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Ausstellungen zum Themenjahr „1914. ?Auf­bruch. Weltbruch“

Ausstellungen zum Themenjahr

Wie kann man den Ersten Weltkrieg ausstellen, der neun Millionen Solda­ten und sechs Millionen Zivilisten das Leben kostete? Zahlreiche Berliner Museen haben sich zum traurigen Ereignis vor 100 Jahren Gedanken gemacht. Mutmaßlich gab es neben dem Nationalsozialismus niemals ein Thema, das in der Stadt so vielfältig aufgegriffen wurde. Das Deutsche Historische Museum liefert die zentrale Schau zum Thema und hat sich für 14 lokale Stationen entschieden – darunter Verdun, Amiens, Brüssel, das ostpreußische Tannenberg oder Deutsch-Ostafrika.
Die Materialfülle ist überwältigend. Die vielfältigen Kojen im schwer bespielbaren Pei-Bau verlangen, mehrfach besucht zu werden, um sich alles zu erschließen. Aber der Blick wird geschickt  auf individuelle Schicksale gelenkt. Da ist die nur wenige Zentimeter große schmetterlingsförmige Automatendose, die Schokolade beherbergt. Ihr Inhalt will so gar nicht zur Imprägnierung passen: ein Dorf in Flammen, eine Mutter, die sich über ihr am Boden liegendes Kind beugt, russische Soldaten, die vom Pferd herab Frau und Kind bedrohen. Die Aufschrift „Kosaken-Mordbrenner in Ostpreußen“ verdeutlicht, dass hier die „Russengräuel“ nach dem Einmarsch der russischen Armeen im Sommer 1914 dargestellt sind. ?Mit dem chirurgischen Lazarettbesteck wird auch die Medi­zin im Krieg thematisiert, obwohl es verwun­derlich ist, dass es hierzu keine eigene Einzelausstellung gibt – hat doch die Medizin durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs große Fortschritte gemacht, schließlich geschahen 80 Prozent aller Verwundungen durch neue Geschosse wie Schrapnellkugeln oder Granatsplitter. ?Nach dem Erstarren der Front im Herbst 1914 befand sich der Nordosten Frankreichs unter deutscher Besatzung. Die Einführung der Zwangsarbeit und die während der deutschen Rückzüge in den letzten beiden Kriegsjahren verursachten Verwüstungen bedeuteten großes Leid für die französische und belgische Zivilbevölkerung.

45/WK1.jpgDas Jüdische Museum widmet sich jetzt in seiner Kabinettausstellung der Erinnerungskultur und der ambivalenten Erfahrung von Zugehörigkeit und Ausgrenzung. 100?000 Juden zogen für das Deutsche Reich ins Feld. Und obgleich der Antisemitismus auch in der Armee allenthalben stattfand, erhielten sogar 1934 noch viele deutsche Juden anlässlich des 20. Jahrestages sogenannte „Ehrenkreuze“. Liebermanns Zeichnung „Den 10?000 gefallenen jüdischen Frontsoldaten“ aus den frühen 1920er-Jahren steht sinnbildlich für alle Mütter der gefallenen Juden. Die Exponate stammen allesamt aus den eigenen Beständen. Die Berliner Sammlung verfügt nach dem Leo Baeck Institute New York sowie den Central Archives in Jerusalem zu den bedeutendsten auf diesem Gebiet.
In der Ausstellung „Der gefühlte Krieg“, zu sehen im Museum Europäischer Kulturen, hat Günther Uecker sieben Pappelstämme geweißt und mit Zimmermannsnägeln bekrönt. Dem Pazifisten geht es hierbei um die Darstellung der Verletzungen des Menschen durch den Menschen. Der „Wald“ des Nagelkünstlers steht dem im Original 13 Meter hohen „Nagel-Hindenburg“ gegenüber. Diese Skulptur wurde 1915 vor der Berliner Siegessäule errichtet. Es handelt sich um ein spezifisch deutsches und österreichisches Phänomen: Kollektiv wurden damals Spendennägel in die Plastik gehämmert, um gleichermaßen aktiv die Vaterlandsliebe zu dokumentieren wie auch das Mitgefühl mit den eigenen Kriegsopfern.
Mit „Liebe“ ist dieser Eröffnungssaal überschrieben, in dem der Nagelwald steht, was nicht zuletzt in der umfangreichen Korres­pondenz zwischen dem jugendlichen Liebespaar Georg Ehrenberg und seiner Braut Frieda Milewski aus Neukölln zum Ausdruck kommt. Es ist ein cleverer wie ergiebiger museologischer Ansatzpunkt, bei den Gefühlen anzusetzen, um das unfassbare Leid darzustellen. Rund 650 Briefe und Postkarten der beiden wanderten in den Jahren 1915-17 zwischen der sogenannten Heimatfront und der Kriegsfront hin und her. Intensive Emotionen schlagen sich hier nieder: Erotik, Sehnsucht nach der Heimat, Kampfbereitschaft, Resi­gna­tion und Verzweiflung, Angst vor Krank­heit und Tod. Ein zerschossener Stiefel, eine durchsiebte Trinkflasche, ein längst verrosteter Henkelmann – erschütternd sind die persönlichen Gegenstände eines deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges, die 2012 bei einer Ausbettung in Litauen geborgen wurden. Reichsfleischmarken künden von der zunehmenden Mangelversorgung der Bevölkerung.
An den Folgen von Unterernährung und Hunger starben in Deutschland rund 700?000 Menschen. Die Kindersterblichkeit stieg gar um 50 Prozent. Die Trauer der Mütter zentriert sich im Käthe-Kollwitz-Museum um die „Pietа­“ der Hausherrin von 1937. Die Künstlerin verlor in den ersten Kriegswochen ihren Sohn Peter in Flandern – ein Trauma, das Kollwitz nie wieder losließ. Sie wurde von der Kriegsbefürworterin zur überzeugten Pazifistin. 1924 entstand ihr Pamphlet „Nie wieder Krieg!“. Sie erkannte den Zweiten Weltkrieg als „Antwortkrieg“ des Ersten.

Ausstellungen zum Themenjahr

Im Kollwitz-Museum ist der Kuratorin Gudrun Fritsch ein spannender Dialog der Stammkünstlerin mit der rund hundert Jahre jüngeren Ungarin Kata Legrady gelungen. Diese besetzt Kalaschnikows mit bunten Smarties. Bereits Horaz drosch die fragwürdige Sentenz: „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“ Legrady klagt damit die Verführung und falschen Verheißungen des Krieges an, die letztlich Millionen Opfer auf dem Gewissen haben. Die Künstlerin ummantelt Pistolen mit Dollar- oder Yen-Noten und spielt damit auf die Mächtigen der Gegenwart an, für die Krieg ein Geschäft ist.

Text: Martina Jammers

Fotos: Ivana Asic/ Kroatisches Historisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia, Legrady Kata (Privatbesitz)


Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg:

1914–1918. Der erste Weltkrieg Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, Mitte, tgl. 10–18 Uhr, bis 30.11.

Der gefühlte Krieg ?Museum Europäischer Kulturen, ?Arnimallee 25, Dahlem, Di–Fr 10–17 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 28.6.2015

Der erste Weltkrieg in der ?jüdischen Erinnerung ?Jüdisches Museum, Lindenstraße 9-14, Kreuz­berg, Mo 10–22 Uhr, Di–So 10–20 Uhr, bis 16.11.

Mahnung und Verlockung
? Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstraße 24, Charlottenburg, tgl. 11–18 Uhr, bis 6.11.

Die große Illusion Collegium Hungaricum Berlin, ?Dorotheenstraße 12, Mitte, Mo–Fr 10–19 Uhr, Sa+So 14–19 Uhr, bis 26.10.

1914. Das Ende der Belle Йpoque Bröhan-Museum, Schloßstraße 1?a, ?Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, bis 31.8.

Avantgarde! Sonderausstellungshallen Kulturforum, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 12.10.

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