Ausstellungen

Künstlerische Fotografie in der DDR

Matthias_Hoch_Halle_Saale_c_VG_Bild_Kunst_Bonn_2010_sammlung_berlinische_galerie_berlinAus ihren behaglich gepolsterten Kinosesseln heraus starren die Besucher durch ihre identischen 3D-Brillen auf das, was ihnen vorgesetzt wird. Nur einer in deren Mitte hat sich erhoben und die Brille vom Gesicht gerissen, entsetzt über das, was er ohne diesen Wahrnehmungsfilter sieht. Die dreiteilige Fotoserie „Im Kino“ von Matthias Leupold, entstanden 1983, war in ihrer Aussage nicht misszuverstehen. Leupold gehörte zu der außerordentlich produktiven, autonomen Berliner DDR-Kunstszene der 1980er-Jahre, die vor allem in Prenzlauer Berg angesiedelt war. Als er seine Arbeit als Fotograf begann, hatte sich die experimentelle Fotografie der DDR mit der Ausstellung „Medium Fotografie“ 1977 in Halle schon offiziell von der systemtreuen angewandten Bildherstellung getrennt. Mit selbst organisierten Ausstellungen, Postkartenproduktionen und Autorenpublikationen wurden die medialen Kontrollmechanismen umgangen.

Erasmus_Schroeter_Junger_Mann_c_sammlung_berlinische_galerie_berlin„Nicht die DDR in Bildern zu zeigen, war unser Ziel, solche Ausstellungen sind in den letzten Jahren ganz viele gemacht worden“, erklärt einer der vier Kuratoren der Ausstellung in der Berlinischen Galerie, Ulrich Domröse. „Unser Ziel war, die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel zu behandeln.“ Domröse ist Leiter der fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie, aus deren Beständen 70 Prozent der gezeigten Fotografien kommen. Er hatte bereits in den 1980er-Jahren im Rahmen eines Forschungsprojekts als Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR eine umfangreiche Fotosammlung zusammengetragen, die sich heute im Archiv des Landesmuseums befindet. Zusammen mit den Kuratoren T. O. Immisch, Gabriele Muschter und Uwe Warnke wird er mit dieser Ausstellung, die das gesamte Erdgeschoss der Berlinischen Galerie umfasst, Maßstäbe setzen. Eine so umfassende und kompetent recherchierte Präsentation von künstlerischer DDR-Fotografie über den gesamten Zeitraum von 1949 bis 1989 gab es bisher noch nicht.    

Die Auswahl der insgesamt 34 Fotografinnen und Fotografen sowie der rund 250 auszustellenden Arbeiten wurde nach kunstwissenschaftlicher Relevanz getroffen. „Wir haben nachgefragt, was noch heute, betrachtet nach dem Innovationsprinzip, trägt“, sagt Domröse. Zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer könne man nun deutlicher erkennen, mit welchen inhaltlichen und ästhetischen Entscheidungen jede Generation auf die gesellschaftlichen Verhältnisse des autoritären Staates und seiner doktrinären Kulturpolitik geantwortet habe, und welche Wechselbeziehungen es zur sich international entwickelnden Fotografieszene gab. Für die Ausstellung wurden die Werke der Künstlerinnen und Künstler in drei Hauptkapitel strukturiert. Die erste ist die sozial engagierte Fotografie, überschrieben „Realität–Engagement–Kritik“, mit Vertretern wie Ursula Arnold, Arno Fischer, Evelyn Richter, Sibylle Bergemann und Gundula Schulze Eldowy.

erasmus_schroeter_frau_in_rot_c_sammlung_berlinische_galerie_berlin1992 hatte die Berlinische Galerie im Martin-Gropius-Bau eine erste umfassende Übersicht der ostdeutschen Fotografie von 1945 bis 1989 gezeigt, mit dabei waren auch Arbeiten Ursula Arnolds, deren Bilderserien von einer scharfen, kritischen Sicht auf die DDR-Realität geprägt sind. Arno Fischer gehörte wie Evelyn Richter zu den wenigen Fotografen der älteren Generation, die auch in den 1980er-Jahren einen prägenden Einfluss auf die junge Fotoszene besaßen.  Die Impulse für Evelyn Richters Arbeit kamen aus der zeitgenössischen westlichen Fotografie, die sie durch die Fotozeitschrift „Magnum“ kennenlernte. In der Manier eines Cartier-Bresson arbeitete sie nach dem Prinzip des „entscheidenden Augenblicks“. Ihre „Heldinnen der Arbeit“ lachen nicht in die Kamera, man sieht ihnen die Anstrengung des Jobs durchaus an. Auch Gundula Schulze Eldowy brachte mit ihren Bildern von Menschen, die nicht in das Idealbild der sozialistischen Gesellschaft passten, einen frechen, unangepassten Ton in die Fotografielandschaft der DDR. Die zweite Sektion „Montage–Experiment–Form“ mit Fotokünstlern wie Edmund Kestin und Fritz Kühn beschäftigt sich mit einer formalen Bildsprache, die an die Moderne Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts anknüpft. Bis in die 1970er-Jahre war dieser Formalismus in der DDR als L’art pour L’art verpönt und wurde erst dann von einer jüngeren Fotografengeneration wiederaufgenommen, die sich auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen auch in den dreidimensionalen Raum begab.

Matthias_Leupold_Im_Kino_c_vg_bild_kunst_bonn_2012Die dritte Sektion „Medium–Subjekt–Reflexion“, innerhalb derer unter anderem Fotos von Leupold (links), Helga Paris, Sven Marquardt, Tina Bara, Jörg Knöfel, Kurt Buchwald und Thomas Florschuetz gezeigt wer-den, ist geprägt von einem desillusionierten Blick auf die Gesellschaft. Florschuetz machte den eigenen Körper zum Hauptgegenstand seiner Fotografie und zeigte mit Überblendungen und Teilsichten, dass der eigene Blick immer nur fragmentarische Wahrnehmung bedeutet. Buchwald beschäftigte sich mit dem Medium Fotografie an sich. Im Mai 1989 gelang ihm mit seiner Aktion „Fotografieren verboten“ ein humorvoller kritischer Kommentar zur Restriktion im Alltag, als er seine Fotografierverbotsschilder auf dem Alexanderplatz verteilte. Merkel zeigte mit seinen grell kolorierten Aufnahmen den Widerspruch zwischen inszenierter Wirklichkeit und grauem Alltag, und Bara ließ die sehr intimen Bilder der von ihr fotografierten Menschen zu einer allgemeinen Darstellung von Verwundbarkeit werden. Paris, Vertreterin der älteren Generation, fotografierte in den frühen 1980er-Jahren die subkulturelle Künstlerszene, dann folgte eine Reihe von Frauenporträts, die Widersprüche zum offiziellen Bild der Frau im Sozialismus aufdecken.  

Kurator Ulrich Domröse räumt ein, dass eine so strenge Kapiteleinteilung lediglich ein Ordnungsversuch sei und es natürlich Überschneidungen gebe. Erasmus Schröter, in der Sektion der sozial engagierten Fotografie geführt, hätte mit seinen früh gestarteten Farbfotoexperimenten auch gut in die zweite Gruppe „Montage–Experiment–Form“ gepasst. Die Unzulänglichkeit der ORWO-Filme mit ihrer verfälschten Farbwiedergabe machte Schröter zu einem wichtigen Ausdruckselement. Mitgefühl scheint der Fotograf mit den Abgelichteten übrigens nicht gehabt zu haben. Da stand spürbar jemand hinter der Kamera, der sich mit den vorhandenen Verhältnissen in einem Land, das eine Kosmetikmarke mit dem Namen „Patina“ hervorgebracht hatte, nicht mehr arrangieren wollte. 1985 siedelte Schröter mit seiner Frau in den Westen über.

Text: Constanze Suhr

Foto: Matthias Hoch (Oben), „Halle/Saale II, 1988, VG Bild-Kunst Bonn 2012; Erasmus Schröter, Matthias Leupold, VG Bild-Kunst Bonn 2012; alle Fotos Sammlung Berlinische Galerie, Berlin

Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1949–1989 Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 5.10.–28.1.2013

Ausstellungen im Kontext:

„Im Mondschein“, Erasmus Schröter, only photography, Niebuhrstraße 78, Charlottenburg, 26.9.–23.10.; „Schlachthaus“, York der Knöfel, Loock Galerie, Invalidenstraße 50/51, Tiergarten, 19.10.–22.12.

 

Mehr über Cookies erfahren