Ausstellungen

Ausstellung: und jetzt. Künstlerinnen aus der DDR

Und_jetzt_ElseGabrielWarum war Kunst von Frauen in der DDR so wenig sichtbar? Wie haben sich Künstlerinnen nach dem Mauerfall entwickelt? So lauten zwei Kernfragen des Kurato­rin­nenduos Beatrice E. Stammer und Angelika Richter des en­ga­gier­­ten Ausstellungsprojekts: „und jetzt.“ Die eine stammt aus West- berlin, die andere aus Dresden. Stammer wuchs in den 50er Jahren auf und war Teil der Feminis­mus-Bewegung der 70er Jahre, Richters Jugend prägte der Sozia­lis­mus der 70er Jahre. Die unterschiedlichen Lebensentwürfe boten den Ausstellungs- Macherinnen Reibungsfläche und flossen in die Konzipierung der Schau ein. „und jetzt.“ zeigt Arbeiten von zwölf bekannten und unbekannten Künstlerinnen aus einem Cross­over von bildender Kunst, Literatur, Fotografie, Musik, Tanz, Film und Mode. Die ausgestellten Künst­lerinnen wehrten sich gegen die offizielle Kunstdoktrin und gehörten einer brodelnden Untergrundkunstszene an. Sie wagten, so die Kuratorinnen, „den Maulkorb aus ideologisch aufgeladenen Bildformeln und Schönmalerei der Universitäten abzulegen und eigene Fragen zu stellen“. „und jetzt.“ setzt eine inhaltliche Klammer. Die Ausstellung verknüpft die, wie man in der DDR gesagt hätte, „sozialistischen Produktionsbedingungen“ der Künstlerinnen seit Mitte der 70er Jahre mit der künstlerischen Weiterentwicklung der 90er Jahre und einer aktuellen Bestandsaufnahme.
„Man könnte den Satz weiterspinnen: ,und jetzt.‘ geht es voran“, erläutert Stammer die Wahl des Ausstellungstitels. Denn ein wichtiges Ziel ist die kunstgeschichtliche Anerkennung ambitionierter, aber noch unbekannter Positionen.

Und_jetzt_CorneliaSchleime_SelbstinszenierungAtelier DDR
Ein Teil der Ausstellung dokumen­tiert die Produktionsbedingungen der Künstlerinnen, die überschattet waren von einer rigiden Kulturpolitik, durch Bespitzelung, Be­rufsverbot und Ausbürgerung. Wer nicht im Künstlerverband auf­genommen wurde und zur offiziellen Kunstszene gehörte, durfte nicht ausstellen, im Grunde noch nicht mal arbeiten und trug den Stempel des asozialen kriminellen Subjekts. Die Arbeit „Horizontebilder“ der heute deutschlandweit bekannten Malerin Cornelia Schleime bezeichneten die Funktionäre schlicht als „Müllkunst“. Schleimes frühe Bilder erinnern an die kindlichen Strich- und Kratzmalereien Cy Twomblys: Auch sie war auf der Suche nach Ausdrucksformen, die ihr Lebensgefühl spiegelten. 1981 erhielt sie ein Ausstellungs- und Auftrittsverbot – aus Protest wanderte sie mit einer Gasmaske auf dem Kopf durch die Straßen Berlins – und reiste zwei Jahre darauf in die BRD aus. Nach der Wende verarbeite Schleime ihre bücherdicke Stasi-Akte zu hei­ter-ironischer Kunst in der Fotocollage „Bis auf weitere gute Zusammenarbeit“ (1993). Anfang der 80er Jahre entstand eine subversive Berliner Untergrundszene, die das Ende der DDR ankündigte und den Stil der Künstlerinnen prägte: mit wilden Musik-Happenings, experimentellen Filmveranstaltungen, Modeschauen, Theater-Performances, Film- und Literaturaktionen.

Poetisch und sezierend
Subkultur, politisches System und vorherrschende Geschlechterhie­rar­chien beeinflussten den Stil der Künstlerinnen, die sich in den 80er Jahren in keine vorgefertigten Korsette oder Kunstgattungen mehr pressen ließen. Stammer erklärt das vielseitige Repertoire ostdeutscher Künstlerinnen am Beispiel von Cornelia Schleime: „Schleime sang neben ihrer Malerei in der Punkrock­gruppe Zwitschermaschine. Sie dichtete, schrieb, stellte Keramik und grafische Drucke her und organisierte Aktionen.“ Einige entwickelten eine neuartige Bild- und Formensprache. Oft zogen die kämpferischen Künstlerinnen mit dem eigenen Körper als Material ins Gefecht. Die Tänzerin Fine Kwiatkowski etwa arbeitete mit radikalem Körpereinsatz. „Sie tanzt gekrümmt, schleichend, sich metamorphorisch in zahllose, verwinkelte Wesen verwandelnd“, beschrieb ein Zuschauer damals ihren Stil. Die Fotografin Gundula Schulze-Eldowy prägte eine neue Bildauffassung. Ästhetik und Wahrheit mischen sich in den sozialkritischen Milieu-Aufnahmen „Ber­lin in einer Hundenacht“. Schulze-Eldowy fand Bilder, die schonungslos Berliner Weltkriegswunden bloßlegten.

Malweiber aus dem Osten
Als „Malweiber“ wurden unerschrockene Künstlerinnen um 1900 bezeichnet. Um ihre Kunst zu machen, mussten sie große Hindernisse überwinden, denn eine professionelle Ausbildung war gesellschaftlich inakzeptabel und in den Augen der männlichen Kollegen lachhaft. Viele wurden vergessen – Ausnahmen waren Paula Modersohn-Becker oder Käthe Kollwitz. Auch ostdeutsche Frauen standen ungeachtet ihrer künstlerischen Leistungen nach der Wende meist im Abseits, während einige Vertreter der männlichen Aktions- und Performance-Kunst heute wohlbekannt sind. Das wollen die Kuratorinnen ändern und untersuchen die Frage: Welche kunstgeschichtlich relevante Bedeutung haben die DDR-Künstlerinnen eigentlich? „Leider scherte sich in den 90ern niemand um die Produktion weiblicher Künstlerinnen“, sagt Stammer, die das aus eigener Erfahrung weiß. Heute ist Stammer vor allem eines wichtig: „Die Künstlerinnen dürfen nicht in den Schubladen des Vergessens verschwinden.“ Etwa das Werk der über 70-jährigen Malerin, Bildhauerin und Kon­zept­künstlerin Erika Stürmer-Alex. Sie ist in der Öffentlichkeit unbekannt, gilt aber in ostdeutschen Insiderkreisen als Institution. Nach einem Berufsverbot baute die Künstlerin im Oderbruch den Kunsthof Lietzen auf, wo sie auf eigene Initiative eine ganze Generation von Künstlerinnen förderte und ausbildete. „Es macht mich wütend, dass ihre Position in der offiziellen Kunstgeschichtsschreibung keine Rolle spielt“, erklärt Stammer. „Stürmer-Alex bezeichnet sich selbst als regionale Künstlerin. Als Mann hätte sie längst auf der internationalen Bühne Erfolg“, glaubt die Kuratorin.

Und_jetzt_CorneliaSchleime_Exorzistin_2002Macho-Club DDR
Ihre Kollegin Richter geht noch weiter: „Die subkulturelle Szene war ein Macho-Club.“ So zeigt die Schau auch Werke mit explizit weiblichem Blick, wie die im expressionistischen Gestus gezeichneten Frauenporträts der Malerin und Zeichnerin Angela Hampel, die in ihren Bildern Frauen mit Raubtierdarstellungen kombiniert. Einen besonderen Platz widmen die Kuratorinnen dem Werk der verstorbenen Malerin Annemirl Bauer. „Ich spreche über das Weibliche, weil ich in einer männlichen Welt lebe“, sagte die Künstlerin einmal über ihr Werk. Sie hinterließ ein vielfältiges Њuvre von über 16.000 Arbeiten aus 20 Jahren künstlerischen Schaffens. Bauer thematisierte das gängige Frauenbild und staatliche Gewalt. Sie litt unter gnadenloser politischer Verfolgung. „Künstlerinnen aus der DDR erlebten aus den eigenen Reihen Beschimpfungen, Verachtung und Respektlosigkeit und sind trotzdem aufgestanden und haben für ihre Kunst gekämpft“, sagt Stammer voller Hochachtung.

Erbe aus dem Osten
Die Ausstellung „und jetzt.“ verspricht spannende Einblicke in die Vergangenheit und zeigt, wie die Künstlerinnen aus dem Osten ihre Kunst weiterentwickelt haben – auch durch erstmals veröffentlichtes dokumentarisches Bild- und Textmaterial. „Wir sind zufrieden mit der Schau“, sagt Stammer, „hätten aber sehr gerne noch mindestens zehn weitere Künstlerinnen ausgestellt.“ Eines ist sicher, das Erbe der Künstlerinnen aus dem Osten würde das hergeben.


Text
: Laila Niklaus

Bilder
: ElseGabriel: Herz-Horn-Haut-Schrein, 1980er, Performance
CorneliaSchleime: Exorzistin, 2002, Copyright:Bernd Borchardt CorneliaSchleime: Selbstinszenierung, 1981, Copyright: Cornelia Schleime, Bernd Hiepe

und jetzt. Künstlerinnen aus der DDR
im Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg,
bis So 20.12.2009

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