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Empfehlenswerte Ausstellungen für die Sommerferien 2012

Stevie_Hanley300_c_StevieHanley_KunstraumKreuzbergBethanienReise nach Jerusalem
Sie sind in fein bestickte Stoffe gehüllt, tragen aufwendigen Kopfschmuck, Schleifen, Glasperlen, Spitzen. Der Blick andächtig, stolz, manchmal voller Demut, als hätten sie die Magie der Zeremonie, für die sie ausstaffiert wurden, eingeatmet. Die von der Fotografin Iwalja Klinke porträtierten Kinder wirken vor dem dunklen Hintergrund wie Gemälde aus der Renaissance. Sie besitzen fast schon eine Aura des Heiligen. Nicht das eigentliche Ritual, für das sie vorbereitet wurden, übt die Faszination aus, sondern ihr vollkommenes, ernsthaftes Eintauchen darin. Mit starken Bildern arbeitet auch Nezaket Ekici. Eine Frau in Burka, einmal mit süßem rosigen Schweinchen an der Leine, ein anderes Mal mit einem auf dem Arm, zieht mit der glatten, eingängigen Ästhetik sofort den Blick an und lässt im nächsten Moment das Skurrile an diesem Ensemble wirken. Mit den optischen Zeichen der jüdischen Tradition spielt Pavel Feinstein. Seine in altmeisterlicher Technik ausgeführten Ölbilder biblischer Szenen werden durch irritierende Sujets und Kompositionen humorvoll bis grausig ins Absurde geführt.

Die zehn in Berlin lebenden Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung haben sich intensiv mit der Religion und Tradition ihrer Familien befasst. Ob Trudy Dahan aus Israel nach ihren persönlichen Prägungen sucht, Zohar Fraiman auf die Unterdrückung durch Religion und Tradition hinweist, Rabi Georges sich mit der Identifizierung durch Glauben auseinandersetzt, Stevie Hanley die Irritationen und Spannungen durch christliche Werte untersucht (Abb.), Ervil Jovkovi sich symbolisch mit alten Polaroidfilmen auf das Unbeherrschbare einlässt, Yury Kharchenko sich melancholisch und poetisch mit dem Spirituellen beschäftigt oder Benjamin Reich das Sinnliche des religiösen Reglements beschwört – sie spüren ihre eigene Befangenheit oder sind kritisch, je nachdem, ob sie aus dieser Tradition herausgewachsen oder mit ihr vertraut gewesen sind. Auf jeden Fall sind es sehr starke persönliche Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit Religion, die nicht selten als etwas Zwanghaftes erscheint, jeden aber auf irgendeine Weise im Bann hält. ?

Text: Constanze Suhr
Foto: Stevie Hanley / Kunstraum Kreuzberg Bethanien
Reise nach Jerusalem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, bis 19.8.

diane_arbus_Zwillinge_c_TheEstateOfDianeArbusAlter Ego: Diane Arbus
Die Fotografin, die ihren Ruhm mit einer Serie über Zwillinge begann, kolportierte folgende Geschichte: Eines ihrer Modelle startete mit ihrer eineiigen Zwillingsschwester eine Shoppingtour und probierte gemeinsam mit ihr Kleider an. Sie bemerkte nicht, dass sie plötzlich alleine war. Erst, als sie die Schwester um ihre Meinung bat, stellte sie schockhaft fest: „Das war ich im Spiegel.“ Die Frage nach der eigenen Identität ist der Dreh- und Angelpunkt in Arbus’ tief- wie abgründigen Porträts. Sie gibt keine einfachen Antworten. So wenig, wie ein Zwilling einfach eine Verdoppelung der eigenen Existenz ist. Das tripelbödige ihrer Aufnahmen empfängt den Besucher gleich zu Beginn, wenn drei pausbäckige Teenager-Drillinge auf einem Bett nebeneinander hocken. Obgleich sich die Gesichtszüge fatal ähneln, hat doch jedes einzelne Mädchen ein durchaus eigenes Temperament.

Dies ist der Tenor der aktuellen Überblicksschau der Amerikanerin im Gropiusbau: Der Blick hinter die Oberfläche, die Suche mit der Kamera, das Einmalige einer Existenz zu fassen, ohne diese bloßzustellen. Nicht einmal bei und Perlenpower vorführenden New Yorker WASP-Repräsentantinnen mit grässlichem Perlmutt-Nagellack in einem „Automatenrestaurant“ stellt sich dieser Effekt ein. Oder bei kostümierten Nikoläusen während ihrer „Santa Claus“-Schulung. Arbus gilt als Porträtistin von Freaks aller Art: Seien es Transvestiten, Zwergwüchsige, Riesen, oder Nudisten.

Doch dieses Etikett greift viel zu kurz, wie nun die Präsentation ohne bewusstes Konzept belegt. Denn durch die scheinbare Un-Ordnung reihen sich diese Freaks ein in die sogenannte „Normalo-Welt“ und zeigen, wie würdig doch jede einzelne Existenz ist. Die Aufnahmen der Diane Arbus verdanken sich augenscheinlich echten Begegnungen mit auch noch so verkrachten oder angestrengten Menschen. „Sie arbeitete anthropologisch“, fasst Jeff Rosenheim, Kurator des Metropolitan Museum of Art New York zusammen. „Es ist wie August Sander. Es ist ein typologisches Werk. Aber nicht, um die Bilder einfach zusammenzuführen. Sie wollte die Welt umarmen.“ Es ist schon sehr auffallend, wie lange sich die Betrachter hier Zeit nehmen für ein einziges Foto.

Text: Martina Jammers
Foto:
Diane Arbus Martin-Gropius-Bau, bis 23.9.

/Cornelis_Bega_11_Bauernfamilie_c_StaatlicheMuseenZuBerlin__GemaeldegalerieVirtuos: Cornelis Bega
Er ist bis heute nur Kennern der holländischen Malerei bekannt: Cornelis Bega lebte in Haarlem und starb früh. 1664 raffte den virtuosen Genre-Maler die Pest dahin. In kurzer Schaffenszeit eroberte er sich seinen Platz in der Kunst mit stilllebenhaften Details und Hundert Abstufungen von Grau. Zwar ist er nicht Rembrandt, aber auch keiner, dessen Werke im Depot verschwinden. Die repräsentative Auswahl von Gemälden und Zeichnungen im Untergeschoss der Gemäldegalerie sind Leihgaben, die sonst im Getty Museum in L.?A. oder im Nationalmuseum Stockholm hängen.

Es lohnt, diesen Maler zu entdecken, denn seine kleinformatigen Genrebilder bereiten sinnliches Vergnügen. Stoffe malte er in unnachahmlich haptischer Qualität. Man fühlt sich an Bildhauerei erinnert, so plastisch sind die Figuren quasi in Öl gemeißelt. Auf manchen Krügen sammelt sich Staub, von dem man nicht erkennt, ob er artifiziell ist oder real auf der Bildoberfläche klebt. Dargestellt werden meist sitzende Frauen im Profil, im Bordell, beim „Gebet vor der Mahlzeit“ oder musizierend. Natürlich malt er auch Männer, „Der Alchimist“ etwa oder den dumpfen Bauern, der an die Wand pinkelt, während eine bäuerliche Frau ein seltsam edles Glas in der Hand hält. Nicht nur dieses Bild verdeutlicht, dass das, was der Maler ins Auge fasst, reine Erfindung ist. Er hätte nie so eine einfache Bauernstube betreten, meint der Direktor der Gemäldegalerie Bernd W. Lindemann, sondern aus der Fantasie gemalt. Die Szenen gingen auf Literatur aus der Antike zurück. „Schätzungsweise fünf bis zwölf Millionen Bilder“ haben die holländischen Maler im 17. Jahrhundert hinterlassen. Ein Schatz, der über die ganze Welt verteilt ist.

Text: Andrea Hilgenstock
Foto: Staatliche Museen Zu Berlin / Gemäldegalerie
Cornelis Bega. Ein Haarlemer Maler des 17. Jahrhunderts Gemäldegalerie am Kulturforum, bis 30.9.

orozco_c_GabrielOrozco2012Sortiert: Gabriel Orozco
Gabriel Orozco macht aus angeschwemmten Abfällen, die er am Strand fand, einen Objekt-Teppich. Die Begegnung mit dem Alltag der Wegwerfgesellschaft mutet poetisch an, rettet der Mexikaner doch die Würde der ausgedienten Dinge, indem er sie der Kunst zuführt. Trotzdem hat man Tony Cragg, Gerd Rohling und andere im Hinterkopf, die vor dem 50-Jährigen auch schon Strandgut bargen und teilweise origineller verarbeiteten. Säuberlich drapierte Orozco Kippen, Pflaster, Münzen und dergleichen mehr, diese Utensilien stammen von einem Sportplatz in Brooklyn. Halbwegs interessant wird diese Fleißarbeit allerdings erst durch die Fotos an den Wänden. Dort entfalten die Gegenstände naturhafte Gestalt und finden zu neuer Nachbarschaft. ?

Text: Andrea Hilgenstock
Foto: Gabriel Orozco 2012
Gabriel Orozco: Asterisms Deutsche Guggenheim, bis 21.10.

Schlau: Jenseits des Horizonts
Selbstverständlich nutzen wir Stadtpläne, schauen auf die Uhr, messen Strecken mit dem Maßband und wiegen das Gemüse auf der Küchenwaage ab. Diese Hilfsmittel sind nötig, um die Welt um uns herum zu strukturieren und das Leben in einer Gesellschaft zu gestalten. Doch die Ursprünge dieser Ordnungsprinzipien liegen mehrere Tausend Jahre zurück: Kulturen aus dem Vorderen Orient, Ägypten, Griechenland und Rom haben bereits in der Antike die Grundlagen dafür gelegt. Die Ausstellung zeigt anhand von 400 Objekten, wie sich der Mensch der Alten Welt organisierte. Dazu gehört auch, dass sich durch Ausbreitung von Wirtschaft und Handel die Schrift seit Ende des 4. Jahrhunderts  v. Chr. als universelles Speichermedium durchgesetzt hat.

Text: Steffi Sandkaulen
Jenseits des Horizonts Pergamonmuseum, bis 30.9.

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