Ausstellungen

Ausstellung „Macht zeigen“ im Deutschen Historischen Museum Berlin

Klaus_Wowereit_vor_KunstwerkFür eine Ausstellung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Funktion der Kunst in der Re­prä­sentation von politischer und ökonomischer Macht aufzuzeigen, ist der ehemalige Bun­deskanzler Gerhard Schröder als Studienobjekt eine sinnfällige Wahl. Kaum eine andere Person des öffentlichen Lebens hat den Aufstieg der zeitgenössischen Kunst zum allseits anerkannten Statussymbol hierzulande so pro­minent vorgeführt wie dieser Politiker mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung. Indem er sich als „Kanzler der Künstler“ inszenierte, reihte sich Schröder ein in eine lange Reihe von Königen, Päpsten und reichen Kaufleuten, die die Kunst für ihre Zwecke zu nutzen verstanden. Erzherzog Leopold Wilhelm etwa demonstrierte seine Macht und Kennerschaft, indem er wie­derholt seine Kunstsammlung malen ließ, andere Fürsten sahen im Künstler eine Identifikationsfigur, in dessen Genialität sich das Gottesgnadentum ihrer Herrschaft spiegeln ließ. Nicht wenige Könige versuchten sich selbst als Dilettanten, um ihren Herrschaftsanspruch durch die Demonstration einer universalen Begabung zu untermauern.

Der Vorgeschichte der heik­len Allianzen zwischen Kunst und Macht widmet sich nur ein kleiner Teil der Ausstellung „Macht zeigen – Kunst als Herrschaftsstrategie“ im Deutschen Historischen Museum, die ihren Schwerpunkt in den letzten Jahrzehnten und in der Gegenwart setzt. Der Parcours beginnt mit einem Rück­blick, der zu einem Parforceritt durch die Geschichte gerät. Im ersten Raum werden nicht nur die frühen Machtinszenierungen absolutistischer Herrscher abgehandelt, sondern darüber hinaus Kunst und Macht im Nationalsozialis­mus, in Ost- und Westdeutschland zur Zeit des Kalten Kriegs und unter den deutschen Kanzlern von Konrad Adenauer bis Angela Merkel (!). Hier ächzt die Schau unter der Vielzahl der angerissenen Fragestellungen. Rührend im Vergleich zu Schröders Kraftmeierei nehmen sich in diesem Abschnitt aber die Kapitel zu Konrad Adenauer und Ludwig Erhard aus. Kunstliebhaber Adenauer etwa war als erster Kanzler der Bundesrepublik peinlich darauf bedacht, jede politische Instrumentalisierung der Kunst zu vermeiden – was ihn nicht davon abhielt, sich dabei ablichten zu lassen, wie er mit Oskar Kokoschka ein Glas Whiskey auf Ex kippte, um den Abschluss der gemeinsamen Porträtsitzungen zu begießen. Programmatisch hingegen war Ludwig Erhards Bekenntnis zu einer architektonischen Moderne. Den Kanzler des Wirtschaftswunders verband eine Freundschaft mit dem Architekten Sep Ruf, der für ihn einen transparenten Bungalow entwarf. Als „Architektur auf Zehenspitzen“ stand dieser halb im Park versteckte Bau symbolisch für den zurückhaltenden Repräsenta­tions­stil der jungen Bonner Republik.

Mit diesen Bildern im Hinterkopf betritt man den Gerhard Schröder gewidmeten Raum und ist gleich noch einmal so unangenehm berührt vom Habitus eines fast absolutistisch auftrumpfenden Kanzlers der Berliner Republik, der seine Nähe zu Künstlern wie Georg Baselitz, Jörg Immendorf und Markus Lüpertz penetrant inszenierte. Als eines der Schlüsselstücke der Ausstellung dient das Bild des stürzenden Adlers von Georg Baselitz („Fingermalerei III – Adler“, 1972), das Schröder für sein Büro im Kanzleramt auswählte. Der Ausstellungstext scheint Schröder fast auf den Leim zu gehen, wenn er betont, dass der Kanzler auf diese Weise seinen „Witz und Mut zur Provokation“ unter Beweis stellen wollte – und es gleichzeitig versäumt, auf den Subtext dieser Selbstinszenierung hinzuweisen. Die Selbstvergewisserung Schröders erfolgt nicht etwa über das scheinbar ironische Motiv eines auf den Kopf gestellten Staatssymbols, sondern über die ebenso virile wie expressive Geste der kraftvollen „Fingerfarben“-Malerei eines prominen­ten Künstlers. Die Ausstellung bleibt hier hinter dem Essay des Ausstellungskurators Wolfgang Ullrich zurück, der im Katalog diese analytische Dimension ins Spiel bringt.
Die unzähligen groß aufgezogenen Fotoreproduktionen, die den Rest der Schau in ermüdender Weise bestimmen, sind fast alle vom selben Typus. Sie zeigen diverse Anzugträger aus der Politik und den Vorstandsetagen von Banken und Großkonzernen, die in ihren Büros vor meist großformatigen Bildern stehen.

Mit Ausnahme von Guido Westerwelle (Foto 3), der sich eher auf Norbert Bisky und die Neue Leipziger Schule zu kaprizieren scheint, dominiert dabei in den Reihen der Politiker die neoexpressive Malerei, während die Herren aus den Vorstandsetagen einer kühlen Abstraktion im Hintergrund den Vorzug zu geben scheinen. Neben dieser eher banalen Erkenntnis belegt die Übermacht dieser Bildkonvention vor allem eines; dass der Regelbruch der Kunst im Rü­cken des Mächtigen letztlich die Bezeugung seiner Stärke ist, das Störrische und Widerständige darin nicht nur zu dulden, sondern zu umarmen – eine Geste, die den Mächtigen nobilitieren mag, aber nicht selten den Todeskuss für die Kunst bedeutet, die auf diese Weise vereinnahmt wird.
Die Rolle der Künstler bleibt in diesem Zusammenhang eher diffus, während die Ausstellung ihr Thema auf der anderen Seite des Spektrums, vermutlich aus Sorge um mangelnde Anschaulichkeit, zu stark personalisiert und damit all den Politikern, Bankern und Unternehmern ein weiteres Mal jene erhöhte Aufmerksamkeit gewährt, die sie mit ihrer inszenierten Kunstnähe anstreben.
Die wirklich entscheidenden Verbindungen zwischen Kunst und Macht – oder eher Kunst und Kapital – sind ohnehin ins Virtuelle abgewandert, wo sie längst nicht so offensichtlich werden wie die immerhin schön eindeutigen Inszenierungen der Reichen und Mächtigen vor ihren Bildern. Wie weit die Kunstsinnigkeit der Banken im Ernstfall reicht, zeigen jüngste Entwicklungen. Vor kaum einem Monat ließ die Commerzbank nach ihrer Übernahme der Dresdner Bank eine Skulptur von Giacometti aus der ebenfalls übernommenen Kunstsammlung als Reaktion auf die Krise für eine Rekordsumme versteigern. Und auch andere Banken stoßen wieder verstärkt Kunstwerke aus ihren Sammlungen ab. Geredet wird darüber allerdings weniger.

Text: Jutta v. Zitzewitz

Fotos
: Marco Urban, Wolfgang-von-Brauchitsch-Photoagentur, Dieter Bauer/Focus Magazin, Norbert Bisky, VG Bild-Kunst Bonn 2010

Macht zeigen – Kunst als Herrschaftsstrategie
im Deutschen Historischen Museum, Ausstellungshalle von I.M. Pei, Hinter dem Gießhaus 3, Mitte,
tgl. 10-18 Uhr, bis 13.6.

 

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