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Berlin Documentary Forum im Haus der Kulturen der Welt

The_Mongols_c_ParvizKimiavi„Ihr seid Mongolen“, sagt ein Filmemacher zu einer Gruppe von Turkmenen, die im Iran an ihren asiatischen Gesichtszügen deutlich als Minderheit zu erkennen sind. Die Männer sollen Rollen übernehmen in einem Film, der in Parviz Kimiavis „Mogholha“ (1973) als Projekt auftaucht. Der Regisseur hat einen Brotjob beim Fernsehen, wo er eine Sendung über Filmgeschichte mit einer eher langweiligen Frontalpräsentation über die verschiedenen frühen Formen des Bewegtbildes bestreitet. Während er daheim über seiner Film­idee brütet, tippt seine Frau auf einer Schreibmaschine eine akademische Arbeit über die Mongoleninvasion im Iran. Es geht also einigermaßen durcheinander mit den Genres und Diskursen in diesem modernen Klassiker des iranischen Kinos.

Und es ist gerade diese ausgeprägte Selbst­reflexivität, die „Mogholha“ zu einem geeigneten Programmpunkt für die dritte Ausgabe des Berlin Documentary Forum im Haus der Kulturen der Welt macht. Diese von der Kuratorin und Filmemacherin Hila Peleg („A Crime Against Art“) ins Leben gerufene Veranstaltung fügt den auch filmisch intensiv geführten Debatten um die Übergänge zwischen erfindenden und dokumentarischen Formen noch ein wesentliches Element hinzu: Performance, lebendige Rede, persönliche Präsentation.

So verdankt sich die Vorführung von „Mogholha“, zu der Parviz Kimiavi persönlich erwartet wird, einer Auswahl durch Catherine David, die 1997 als Kuratorin der dOCUMENTA wesentlich zu dem inzwischen allgegenwärtigen Brückenschlag zwischen Film und Kunst beigetragen hat. David beschäftigt sich seit längerer Zeit intensiv mit dem „Orient“, vor allem mit dessen Traditionen einer säkularen Nachkriegsmoderne. Beim diesjährigen Berlin Documentary Forum bringt sie mit dem Fotografen Morteza Avini, der wesentlich den Iran-Irak-Krieg in den 80er-Jahren dokumentiert hat, auch noch einen gewichtigen Begriff ins Spiel: Wahrheit.

Das Spannungsfeld der Veranstaltung im Haus der Kulturen der Welt liegt zwischen diesem hohen Anspruch und der enormen Vielfalt von Möglichkeiten, diesem gerecht zu werden. Dabei geht es auf einer anderen Ebene auch um die Frage nach der Kunst. Michael J. Baers wird im Rahmen einer Lesung auf Grundlage einer Online-Graphic-Novel von dem Projekt „Picasso in Palestine“ berichten, in dem eine Ausstellung mit Bildern des wohl berühmtesten Malers der Welt in Ramallah vor allem von Sicherheitsaspekten bestimmt wird. Für die Kunst ist in Palästina weniger Raum als anderswo.

Mit dem Projekt „1?001 Wirklichkeit. Fortsetzungen eines unabgeschlossenen Romans“ kommen weitere Aspekte ins Spiel: Die Erzählform, die wir neben dem Kino am stärksten mit der Suggestion von Realismus verbinden, wird geöffnet, sie wird als prinzipiell unabschließbar kenntlich gemacht, zudem wird mit dem Element einer Live-Radiosendung der akustische Aspekt des Sprachanteils hervorgehoben.

Hier wie auch an vielen anderen Stellen wird deutlich, dass das Berlin Documentary Forum sich nicht so sehr als Repräsentation eines erreichten Theorieniveaus versteht, sondern als Labor. Aus den Jahren davor weiß man, dass die Veranstaltung dem Publikum einiges abverlangt, weil sich alles auf vier sehr dichte Tage konzentriert. Doch darin liegt gerade die Chance auf eine intensive Konzentration, die sich von der Vielfalt des Programms inspirieren lässt.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Parviz Kimiavi

Berlin Documentary Forum 3 Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Do 29.5., 18–23 Uhr, Fr 30.5., 14–23 Uhr, Sa 31.5., 12–23 Uhr, So 1.6., 14–23 Uhr, tgl. DJ-Sets ab 23 Uhr, www.hkw.de

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