Ausstellungen

Die Austellung „Forensis“ im Haus der Kulturen der Welt

Erdvergiftung

Nabil Ahmed setzt sich in seinem Case „Earth Poison“ mit Arsen-Vergiftung und Ressourcenausbeutung in Bangladesch auseinander. Zu sehen sind Luftbildaufnahmen von Minen, aus denen vergiftetes Wasser in Flussläufe abgeleitet wird, und Wasserproben, die Arsen in den Flüssen nachweisen. Eyal Weizman erklärt: „Heute sind die Agenten, die Geschichte erzählen, oft keine Personen mehr, sondern Codes, Satelliten-Bilder, die so zur narrativen Stimme werden, auch in den Zeitungen. Dieses Material wird oft zu einer politischen Angelegenheit, etwa beim Klimawandel.“ Ahmed arbeitet mit einem Materialmix, der sogar popkulturelle Benefiz-Schallplatten nach dem großen Wirbelsturm 1971 in Indonesien beinhaltet. Und Bilder von Schutzgebäuden, die damals nach dem Sturm entstanden. Obwohl sich Ahmed als Künstler definiert, nutzt er den forensischen Blick, um eine eigene Narration konkreter historischer Ereignisse zu wagen.

Leuchtkästen

Der Besucher navigiert in der HKW-Schau durch eine Landschaft ganz unterschiedlicher Fallstudien und Untersuchungen. Manche Projekt-Inseln im HKW bieten Dokumente zum Blättern oder Video-Screens und Audiostationen. Starke visuelle Marker der Schau sind dabei Untersuchungstischen nachempfundene Leuchtkästen – als gestische Übertragung der forensischen Methode in den Raum hinein.

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Bestückt sind sie mit Bildern auf semitransparenter Folie: Bodenproben-scans, aber auch Analysen von Videos, manchmal Frame für Frame, sogenannte Video-to-Space-Analyse: Sobald nämlich mit zwei Smartphones eine Crime-Szenerie aus zwei Perspektiven gefilmt wird, lässt sich daraus ein 3-D-Modell errechnen. Hat man in der Aufnahme sogar ein prägnantes Geräusch wie einen Schuss, lassen sie sich besonders gut miteinander synchronisieren. Das geschah etwa beim Tod eines Demonstranten an der Mauer in Israel. Viele der Forensis-Projekte fragen nach der Kausa-lität. Und die ist oft noch viel komplexer, als wenn man den Lauf einer Kugel in einen Schädel zurückverfolgt.

Versunkene Boote

Der Case „Left-To-Die-Boat“ von Charles Heller und Lorenzo Pezzani ist eines der akutesten Projekte der Schau: Den beiden geht es, durchaus mit aktivistischem Hintergrund, um ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer. Sie zeigen übereinander gelagerte Satelliten und Radaraufnahmen: Klar sieht man die Küstenlinie und die Aufenthaltspunkte und die Abdrift eines afrikanischen Flüchtlingsbootes. Die Berechnungen der Meeresströmungen sehen nur so kurz schön aus, wie man den Kontext ausblendet. Heller und Pezzani können durch ihre Arbeit recht genau sagen, welche Schiffe das Boot auf dem Radar gehabt hatten und es ignorierten. So beweisen sie verweigerte Hilfeleistung. Sie nehmen Zeugenaussagen Überlebender zu Gedächtnisprotokollen auf und spielen die Beweise Anwälten und NGOs zu.

9,3 Millionen Objekte

Das File „Entered into Evidence“ von Susan Schuppli setzt sich mit dem UN-Kriegsverbrechertribunal auseinander, dessen Archiv 9,3 Millionen Einträge und Objekte umfasst. Wie findet man dort eine Ordnung? Die Künstlerin geht der Frage nach, was überhaupt ein materieller oder digitaler Beweis sein kann. Die Arbeit betont das Dilemma, dass 9,3 Millionen Beweisstücke von niemandem überblickt werden können, zugleich aber hoch institutionalisiert eine politische und juristische Realität sind.

Widerstandskraft

Alle in der Schau vertretenen Projektinitiatoren und Künstler sind Research Members oder Mitstreiter in Weizmans Agentur. Alle kommen sie auch zur Konferenz am Eröffnungswochenende der Schau, um sich etwa mit dem Anwalt Julian Assanges oder dem Skandal-Autor Jonathan Littell auszutauschen. Die gesellschaftliche Relevanz der Forensis liegt auf der Hand: „Die Verfügbarkeit investigativer Techniken und ihrer Bilder, die Rechenkraft, die uns heute zur Verfügung stehen, bilden eine Widerstandskraft“, sagt Weizman. Franke fügt dem hinzu: „Da sich uns diese Möglichkeiten bieten, müssen wir sie auch nutzen, um Staaten zur Rechenschaft zu ziehen.“ Obwohl viele Künstler in der Ausstellung vertreten sind, verlässt sie den rein symbolischen, unbestimmten Raum der Kunst. Die Projekte sind dazu da, Konsequenzen in den öffentlichen Raum zu tragen, Machtmissbrauch nachzuweisen und anzuklagen. Im internationalen Forum.

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Text: Stefan Hochgesand

Fotos: Paulo Tavares / Eyal Weizman / Jakob Hoff

Forensis?, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Allee 10, Tiergarten, Mi–Mo 11–19 Uhr, ?15.3.–5.5.

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