Kunst

Aktuelle Ausstellungen in Berlin: Was sich lohnt, was neu ist und endet

Die wichtigsten neuen Ausstellungen: Berlins Kunstwelt ist immer in Bewegung. Was es Neues gibt, was sich weiter lohnt und wo ihr noch unbedingt hin müsst, bevor es zu spät ist, lest ihr hier. Claudia Wahjudi und Ina Hildebrandt geben Tipps für Kunst, die besten aktuellen Ausstellungen in Berlin und letzte Chancen.


Neu: C/O Berlin

William Eggleston, Untitled, c. 1970-1973. Foto: © Eggleston Artistic Trust . Courtesy Eggleston Artistic Trust and David Zwirner

 Mit gleich drei spannenden Ausstellungen startet das C/O Berlin ins neue Jahr: William Eggleston, Pionier der Farbfotografie, wird mit der großen Retrospektive „William Eggleston . Mystery of the Ordinary“ geehrt. Zu sehen sind neben den berühmten Serien über das US-amerikanische Alltagsleben auch Aufnahmen von seinen Streifzügen durch West-Berlin. Parallel dazu lässt die im  sowjetischen Moskau geborene und in den USA lebende Fotografin Anastasia Samoylova in „Floridas“ den American Dream zwischen Palmen und Artensterben alt aussehen. Auch die polnische Fotografin Karolina Wojtas nimmt in „Abzgram“ eine bizarr anmutende Realität in den Fokus. Mit ihren Fotos von Schulkindern gewann sie den hauseigenen „Talent Award 2022“ und verwandelt den Ausstellungsraum in ein kurioses Klassenzimmer.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, Eröffnung: Fr 27.1., 20 Uhr, 28.1.–4.5.

Neu: Wim Wenders x Edward Hopper

Wim Wenders »Fire Chief«, Butte/Montana 2019. Foto: © Wenders Images, Courtesy Galerie Bastian

Dass Regisseur Wim Wenders eine Liebe zu Künstler:kolleg:innen aus anderen Sparten hat, bezeugen Filme wie „PINA“ (2011) über Tanzlegende Pina Bausch und „Das Salz der Erde“ (2014), gewidmet dem Fotografen Sebastião Salgado. Mit dem Film „Two or Three Things I Know about Edward Hopper“ (2020) blickt er nun auf einen ikonischen Maler des 20. Jahrhunderts. Hopper gilt als Vertreter des Amerikanischen Realismus und sein Werk hat laut Wenders großen Einfluss auf seine eigenen Arbeiten gehabt.

  • Galerie Bastian Taylorstr. 1, Dahlem, Mi–Sa 11–17 Uhr, bis 4.3.

Neu: Nan Goldin

Frauen auf betten, fotografiert von nan Goldin. Foto: Courtesy of the artist and Marian Goodman Gallery © Nan Goldin

Der Ausstellungsraum ist ganz dunkel, nur die Fotografien von Nan Goldin strahlen von den Wänden als wären sie Dias auf Leuchtkästen. Eine Inszenierung, die die Magie ihrer Aufnahmen besonders schön hervorbringt. Goldin kann Realität und Poesie, Blöße und Schutz, das bedingungslose Ausgeliefertsein und das Recht auf Respekt in ihren Fotografien kurzschließen wie sonst (fast) niemand. Insofern ist es ein großes Glück, dass der Käthe-Kollwitz-Preis 2022 Nan Goldins Arbeiten in die AdK bringt. Aus Berlin, wo sie vier Jahre lebte, sind nicht viele Motive dabei. Goldin hat die Ausstellung selber mitkuratiert, an der es nur eines auszusetzen gibt: Man hätte gerne noch viel mehr gesehen.

  • Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Tiergarten, Di–Fr 14–19 Uhr, Sa+So 11–19 Uhr, 9/ 6 €, bis 18 J., Di + 1. So im Monat frei, bis 19.3.

Neu: Driven by Dreams. 75 Jahre Porsche Sportwagen

Schon im Eingang begrüßt einen der Porsche Vision 357, eine neue Studie von Porsche. Er soll die zukünftige Designphilosophie zeigen und wird deshalb auch in dieser Form nicht Serienmodell erscheinen. Foto: Emilia Lafleur

Wer Unter den Linden spaziert, sieht derzeit zahlreiche Autos nicht nur auf der Straße, sondern auch im DRIVE. Volkswagen Group Forum. Dort wird ein Jubiläum gefeiert: „Driven by Dreams. 75 Jahre Porsche Sportwagen“ heißt die kostenlose Sonderausstellung. In der weitläufigen Halle stehen zahlreiche Autos, die aus nächster Nähe betrachtet werden können. Das Highlight der Ausstellung: der erste unter dem Namen Porsche gebaute Sportwagen, der Porsche 356 Nr. 1 Roadster. Ein Unikat, das sonst nicht in Berlin zu sehen ist. Neben dem Blick in die Vergangenheit wird hier auch eine der neuen Studien gezeigt, der Porsche Vision 357 – eine Hommage an den 356. In der Ausstellung darf man aber nicht nur gucken, sondern (manche Sachen) sogar anfassen. Porschefans können sich in eine nachgeahmte Fahrerkabine setzen oder sich selbst hinter das Steuer klemmen, und ein Simulationsrennen an Bildschirmen bestreiten. Wem die Touch-Displays mit Informationen nicht reichen, der kann sich auch für eine geführte Tour durch die Ausstellung anmelden. Auch das ist kostenfrei.

  •  DRIVE. Volkswagen Group Forum Friedrichstraße 84, Mitte, tägl. 10-19 Uhr, kostenfrei, 030/20 92 13 00, Infos

Neu: Maya Schweizer

Maya Schweizer startet gerade so richtig durch. Die Hap Grieshaber Preisträgerin, zeigt  im Deutschen Künstlerbund drei ihrer fragilen, verrätselten Filme in einer eigens dafür aufgebauten Installation, die das Anschauen in dem lichtdurchfluteten Raum überhaupt erst möglich macht. Dazu eine Stoffarbeit im Fenster, die die Arbeiten ergänzt und den Raum zusätzlich ein wenig abschirmt. Im Mai erhält Schweizer zudem den Dagesh-Kunstpreis 2023 plus eigner Schau im Jüdischen Museum, also fast gegenüber.

  • Projektraum des Deutschen Künstlerbunds Markgrafenstr. 67, Kreuzberg, Di–Fr 14–18 Uhr, bis 6.4.

Neu: Früchte des Zorns. Versuch einer Annäherung: Ukraine

Steve Schepens „Gay Train“, 2015/ Gay Train, 2015. Foto: the artist

Eine Gruppe von Kunstschaffenden, die in der Ukraine geblieben oder ins Ausland geflohen sind, sowie Außenstehende blicken auf koloniale Prozesse, die Selbstfindung der Ukraine und hinterfragen die Rolle der Kunst in diesem Konflikt. Zu sehen sind in dieser eindrücklichen Ausstellung Werke, von Malerei bis Video, unter anderen von Dariia Kuzmych, Sergiy Bratkov und Hito Steyerl. Am 9. Februar findet um 19 Uhr ein Künstlergespräch mit Mykola Ridnyi und Clemens von Wedemeyer statt.

  • Haus am Lützowplatz Lützowplatz 9, Tiergarten, Di–So, 11– 18 Uhr, bis 19.03. 

Neu: Rhapsody in Yellow

Rhapsody in Yellow. Foto: Sebastian Reiser

Mit Hilfe von Archivaufnahmen reflektieren zwei Pianisten in einer musikalischen Lecture-Performance und in Form eines Tischtennismatches die Rolle von klassischer Musik und Sportbei der modernen Mythenbildung – und illustrieren so das Duett aus Zwietracht und Harmonie, was das Verhältnis der USA und Chinas kennzeichnet.

  • Haus der Berliner Festspiele Schaperstr. 24, Wilmersdorf, 19.30 Uhr, Tickets

Ad Minoliti

Ad Minoliti GALATIC GATOTECA, 2022. Foto: Courtesy Peres Projects

Abstrakte Formen, Animé-Augen und niedliche Katzenkissen: Unter dem Titel „GG – galáctica gatoteca“ hat Ad Minoliti in dem White Cube der Peres Projects Galerie einige Spiele-Ecken eingerichtet. Die bunten Installationen aus Bildern, die sich über die Wände weiterziehen, kleinen Figuren in Kitty- oder Bunny-Form und Sitzsäcken hat der argentinische Künstler auch als eine Art Schutzraum inmitten des Berliner Winters eingerichtet. Ein Ort, an dem man auch einfach abhängen kann. Dabei richtet er sich besonders and Queer und Trans-Jugendliche. So unbedarft und freudig die Installationen daherkommen, ist Minolitis Anliegen, der sensible Phase der Jugend ebenso mit Sensibilität zu begegnen. Auch die Farbwahl orientiert sich an Farben argentinischer Aktivisten-Gruppen. Die Arbeiten sind einnehmend, auch wenn sie es schwer haben, in der blendenweißen Sterilität der großzügigen Räume ihre Lebendigkeit über das Ästhetische hinaus zu entfalten. Das dürfte sich im Februar ändern, mit einem geplanten Programm aus verschiedenen Performances von unter anderem Drag-Kings, Dichter:innen und Stand-Up-Comedians.

  • Peres Projects Karl-Marx-Allee 82, Mitte, Mo–Fr 11–18 Uhr, Programm über Instagram, bis 10.2.

Letzte Chance: Thomas Ruff: d.o.pe.

Thomas Ruff d.o.pe.11, 2022. Foto: Thomas Ruff / VG Bild-Kunst, Bonn Courtesy Sprüth Magers

Mit sachlich strengen Porträtaufnahmen, die an Fahndungsfotos erinnerten, wurde er berühmt. Es folgten am Computer bereinigte Architekturaufnahmen, die vom geschäftstüchtigen Uncharme der Bundesrepublik zeugten. Dann arbeitete sich Thomas Ruff in den Himmel und ins All vor, unter anderem mit Hilfe von Aufnahmen der NASA. Inzwischen hat der Düsseldorfer Fotograf vom Sternenstaub zu Motiven gefunden, die er eigenhändig schafft, oder besser: schaffen lässt: digital produzierte fraktale Muster, die er auf Teppiche drucken lässt. Ob das die Synthese aus Computerepoche und dem gobelin-freudigen Mittelalter ist?

  • Galerie Sprüth Magers Oranienburger Str. 18, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 31.1.23

Letzte Chance: How To Brücke-Museum: Ein Blick hinter die Kulissen

Max Kaus: “Liegende Frau mit Katze”, 1921, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum © Max Kaus/VG Bild-Kunst, Bonn / Brücke Museum

Mit einer ganz besonderen Ausstellung feiern Direktorin Lisa Marei Schmidt und ihr Team in Dahlem 55 Jahre Brücke-Museum. „How to Brücke-Museum: Ein Blick hinter die Kulissen“ soll Museumsarbeit verständlich machen. Am Beispiel von Werken aus der Sammlung stellt sie verschiedene Aufgabenfelder vor, von Erwerb über Digitalisierung bis Outreach. An einzelnen Tagen werden Mitarbeitende im großen Saal Fragen beantworten. Beistand leistet eine Arbeit von Christian Jankowski. Der Berliner Künstler bat 2008 die Angestellten des Kunstmuseums Stuttgart, inklusive der damaligen Direktorin Marion Ackermann, die Arbeitsplätze zu tauschen und sich bei den ungewohnten Tätigkeiten filmen zu lassen. Ein herrliches Video, das der Einrichtung Museum mit Witz ihren Nimbus nimmt

  • Brücke-Museum Bussardsteig 9, Dahlem, Mi–Mo 11–17 Uhr, 6/ 4 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, bis 29.1.23

Letzte Chance: Wu-Tsang

Wu Tsang, Of Whales, Installationsansicht, Gropius Bau (2022) Foto: Courtesy: Wu Tsang, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin; Antenna Space, Shanghai; Cabinet, London, Foto: Graysc

Wu Tsang, die 2018 als erste Künstlerin im Gropius Bau einen Artist-in-Residence-Status erhielt, ist für ein Werk bekannt, das sich mit marginalisierten Erzählungen auseinandersetzt, etwa von Geflüchteten auf der Insel Lesbos. Für das Projekt „Of Whales“, das auf der Venedig-Biennale 2022 lief, ließ Wu-Tsang sich von Herman Melvilles Klassiker „Moby Dick“ inspirieren. Die sechsstündige Schleife aus computergenerierten surrealen Meeresbildern ist ein Versuch, die Geschichte aus der Perspektive des berühmtesten Wals der Literatur darzustellen.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mo, Mi–Fr 11–19, Sa–So 10–19 Uhr, Eintritt frei, bis 29.1.

Letzte Chance: Galli

Galli, wer bis drei zählen kann, kann gerettet werden, exhibition view, Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin, 2022 Courtesy the artist and Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin

Körperlose Hände strecken sich aus und hinterlassen blutige Handabdrücke, Gliedmaßen biegen sich auf sich selbst zurück und verschmelzen mit Haushaltsgeräten und Möbeln zu seltsamen anthropomorphen Geschöpfen. In einer Auswahl von Gemälden und Zeichnungen, die zwischen 1984 und 2014 entstanden sind, beschäftigt sich der in Berlin lebende Künstler Galli mit Themen wie Verletzlichkeit, Entstellung, Häuslichkeit und Mythologie.

  • Kraupa-Tuscany-Zeidler Kohlfurter Str. 41/43, Kreuzberg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 28.1.

Letzte Chance: Surrealismus und Magie

Leonora Carrington: “Großmutter Moorheads aromatische Küche”, 1975 Öl auf Leinwand, 79 x 124 cm, The Charles B. Goddard Center for the Visual and Performing Arts, Ardmore, Oklahoma © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Abbildung: The Charles B. Goddard Center for the Visual and Performing Arts, Ardmore, Oklahoma

Die Venedig-Biennale findet ein Echo auch im Museum Barberini Potsdam, das kurzzeitig geschlossen war. Klimaaktivist:innen hatten ein hinter Glas gerahmtes Gemälde von Monet mit Brei überschüttet und sich an die Wand geklebt. In der aktuellen Ausstellung “Surrealismus und Magie. Verzauberte Moderne” geht es um Künstlerinnen, die zum Surrealismus beitrugen. Zum Beispiel die Malerin und Fotografin Jacqueline Lamba, die im Schatten ihres Mannes André Breton stand. Oder die Italienerin Leonor Fini aus Argentinien, die für ihre Frauenbildnisse bekannt ist und künstlerisch skeptische Distanz zu den Pariser Surrealisten hielt. Oder spätere Nachfolgerinnen des Surrealismus wie Leonora Carrington (Abb.).

  • Museum Barberini Humboldtstr. 5–6, Potsdam, Mi–Mo 10–19 Uhr, Mo, Mi–Fr 16/ 10; Sa–So 18/ 10 €, bis 18 J. + ALG II frei, Infos und Tickets hier, bis 29.1.

Letzte Chance: Haroon Mirza

Installation view | For a Dyson Sphere (2022), Lisson Gallery, New York City. Foto: Lisson Gallery

Natur, Technik, Menschen und das Universum. Wie interagiert das alles miteinander? Diese Frage beschäftigt den britisch-pakistanischen Künstler Haroon Mirza, der mit mehreren Installationen den neuen Berliner Standort der Münchener Galerie Max Goelitz eröffnet. Für seine Kunst arbeitet Mirza mit dem Medium Elektrizität, um skulpturale Installationen und Audiokompositionen zu schaffen. In ihnen verbinden sich Licht, Klang und Photovoltaik-Paneele zu einem audiovisuellen Erlebnis. Zugleich erprobt er phantastische Möglichkeiten der Energiegewinnung.

  • Max Goelitz Rudi-Dutschke-Str. 26, Kreuzberg, Do–Sa 13–18 Uhr, bis 28.1.

Letzte Chance: Alliierte in Berlin – das Architekturerbe

Neubau der 1960er-Jahre vom Bundesbauamt Nord im Auftrag der Französischen Militärregierung. Foto: Mila Hacke

Das L’Aiglon ist ein schön geschwungener 1950er-Jahre-Bau mit einer weiten Glasfront. Es zählt zu den vielen Gebäuden, die die Alliierten in Berlin hinterließen und die die Berliner Architekturfotografin Mila Hacke nun für die Nachwelt festgehalten hat. Die Ausstellung „Alliierte in Berlin – das Architekturerbe“ im Militärhistorischen Museum am Flugplatz Gatow zeigt mehr als 70 von Hackes Fotos, die von der Zeit zeugen, als Berlin geteilt war. Die Fotografin, Architektin und Kuratorin Hacke möchte Aufmerksamkeit für diesen Teil der Berliner Geschichte schaffen. Für sie steht weniger die Politik als die Kulturgeschichte im Vordergrund.

  • Militärhistorisches Museum am Flugplatz Gatow Am Flugplatz Gatow 33, Gatow, Di–So 10–18 Uhr, Eintritt frei, bis 31.1.23

Distant Belongings

Nilpferdjagd, Sebastian Maas. Foto: Sebastian Maas/68projects

Man muss schon etwas lachen, zumindest schmunzeln, wenn man die Gemälde von Sebastian Maas betrachtet. Es sind knallbunte, großformatige Bilder, in denen Maas Jagdszenen des Barock-Malers Peter Paul Rubens zitiert. Eigentlich dramatische, agressive Szenen, die durch die dilettantische Ausführung einiger Figuren ad absurdum geführt werden. Lächerlich erscheint der Mensch plötzlich in seiner Gewaltlust, schwachsinnig, was er Mensch und Tier antut. Still und geheimnisvoll dagegen sind die ebenfalls ausgestellten Skulpturen von Agnes Lammert, in denen etwas eingepackt oder umwickelt zu sein scheint.

  • 68projects Fasanenstr. 68, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 25.2.

Anna Oppermann

Paradoxe Intentionen (Einzelleinwand aus dem Ensemble Paradoxe Intentionen)
1988/1990. Foto: Estate Anna Oppermann und Galerie Barbara Thumm

„Ensembles“, so nannte die Konzeptkünstlerin Anna Oppermann (1940–1993) ihre raumgreifende Installationen aus Fundstücken, Zeichnungen, Fotografien, Objekten und Gemälden. Diese wurden wiederum fotografiert und die Aufnahmen auf große Leinwände mit Foto-Emulsion aufgezogen, von Hand koloriert und in neue Ensembles integriert. In der Schau ist eine Auswahl dieser Einzelleinwände zu sehen, deren Sogwirkung man sich nicht entziehen kann.

  • Galerie Barbara Thumm Markgrafenstr. 68, Kreuzberg, Mi–So 12–18 Uhr, bis 4.3.

Martin Kippenberger

Kippenberger oil on canvas 160 x 133 cm.; 63 x 52 1/2 in.

Martin Kippenberger war der erklärte „bad boy“ der deutschen Kunst, in der Punkszene ebenso zuhause wie im eher elitären Kunstbetrieb. In diesem Jahr wäre der 1997 in Wien gestorbene Künstler 70 Jahre alt geworden, was auch die Galerie Max Hetzler zum Anlass für eine Einzelschau nimmt. Aber ist es in unseren hypermoralischen Zeiten der Wokeness inklusive beinahe allgegenwärtigen Trigger-Warnungen überhaupt noch möglich, das Werk dieses enfant terrible auszustellen? Immerhin hat er in seiner so konzeptionellen wie gleichzeitig fast schon dilettantischen Kunst immer wieder provozierend Witze zum Beispiel über Frauen, Schwarze und Hungernde gemacht. Die Kuratorin Josephine von Humboldt löst dieses Problem, indem sie in der Ausstellung „heute denken – morgen fertig“ Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen von Kippenberger aus den 1980er- und 1990er-Jahren präsentiert, die zu dem vergleichsweise „ARTigen“ Teil seines breitgefächerten Oeuvres zählen.

  • Galerie Max Hetzler Goethestr. 2/3, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 25.2.

Johanna Dumet

Das Richtige gegen Berliner Winterblues: Johanna Dumets knallbunte Gemälde. Foto: Johanna Dumet/ Galerie Mehdi Chouakri

Sie feiert die Tradition und pfeift zugleich darauf: Die Französin Johanna Dumet malt Stillleben, ein klassisches Genre der Kunstgeschichte, ohne Rücksicht auf naturgetreue Formen, Farben und Dimensionen. Damit gilt die in Berlin lebende Autodidaktin als ein Nachwuchsstar der deutschen Kunstszene. Bekannt ist sie für ihre knallbunten Tischszenen, auf denen Meeresfrüchte und Chanel-Handtaschen von einem guten Leben erzählen. Mit ihrer Soloausstellung „Intérieur rose“ zeigt sie neue Arbeiten. Es wird pink!

  • Galerie Mehdi Chouakri Fasanenstr. 61, Charlottenburg, Di–Sa 11-18 Uhr, bis 25.02.

Max Liebermann

Max Liebermann, Blick aus dem Nutzgarten nach Osten auf den Eingang zum Landhaus, Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin. Foto: Oliver Ziebe

Werke wandern. Sie wechseln ihre Besitzer. Mal geschieht dies im Einvernehmen zwischen den Besitzern, mal unter Zwang – gerade als die Nationalsozialisten jüdische Mitbürger enteigneten. Die Liebermann-Villa besitzt eine Sammlung von mehr als 200 Objekten, die meisten stammen von Max Liebermann. Der Berliner Impressionist war jüdischer Herkunft und starb 1935. Da waren die Nazis bereits an der Macht und erschwerten das Leben seiner hinterbliebenen Familie. Die Liebermann-Villa am Wannsee begibt sich mit ihrer Ausstellung „Wenn Bilder sprechen. Provenienzforschung zur Sammlung der Liebermann-Villa“ nun auf Spurensuche und erkundet die Herkunft der Werke und welche Wege sie hinter sich haben, bevor sie in der Sammlung Liebermann-Villa ihren Platz fanden.   

 Autorin: Sabine Schereck

  • Liebermann-Villa am Wannsee Colomierstraße 3, Zehlendorf, Mi-Mo 11-17 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, bis 13.3.23

Tina Modotti

Tina Modotti: Revolution und Leidenschaft Foto: © Tina Modotti, Guitar, cartridge belt and sickle, 1927

Mexiko, Moskau, Spanien, Berlin, die USA… Die Fotografin Tina Modotti hatte viele Stationen in ihrem Leben. Dabei spielen Revolution und Politik eine besondere Rolle. 1896 in Italien in ärmlichen Verhältnissen geboren, verfolgte sie ein besseres Leben, das sie sich in Mexiko erhoffte. Zwischen 1923 und 1930 entstand dort der Großteil ihrer Arbeiten, der die soziale, politische und kulturelle Welt des Landes festhielt. Sie richtete den Blick insbesondere auf die realen Lebensverhältnisse der Mexikaner und die Situationen der Frauen und Kinder. Die Arbeiterbewegung und die internationalen Künstler interessierten sie ebenfalls. Zu ihren Freunden gehörten Frida Kahlo, Lotte Jacobi, Anna Seghers und Pablo Neruda. Ihre Fotografien wurden in internationalen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht.

 Autorin: Sabine Schereck

  • f³ – freiraum für fotografie Waldemarstraße 17, Mitte, Mi–So 13–19 Uhr, 5/ 3 €, bis 5.2.23

Kotti Island

Eine von mehreren Interventionen am Kottbusser Tor. Foto: Kotti Island

Brennpunkt, Melting Pot, Herz von Kreuzberg: Das Kottbusser Tor oder auch einfach „Kotti“ ist berühmt-berüchtig und heissgeliebt. Zwischen Betonklötzen und Altbauten tummeln sich Alteingesessene und Zugezogene, Kriminelle und Drogensüchtige, Szene-Kids und Tourist:innen. Das Projekt „Kotti Island“, initiiert von der DJ Cecilia Tosh, widmet sich dem Kottbusser Tor und Menschen, die hier leben und arbeiten.

Den Ausgangspunkt bilden vor Ort aufgenommene Field Recordings und Interviews, aus denen ein Musikalbum und eine Ausstellung entstanden ist. An vierzehn Stationen setzen sich Künstler:innen und Anwohner:innen bis zum 29. Januar 2023 mit dem Kiez auseinander. In Spätis, Bars, Ladengeschäften und an Häuserwänden, in Passagen, auf Plätzen eröffnen sie in multimedialen Werken verschiedene Perspektiven auf das Leben und das Geschehen hier.

Verschiedene Orte um das Kottbusser Tor, Kreuzberg, Installationen und Programm Fr-So, bis 28.2., Infos und Programm


Majerus im n.b.k.

Michel Majerus michel majerus, 2000 1-Kanal-Videoinstallation (Farbe, Ton), 30’49’’ Loop 25 CRT-Monitore Installationsansicht WHAT’S MY NAME?, Michel Majerus Estate, Berlin (29.04.2016–05.03.2017) Foto: Jens Ziehe, Berlin / © Michel Majerus Estate, 2022 / Courtesy neugerriemschneider, Berlin and Matthew Marks Gallery

Über die Ausstellung des 2002 jung verstorbenen Künstlers Michel Majerus in den Kunst-Werken (KW) gehen die Meinungen auseinander: Begeisterung über die Opulenz der unkonventionellen Präsentation eines malerischen Werks aus den popkulturellen 1990er–Jahren in Berlin kontrastiert mit Skepsis gegenüber der Vereinnahmung eines Künstlers für den Berliner Mythos. Nun hat der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) Gelegenheit, die KW-Schau zu ergänzen, etwa mit Installationen des Künstlers, wie sie 1994 in der Galerie Neugeriemschneider zu sehen waren (Abb.). Die Schau im n.b.k. zählt zu fünf Ausstellungen in Hamburg und Berlin zum 20. Todestag von Majerus.

  • Neuer Berliner Kunstverein Chausseestr. 128/ 129, Mitte, Di–So 12–18, bis 20 Uhr, Eintritt frei, bis 5.2.23

Berührende Formen

Johann Gottfried Schadow, Genius der Natur, Natura, 1813, Bronze, Gips, Wachs, gefasst, Holz, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Foto: Andres Kilger

Anmutig und natürlich hat er die Schwestern Luise und Friederike geschaffen: Damit ging der Bildhauer Johann Gottfried Schadow 1795 neue Wege. König Friedrich Wilhelm III. missfiel die Prinzessinnengruppe. Dennoch schrieb sie Kunstgeschichte. Gipsmodell und Original aus Marmor sind in der Alten Nationalgalerie zu sehen, die umfassend das Werk untersucht.

  • Alte Nationalgalerie Bodestr. 1-3, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, 12/ 6€, bis 18 J. + 1.So/Monat frei, bis 19.2.

Micha Ullmann

Installation im Kirchenraum. Foto: Leo Seidel

Vor zehn Jahren legte Micha Ullmann auf Stufen der St. Matthäus-Kirche Sand aus Israel ab. Nun ist er hier erneut zu Gast: Mit der Ausstellung „Körper“, in der er in verschiedenen Medien die menschliche Gestalt thematisiert, ohne sie abzubilden. Wenn man sich von Gott kein Bild machen soll, Gott den Menschen aber zu seinem Ebenbilde schuf, dann ist das nur konsequent.

  • St. Matthäus-Kirche Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Sa 18 Uhr, Eintritt frei, bis 19.2.23

Isa Genzken

Isa Genzken Architekturcollage, 2001 Collage 28 x 30 cm Foto: VG Bild-Kunst, Bonn/Courtesy of the artist and Jahn und Jahn, Munich

Glamourös und vulgär, verletzlich und stark, niemals berechenbar kommt die Kunst von Isa Genzken daher. Längst zu Ruhm und Ehre gelangt, lässt sich die jung  gebliebene Grand Dame der deutschen Gegenwartskunst nicht festlegen. Skulpturen, Objekte, Assemblagen, Installationen, Architekturen, aber auch Bücher und Videos gehören in ihr Repertoire. Dass die Raumkünstlerin auch eine begnadete Zeichnerin ist, konnte man ahnen. Nun gibt die Galerie Buchholz, die seit 25 Jahren mit der Künstlerin zusammenarbeitet, einen umfangreichen Einblick in das grafische Werk. Eine kleine Sensation. 

  • Galerie Buchholz Fasanenstr. 30, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 18.2.23

Max Liebermann

Max Liebermann: Heinkeherende Schafherde, 1890, Kohle auf Papier. Foto: Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin / Dietmar Katz.

‚Back to the roots’ wäre auch ein passender Titel für die Ausstellung gewesen, in der Max Liebermanns Zeichnungen nun an seiner ehemaligen Heimstätte am Pariser Platz zu sehen sind. Die Skizzen aus Bleistift, Kohle und Pastell besitzen eine Unmittelbarkeit, die dem Betrachtenden das Gefühl geben, ganz nah bei dem Maler zu sein und zu erahnen, was er empfunden haben mag, als er vor der Szene stand.

Das Kupferstichkabinett, gemeinsam mit dem Haus am Pariser Platz, lässt nun erstmalig in seinen Liebermann-Bestand blicken. Er umfasst alle Schaffensphasen und macht seine Entwicklung sichtbar: Vorstudien zu Gemälden, dann Impressionen aus Holland, oft ländliche Szenen, die nicht mehr mit Bleistift, sondern mit schwarzer Kreide festgehalten sind und malerisch werden. Sie sind eigenständige Kunstwerke. Im Gegensatz zu den fein ausgearbeiteten Ölgemälden des 1935 gestorbenen Berliner Impressionisten sind die Bilder hier noch voll Frische und Intimität. Mehr zu Max Liebermanns Spuren in Berlin lest ihr hier.

  • Max-Liebermann-Haus Pariser Platz 7, Mitte, Mi–Mo 11–18 Uhr, 6/ 4 €, bis 18 J. + 1.So/Monat frei, bis 5.3.

Lucia Moholy

Lucia Moholy fotografier von ihrem Eehemann Lazlo Moholy Nagy. Foto Lószló Moholy-Nagy/IMAGO /Artokoloro

Lucia Moholys Fotos waren so gut, dass Walter Gropius ihr die Negative nicht zurückgeben wollte. Sachlich und präzise fotografiert, prägen sie das Bild vom Bauhaus und seinen Bauten bis heute. Weder Entlohnung noch die ihr gebührende Anerkennung hat die Ehefrau von László Moholy-Nagy dafür erhalten, musste sich gar von Gropius einen Teil ihrer Negative vor Gericht erstreiten. Die 1894 geborene Moholy hatte ein bewegtes Leben zwischen künstlerischen Aufbrüchen in Berlin und Dessau, der Flucht vor den Nazis nach London und der Niederlassung im schweizerischen Zollikon, wo sie 1989 verstarb. Dass sie nicht nur einen essentiellen Anteil am Schaffenskosmos ihres Ehemannes hatte, sondern auch eine eigenständige Künstlerinnenpersönlichkeit war, beleuchtet die Ausstellung „Lucia Moholy: Das Bild der Moderne“ anhand von rund 100 Fotos sowie ausgewählte Objekte aus ihrer Zeit in Berlin.

  • Bröhan Museum Schloßstr. 1a, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, 8/ 5€,1. Mi/ Monat frei, bis 22.6.

Roads not Taken

Nächtliche thermonukleare Explosion in Nevada USA, 5. Juli 1957. Foto: National Archives, Washington, D.C. / Public Domain

Der Mauerfall 1989, die Panzer am Checkpoint Charlie 1962, das Wahlergebnis 1932: Das Deutsche Historische Museum geht mit „Roads not Taken“ dem Gedankenexperiment nach, was passiert wäre, wenn sich an 14 Wendepunkten deutscher Geschichte nach 1848 andere Wege ergeben hätten. Diese werden in Bildern inszeniert und realen Ereignissen gegenübergestellt, wie der nuklearen Explosion in Nevada 1957.

  • Deutsches Historisches Museum Hinter dem Gießhaus 3, Mitte, tgl. 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. + 1.So/Monat frei, bis 24.11.23

Gestickte Gärten

Handtuch mit reicher Stickerei aus Seide, Silberfäden und Goldlahn (Detail), Türkei, 18./19. Jahrhundert. Foto: Claus Uhlendorf

Ein Granatapfel, der, auf eine Serviette gestickt, verzückt: Im Osmanischen Reich waren mit Stickereien verzierte Stoffe Kostbarkeiten für Festlichkeiten. Oft dienten sie auch als Teil der Aussteuer. Das Pergamonmuseum zeigt 25 solcher Schätze aus vier Jahrhunderten. Pflanzenmotive waren sehr beliebt, und ab dem 18. Jahrhundert werden europäische und chinesische Einflüsse sichtbar.

  • Pergamonmuseum Bodestr. 1–3, Mitte, Di, Mi, Fr–So 10–18, Do 10–20 Uhr, 12/6 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, bis 16.4.23

Ts’ uu – Zeder. Von Bäumen und Menschen

Ansicht der temporären Ausstellung “Ts’uu – Zeder. Von Bäumen und Menschen” im Humboldt Forum. Foto: © 2020 by Alexander Schippel

Was länger währt, wird womöglich besser: Die Ausstellung „Ts̓  uu – Zeder“ des Ethnologischen Museums konnte pandemiebedingt nicht  mit den Sälen eröffnen, die im Herbst das Humboldt Forum komplettiert haben. Doch nun ist die Schau über Regenwälder an der Westküste Kanadas fertig, eine Koproduktion mit dem hochmodernen Haida Gwaii Museum auf gleichnamigem Archipel vor der Küste British Columbias. Sie zeigt, wie erhellend und publikumsfreundlich transkontinentale und transdisziplinäre Zusammenarbeit sein kann. Nur einen Saal mit 130 Exponaten umfasst die Schau, die genauso Ruhe wie Abwechslung bietet, dank einer Sitzecke und des Einsatzes verschiedener Medien. Selbstverständlich gibt es klassische Objekte wie Wappenpfähle. Daneben aber hängen Reportagefotos und bedruckte T-Shirts. Sie bezeugen Proteste Indigener gegen die Abholzung der Regenwälder durch euro-kanadische Firmen.

  • Humboldt Forum Schlossplatz 1, Mitte, Mi–Mo 10.30–18.30, Eintritt frei, bis auf Weiteres

Broken Music

Ausstellungsansicht Installationshot, “Broken Music Vol. 270 Jahre Schallplatten und Soundarbeiten von Künstler*innen “. Foto: © Thomas Bruns / @thomasbrunsphotography

Die Schallplatte ist Teil der Kunstgeschichte: als Plattencover oder Inspiration für Soundinstallationen. Der Hamburger Bahnhof zeigt beides: in einem Rückblick auf 70 Jahre Schallplatte in Kunst und Musik, angeregt von der Ausstellung „Broken Music. Artists̓  Recordworks“, 1989 kuratiert von Ursula Block vom Plattenladen „gelbe MUSIK“, bis zur Schließung 2014 Berlins erste Adresse für Neue Musik.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Tiergarten Di, Mi, Fr 10–18, Do bis 20, Sa, So 11–18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J. + 1.So/Monat frei, bis 14.5.23

Phantome der Nacht. 100 Jahre Nosferatu

Nosferatu. Foto: Deutsche Kinemathek

Der Stummfilm-Klassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ gilt als einer der einflussreichsten Horrorfilme aller Zeiten, und die Figur des Grafen Orlok diente als Vorbild für unzählige Filmmonster. Weniger bekannt ist allerdings der Einfluss der Kunst der Romantik und des Expressionismus auf die Bildsprache des Films. Anlässlich seines hundertjährigen Jubiläums präsentiert die Sammlung Scharf-Gerstenberg Werke von Künstlern wie Alfred Kubin, Caspar David Friedrich und Franz Sedlacek, deren Motive und phantastische Szenerien die Bildsprache des Films inspirierten. Die Schau beleuchtet auch, wie „Nosferatu” noch heute sein Unwesen in Kunst und Popkultur treibt, und lädt Besucher:innen in Kooperation mit dem DRK am 21.Dezember zum Blutspenden ein.

  • Sammlung Scharf-Gerstenberg Schloßstr. 70, Charlottenburg, Di–Fr 10–18, Sa–So 11–18, 12/ 6 €, bis 23.4.23, Programm und Blutspende-Termine hier

George Grosz reist nach Sowjetrussland

George Grosz, Ameisen, Blatt aus der Mappe „Im Schatten“, 1921, Lithografie, 35,7 x 48,6 cm, Archiv Ralph Jentsch Berlin. Foto: George Grosz © Estate of George Grosz, Princeton, N.J./VG Bild-Kunst, Bonn 2022

1922, als russische Avantgarde-Künstler:innen aus der frisch gegründeten Sowjetunion nach Berlin flohen, reiste George Grosz in die entgegengesetzte Richtung, nach Moskau. Sogar Lenin soll er dort getroffen haben. Im Jahr darauf trat er aus der KPD aus. Die neue Ausstellung im immer noch neuen Grosz-Museum soll beleuchten, ob die Entscheidung des Künstlers eine Folge dieser Reise war, auch anhand von Grosz’ Arbeiten aus jener Zeit wie seiner Lithografie „Ameisen“ aus der Mappe „Im Schatten“ (1921). Zudem konnte das Team, so teilt das Museum mit, noch vor dem Krieg gegen die Ukraine in russischen Archiven forschen.

  • Kleines Grosz Museum Bülowstr. 18, Schöneberg, Do–Mo 11–18 Uhr, 10/ 6 €, nur mit gebuchtem Ticket, bis 30.4.23

Young-Hae Chang Heavy Industries (YHCHI)

YOUNG-HAE CHANG HEAVY INDUSTRIES, PLEASE MISTAKE ME FOR NOBODY, 2017. Foto: YOUNG-HAE CHANG HEAVY INDUSTRIES

Worte sind Bilder, Sprache ist Kunst: Das Seouler Web-Art-Duo Young-Hae Chang Heavy Industries (YHCHI) weiß die Kraft der Buchstaben zu entfesseln. Die Kraft, die in den dystopischen Texten des US-amerikanischen Poeten Marc Voge steckt. Er und die koreanische Künstlerin und Übersetzerin Young-hae Chang schaffen als YHCHI seit Ende der 1990er-Jahre audiovisuelle Adobe-Animationen, in denen die expressiven Zeilen noch mächtiger erscheinen. Musikalische Eigenkompositionen rhythmisieren die Texte, die in über zwanzig Sprachen übersetzt sind. Damit gehört YHCHI zu den Pionier:innen der Kunst im Internet. In der Ausstellung „Please Mistake Me For Nobody“ im n.b.k. sind Arbeiten von 2000 bis 2020 versammelt, die das Thema Paranoia verhandeln. Der Großteil wurde erstmals ins Deutsche übersetzt.

  • Neuer Berliner Kunstverein Chausseestraße 128–129, Mitte, bis 5.2.23

„IBMSWR: I Build My Skin With Rocks“ von Sandra Mujinga

Sandra Mujinga: „I Build My Skin with Rocks“, 2022, Videostill
© Sandra Mujinga. Courtesy die Künstlerin, Croy Nielsen, Wien und The Approach, London

Die Trägerin des Preises der Nationalgalerie 2021, Sandra Mujinga, stellt ab 9. Dezember im
Hamburger Bahnhof aus. Mujinga zeigt ihre neue Videoinstallation „IBMSWR: I Build My Skin With Rocks“. Der Titel bezieht sich auf eine Aussage von Edouard Glissant. Der Autor aus Martinique bezeichnete seine Sprache einmal als aus Felsen gebautFür Sandra Mujinga, in Norwegen aufgewachsen und 1989 in Goma im Osten der heutigen Demokratischen Republik Kongo geboren, ist die Haut, ist der schwarze Körper verbunden mit der schmerzhaften Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels. Die Künstlerin, die in Oslo und Berlin lebt, Mujinga hat 2021 den Preis der Nationalgalerie gewonnen, die Ausstellung ist Teil der Auszeichnung. Mujinga hatte sich mit geisterhaften Skulpturen beworben, sie sie 2022 auch auf der Biennale von Venedig zeigte.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di–Mi/ Fr 10-18, Do bis 20, Sa+So 11–18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J., ALG II und 1. So/ Monat frei, bis 1.5.23

Monica Bonvicini

Die Neue Nationalgalerie während der Ausstellung Monica Bonvicini „I DO YOU.“ Foto: Imago/Jürgen Ritter

Hier treffen zwei Giganten aufeinander: Monica Bonvicini, eine der bedeutendsten Künstler:innen der Gegenwart, und die Neue Nationalgalerie, eine Ikone der modernen Architektur. Nicht nur eine riesige Spiegelwandt mit dem provokativen Spruch, zugleich Ausstellungstitel „I do you“ hat die international renommierte Wahlberlinerin davor gestellt, sondern im Inneren eine zweite Ebene eingezogen, Handschellen für fesselfreudige Besucher:innen angebracht und einen Teppich mit  privaten Aufnahmen von ausgezogenen Hosen ausgelegt. So hart und zart durchbricht Bonvicini die kühl distanzierte, von ihr als chauvinistisch bewertete Architektur der Moderne. Dabei bleibt sie ihrer feministisch-punkigen Attitude treu, ohne jedoch gegen Mies van der Rohes Bau anzukämpfen, sondern selbstbewusst mit neuen und alten Arbeiten zu bespielen.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Di–Mi, Fr–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, 12/ 6 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, bis 30.4.23

Haus des Papiers

Ausstellungsansicht „Waterfalls and Spirits“, 2022. Foto: Haus des Papiers

Mit „Waterfalls and Spirits“ zeigt das Privatmuseum für Kunst aus Papier Werke von Stipendiat:innen der hauseigenen Künstler:innen-Residenz. So schafft Harriett Groß aus Soundaufnahmen von Wasserfällen rätselhafte, reliefartige Bilder. Konzeptuell und ästhetisch überzeugend nutzt Maria Toliver Wasser und Papier als Informationsträger für intime sowie überpersönliche Geschichten. Besonders spannend: Textilien und Keramiken aus recycelter Zellulose aus Abwässern aus dem greenlab der Kunsthochschule Weißensee.

  • Haus des Papiers Seydelstraße 30, Mitte, Fr–So 10–17 Uhr, 8,50/ 6 €

Guilty! Guilty! Guilty!

İpek Duben, LoveGame, 1998–2001. Installation. Foto: İpek Duben / Banu and Hakan Çarmıklı Collection, Istanbul

In „Guilty, Guilty, Guilty!“, („Schuldig, schuldig, schuldig!“), kuratiert von der Kunsthistorikerin Sonja Lau, steht „feministische Kriminologie“ zur Debatte. Hier geht es um Ansätze, die untersuchen, ob und wie bei Strafverfolgung und Prozessen das Geschlecht ins Gewicht fällt. Einige Beiträge der 16 Künstler:innen verhandeln historische Fälle wie jene Raubzüge, die die Millionärsenkelin Patricia Hearst mit ihren Entführern unternommen haben soll. Nicht zuletzt stehen harte Arbeiten im Kunstraum wie İpek Dubens spielbares Roulette zu häuslicher Gewalt (Foto) und Dominique Hurths Installation zu Prozessen gegen Aufseherinnen in Konzentrationslagern. Sie machen die luftig arrangierte Ausstellung zu einem harten Brett. Das zu bohren sich lohnt.

  • Kunstraum Kreuzberg Mariannenplatz 2, Kreuzberg, So–Mi 10–20, Do–Sa bis 22 Uhr, Eintritt frei, bis 19.2.23

Tschechisches Zentrum

Tiefe Flüsse fließen leise: Radek Brousil, „Hey Sorrow Where Are You?“, 2018. Foto: Radek Brousil

Die Tschechische Botschaft und das Tschechische Kulturzentrum sind nicht nur ein architektonisches Highlight: Im ersten Geschoss, dass immer öffentlich zugänglich ist, gibt es im lichten Ausstellungsraum zurzeit eine Ausstellung dreier junger tschechischer Künstler:innen zu sehen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen. In „Tiefe Flüsse fließen leise“ werden Skulpturen, Videoarbeiten und Malerei gezeigt, in denen vom Ökosystem der Pilze über die Visualisierung von Bienenschwarm-Geräuschen bis zu Wasserknappheit durch extensive Landwirtschaft einiges dazu verhandelt wird.

  • Tschechisches Zentrum Wilhelmstr. 44, Eingang Mohrenstr., Di–Sa 14–18 Uhr, bis 18.2.23

125 Jahre Noack

Bleigißerei Noack. Foto:Marina Jerkovic

In der berühmten Bildgießerei Noack ließen unter anderem Wilhelm Lehmbruck, Käthe Kollwitz und Georg Baselitz Skulpturen fertigen und auch die Berlinale-Bären erblicken hier das Licht der Welt. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Geschichte der Skulptur im 20. Jahrhundert in Deutschland ganz eng mit dem Namen Noack verbunden ist. 125 Jahre wird das Familienunternehmen in diesem Jahr alt und feiert ein Geburtstagswochenende mit einer retrospektiv angelegten Jubiläumsausstellung, die Besucher:innen auf eine Reise durch 125 Jahre Firmen- und Kunstgeschichte. Am Samstag ist Ausstellungseröffnung mit Buchpräsentation und anschließender Party im Restaurant Bar Brass.

  • Bildgießerei Noack Am Spreebord 9, Charlottenburg, Mo–Fr 12–17 Uhr, bis 3.2.23

Ruth Wolf-Rehfeldt/ Farkhondeh Shahroudi

Ruth Wolf-Rehfeldt, Gedankengänge (PEACE), 1980er-Jahre, Collage, Papier und Stempel auf Zinkografie. Foto: Sammlung Artothek des Neuen BerlinerKunstvereins (n.b.k.), © Courtesy of the artist and ChertLüdde, Berlin

Louise Bourgeois, Geta Brătescu und Ruth Wolf-Rehfeldt – diese großen Künstler:innen eint der späte Ruhm. Nachdem Wolf-Rehfeldt 2014 auf der Documenta für ihre Schreibmaschinenbilder gefeiert wurde, erhält die 90-Jährige nun den Hannah-Höch-Preis für ihr Lebenswerk. Mit ihr stellt die iranische Künstlerin Farkhondeh Shahroudi aus, Gewinnerin des gleichnamigen Förderpreises.

  • Kupferstichkabinett Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/ So 11–18 Uhr, 6/ 3 €, bis 18 J. frei, bis 5.2.23

Magyar Modern

Lajos Tihanyi, Landschaft mit Brücke, 1909, Historisches Museum Budapest, Kiscelli Museum – Städtische Galerie, © Urheberrechte erloschen, Foto: Ákos Keppel

Die Ausstellung beleuchtet erstmals dem starken Beitrag ungarischer Künstler:innen zur Klassischen Moderne. Dabei liegt der Fokus auf den Jahren 1918 bis 1933 mit Gemälden, Skulpturen, Filmen, Fotografien, Theaterentwürfen und Architekturzeichnungen. Die Werke stammen von insgesamt 48 Künstler:innen wie etwa László Moholy-Nagy, Judit Kárász oder Noémi Ferenczys. Ein Interview zur Ausstellung “Magyar Modern” lest ihr hier.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. +1. So/ Monat frei, bis 6.2.23

Thomas Rentmeister

Thomas Rentmeister – Felder. Foto: Bernd Borchardt

Der Berliner Künstler Thomas Rentmeister verbaut meist weiße Alltagsgegenstände und -materialien zu Plastiken und Installationen. In der Schwartzschen Villa sind das nun Zucker und Spülmaschinensalz. Weil die damit gefüllten und gestalteten Vitrinen zwar interessant sind, aber für eine Fahrt nach Steglitz doch etwas unbefriedrigend, empfiehlt sich auch der Gang nach nebenan ins Gutshaus zu den Bildern der Malerin Maria Lassnig.

  • Schwartzsche Villa Grunewaldstr. 55, Steglitz, Mo–So 10–18 Uhr, Eintritt frei, bis 5.2.23

Abenteuer am Nil

“Die Mitglieder der Expedition auf der Cheops-Pyramide”, Aquarell, Johann Jakob Frey und Max Weidenbach, Oktober 1842,
© Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Noch gehörte Ägypten nicht zum britischen Imperium, als 1842 in Berlin eine Expedition aufbrach, um bis nach Nubien am Obernil zu ziehen. Die Teilnehmer wollten für Preußen dokumentieren und sammeln. Was in diesem Kindergarten der deutschen Ägyptologie zusammengetragen wurde, steckt in mehreren Berliner Sammlungen und wird jetzt im Neuen Museum wieder gemeinsam gezeigt, darunter eine Widderstatue des Gottes Amun.

  • Neues Museum Bodestr. 1-3, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J., ALG II + 1. So/ Monat frei, Tickets hier, bis 7.3.23

Thilo Heinzmann

Ausstellungsansicht Thilo Heinzmann: “playing slowies”, neugerriemschneider, Berlin © neugerriemschneider, Berlin / courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin / photo by Jens Ziehe, Berlin

Er malt, als sei er bestens mit den Gesetzen des Kosmos und des Zufalls vertraut. Chaos und Poesie halten sich in den großen, filigran gesprenkelten Gemälden von Thilo Heinzmann, Kunstprofessor an der Universität der Künste (UdK), die Waage. Der 2018 verstorbene isländische Komponist Jóhann Jóhannsson widmete dem Berliner Maler einmal ein Streichquartett in zwölf zarten Sätzen – die vielleicht mehr über Heinzmanns Bilder sagen als Worte (Jóhannsson: „12 Conversations with Thilo Heinzmann“ – hier anhören)

  • Galerie Neugerriemschneider Pfefferberg Christinenstr. 18–19, Prenzlauer Berg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 18.3.23

Paint It All

Tatjana Doll: “CAR_Crankcase”, 2008-2018 © Tatjana Doll/VG-Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Martin Eberle

Erst kürzlich fand im Künstlerhaus Bethanien ein etwas unentschiedener Versuch statt, einen Überblick über Malerei in Deutschland zu geben. Jetzt kreist das Museum Berlinische Galerie das Genre genauer ein und stellt Malerei in Berlin vor – mit jüngeren Beispielen unter anderem von Christine Streuli, Eberhard Havekost und Tatjana Doll (hier ihr „CAR_Crankcase“, 2008-2018). Einige der Arbeiten werden zum ersten Mal ausgestellt.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, bis 6.2.23

Klasse und Masse

Matrize für eine thronende weibliche Figur mit moderner Ausformung, 480-470 v. Chr., © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / Johannes Kramer

Auf ihnen wurde fast alles festgehalten: Helden und Göttinnen genauso wie der Vorgang des Brotbackens. Das Team des Alten Museums würdigt in einer Sonderausstellung Tonfiguren aus dem antiken Griechenland und damit ein unterschätztes Medium. Support erhalten die Kurator:innen von ihren Kolleg:innen im Neuen Museum nebenan. Dort stellt die in Berlin arbeitende Künstlerin Uli Aigner aus, die in ihrem Leben eine Million weiße Porzellangefäße herstellen will.

  • Altes Museum Am Lustgarten, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J., ALG II + 1. So/ Monat frei, bis 2.7.23

Escribir todos sus nombres

Dora García: “Heartbeat (Mapa)”, 1999, Collage und Acryl auf Papier, 150 × 220 × 4 cm, Papier 148 × 218 cm,
Foto: Archivo Helga de Alvear | Joaquín Cortés / © Dora García

Bis 1975 herrschte der Diktator Franco über Spanien. Doch bereits um 1960 begannen Künstlerinnen, ihren Alltag und das Leben im Land kritisch zu thematisieren. In Gemälden genauso wie Collagen, Makramee-Arbeiten und drastischen Fotografien. Lola Hinojosa vom Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid kuratiert im Palais Populaire die neue Überblicksschau über 60 Jahre Schaffen Künstlerinnen in Spanien: „Schreibt all ihre Namen“, lautet ihr Titel.

  • Palais Populaire Unter den Linden 5, Mitte, Mi–Mo 11–18, Do bis 21 Uhr, bis 27.2.23

Humboldt Forum, Teil II

Ansicht des Ausstellungsbereichs „Ein Rundhaus als Spiegel der Welt. Vom Ursprung und Leben der Dinge in Amazonien” des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum © Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Alexander Schippel

Die erste Teileröffnung des Humboldt Forums 2021 war von Protesten begleitet: Initiativen forderten die Rückgabe in Kolonialzeit geraubter Kunstgegenstände. Seitdem sind einige Restitutionen beschlossen worden (wie die der Benin-Bronzen). Ein Muss zu sehen, wie die Kurator:innen mit Rückgaben und Kritik nun im zweiten, im September 2022 eröffneten Teil umgehen.

  • Humboldt Forum Schloßplatz 1, Mitte, Mo, Mi, Do, So 10–23, Fr/Sa 10–22 Uhr, Dauerausstellungen, Eintritt frei, bis auf Weiteres

Maria Lassnig

Maria Lassnig: “Selbstporträt mit Ordenskette”, 1963, Öl auf Leinwand,
© Maria Lassnig Stiftung / VG Bild-Kunst Bonn 2022

Sie erforschte ihren Körper und setzte das, was sie da fand, Schmerz, Lust, Gerüche, Verdauung, in Farben um, die sie in eigenwillig verzerrten Leibern auf Leinwand brachte. Oder auf Papier, wie jetzt im kommunalen Gutshaus Steglitz zu sehen ist: mit Arbeiten aus der Münchner Sammlung Klewan. Maria Lassnig (1919–2014), die ein Jahr in Berlin lebte, zählt zu den Künstlerinnen, die erst im Alter Weltruhm erlangten.

  • Gutshaus Steglitz Schloßstr. 48, Steglitz, Mo–So 10–18 Uhr, bis 26.2.

Ergün Çağatay

Vokuhila, Baggy und Deutschland hat dich nicht lieb: Die Jugendgang 36 Boys aus Kreuzberg in den 1990er-Jahren. Foto: Ergun Çağatay

Er zählt zu den bekanntesten Fotografen aus Istanbul. Ergun Çağatay (1937–2018) arbeitete für Associated Press, wurde 1983 bei einem Bombenanschlag in Paris schwer verletzt, er bereiste Zentralasien. In Deutschland porträtierte er Eingewanderte aus der Türkei, fuhr mit ihnen in Kohlegruben des Ruhrgebiets, fotografierte sie bei Ford Köln am Fließband und in den Turbulenzen der deutschen Vereinigung 1990. Das Museum Europäischer Kulturen würdigt Çağatay in einer Retrospektive mit mehr als 100 Aufnahmen, einer Medieninstallation sowie einem Magazin mit Beiträgen etwa von der Schriftstellerin Dilek Güngör und der Fotografin Candida Höfer. Mehr zur Ausstellung mit Fotografien von Ergün Çağatay lest ihr hier.

  • Museum Europäischer Kulturen Arnimallee 25, Dahlem, Di–Fr 10–17, Sa/ So 11–18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J., ALG II + 1. So/ Monat frei, Tickets: smb.museum, bis 7.2.

All Hands On: Flechten

Olaf Holzapfel: „Der geflochtene Garten“, 2022 Foto: Jens Ziehe / © Olaf Holzapfel

Endlich schlägt das Museum für Europäische Kulturen (MEK) wieder mit einer großen Ausstellung auf. „All Hands On: Flechten“ präsentiert Meisterwerke aus Kunst, Handwerk und Design, anonyme Stücke aus Stroh und Rinde genauso wie die neue Arbeit „Der geflochtene Garten“ (Abb.) von Olaf Holzapfel, Teilnehmer der Documenta vor fünf Jahren. Ein willkommener Anlass für eine U-Bahnfahrt nach Dahlem: das auch Biergärten, Buchhandlungen an der Uni, Parks und dem Landwirtschaftsmuseum Domäne Dahlem wenig entfernt vom MEK einen Ausflug wert ist. Perfekt für ein langes Wochenende.

  • Museum Europäischer Kulturen Arnimallee 25, Dahlem, Di–Fr 10–17, Sa/ So 11–18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 Jahre + Berlin Pass frei, Zeitfenstertickets hier, bis auf Weiteres

Michel Majerus

Mit nur 35 Jahren starb Michel Majerus (1967–2002) bei einem Flugzeugabsturz. In seiner kurzen Schaffensphase wurde der Luxemburger Maler und Wahlberliner zu einer prägenden Figur der 90er-Jahre (Abb.). Er vermischte Popkultur und Kunstgeschichte, weitete Malerei von der Leinwand auf den Raum aus, nutzte als einer der ersten digitale Tools. Anlässlich seines 20. Todestages wird sein Werk mit der Ausstellungsreihe „Michel Majerus 2022“ in mehreren Berliner Kunstorten gewürdigt. Zum Auftakt zeigt der Michel Majerus Estate Arbeiten des Künstlers zusammen mit Werken seiner beiden Professoren Joseph Kosuth und K.R.H. Sonderborg.

  • Michel Majerus Estate Knaackstr. 12, Prenzlauer Berg, Sa 11–18 Uhr, bis 18.3.23

Frauen im Bode-Museum

Sie soll die schönste Frau Europas zu ihrer Zeit gewesen sein: Juliette Recamier, Kopie nach Joseph Chinard um 1800
Foto:  Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt
Sie soll die schönste Frau Europas zu ihrer Zeit gewesen sein: Juliette Recamier, Kopie nach Joseph Chinard um 1800
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt

Es ist ein bisschen wie auf einer Schnitzeljagd. Wir betreten einen Saal im Bode-Museum und halten Ausschau nach dem Hinweis: ein grün-schwarzer Aufkleber mit der Aufschrift  “Der zweite Blick”. Und dann entdecken wir ihn an der Vitrine neben dem kleinen Bronzerelief (1520) von Hans Schwarz, das die Römerin Lucretia beim Selbstmord zeigt. In einer Hand hält sie den Dolch, mit der anderen streift sie das Oberteil herunter, entblößt ihre Brust. Auf dem dazugehörigen Zettel in einem Kasten neben der Vitrine erwarten uns aber kein Rätsel, sondern Aufklärung: über Lucretias tragische Geschichte genauso wie über die Entblößungsgeste, die letztlich nur der erotischen Aufladung der brutalen Szene dient.

So entdecken wir mehr als 60 weitere Frauendarstellungen, überall in der großen Sammlung spätantiker bis klassizistischer Kunst verteilt. Die innovative Ausstellungsreihe „Der zweite Blick” widmet sich in der zweiten Ausgabe der Frau, genauer den Geschichten und Rollenbildern hinter den Werken – und unterzieht diese einer heutigen, kritischen Betrachtung. Auf sechs thematischen Routen lernen wir Frauen aus Europas (Kunst-)Geschichte und Mythologie kennen, aber auch Berlinerinnen von heute wie die Straßensexarbeiter:innen aus der Kurfürstenstraße.


Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin

Gut zu wissen: Am Museumssonntag ist der Eintritt kostenlos, jeden ersten Sonntag im Monat. Immer gut über das Leben in Berlin informiert: Abonniert jetzt unseren wöchentlichen tipBerlin-Newsletter. Ihr wollt wissen, was in der Gastro-Welt Berlins geschieht? Hier entlang. Unsere Empfehlungen für eure Ohren: Konzerte in Berlin. Tipps und News für Party in Berlin findet ihr in der Club-Rubrik. Nach Feierabend noch was unternehmen? Diese Museen in Berlin sind auch abends länger geöffnet. Immer neue Texte und Tipps findet ihr in unserer Rubrik “Ausstellungen”. Noch nichts vor? Was heute los ist, lest ihr bei den Tageshighlights mit den besten Veranstaltungen in Berlin. Was läuft wann? Hier ist das aktuelle Kinoprogramm für Berlin.

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