherrin. „Auf keinen Fall aber wollten wir zu viel eingreifen! Der Zerstörungsprozess und damit die Geschichte des Objekts sollte ablesbar bleiben.“ Auf der Basis der exzellenten Fund-Fotos von 1913 bildete der Restaurator den Mund nach, doch diese Prothese kann eingesetzt und wieder herausgenommen werden.
Anhand eines Modells gewinnt man eine Vorstellung von den drei Bildhauerwerkstätten, in deren Überresten das Berliner Grabungsteam vor 100 Jahren ihre spektakulären Trophäen ausgrub. Eine von ihnen gehörte mutmaßlich dem genialen Thutmosis. Ganz nah rückt das Grabungsglück des Jahres 1912 an den Betrachter heran, wenn er auf Seite 43 in Borchardts Tagebuch liest: „Lebensgroße bemalte Büste der Königin, 47 cm hoch. (…) Arbeit ganz hervorragend. Beschreiben nützt nichts, ansehen.“

Immer wieder wurden Zweifel laut, ob die Deutsche Orient-Gesellschaft rechtmäßig in den Besitz der Nofretete gelangt war, schließlich war Borchardt als ein gewiefter Fuchs bekannt, der wusste, dass bei der Fundteilung acht Wochen später der maßgebliche Inspektor des ägyptischen Antikendienstes, Gustave Lefebvre, Inschriften und Texte höher wertschätzen würde als eine schriftlose Kalksteinbüste. Bizarre Phanta­sien wurden vom Zaun gebrochen, wie etwa die bis in unsere Tage bemühte vorsätzliche Verschmutzung der makellosen Büste, um ihre Bedeutung zu minimieren. Doch solchen Unterstellungen tritt Seyfried überzeugend entgegen, indem sie die offiziellen, am 23. Dezember 1912 angefertigten Dokumentationsfotos der Nofretete zum Beleg anführt. Unübersehbar ist auf den Glasplattenaufnahmen die hohe Qualität der Büste.
Nachdem Borchardt vor hundert Jahren über drei Stunden lang gewissenhaft seine Grabungsfunde protokolliert hatte, konnte er wohlig-erschöpft nicht länger seine Euphorie unterdrücken: „12h 40 zu Bett nach diesem Duseltage.“ 

Text: Martina Jammers
Fotos: Sandra_Steiß/StaatlicheMuseenzuBerlin/Ägyptisches_Museum und Papyrussammlung, Privatdozent Dr. Alexander Huppertz/ Charitй – Universitätsmedizin Berlin und Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete
Neues Museum, Bodestraße 1–3, Mitte,
Fr-Mi 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr,
7.12.–13.4.2013

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